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09.05.2003
 

Krise beim 1. FC Nürnberg

"Heute machen wir wieder Trallala"

Von Johannes Kopp

Beim so gut wie abgestiegenen 1. FC Nürnberg geht es drunter und drüber. Mit einer Entlassungswelle wollte das Präsidium den Weg für einen Neuanfang ebnen, doch die vielen im Dunkeln verbleibenden Ungereimtheiten lassen vermuten, dass alles beim alten Chaos bleibt.

Mentaltrainer Breidenbach: "Es gibt immer Wunder"

Mentaltrainer Breidenbach: "Es gibt immer Wunder"

Peter Breidenbach ist nur scheinbar ein Opfer unter mehreren. Als letzte Woche die Vereinsführung des 1.FC Nürnberg ihre Kündigungen aussprach, war es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Außer Trainer Klaus Augenthaler wurden auch sein Assistent Thomas Brunner, Mannschaftsbetreuer Bernd Promberger, Fitness-Coach Jürgen Sessner, der Manager Edgar Geenen und eben der Mentaltrainer Breidenbach gefeuert. So stand es in der Presse geschrieben.

Der Psycho-Coach selbst sagte SPIEGEL ONLINE, er würde in seinem Fall nicht von einer Entlassung sprechen. Genauer mochte er seine momentane Verbindung zum Verein nicht beschreiben. Ein Interview wollte er nur mit Erlaubnis des 1. FC Nürnberg führen. Er beabsichtige nicht, sich selbst ein Bein zu stellen. Der Mann scheint noch eine Perspektive beim Club zu haben, obwohl der neue Trainer Wolfgang Wolf nicht mit ihm zusammenarbeiten will.

Vielleicht rührt der Optimismus von Breidenbach daher, dass ihn Augenthaler anfangs auch nicht haben wollte und ihn erst auf Zureden seines Präsidenten Michael A. Roth einstellte. Breidenbach ist nämlich ein Schützling Roths. Der Nürnberger Teppichhändler und Hotelbesitzer ist schon vor einiger Zeit von seinen "Arotel"-Bediensteten auf den Psychologen aufmerksam gemacht worden. In der "Arotel"-Herberge hält er seit mehreren Jahren Seminare ab.

Von sich selbst reden gemacht hatte Breidenbach durch außergewöhnliche Taten und Ideen. Mit einer 24 Stunden langen freien Rede anhand von 16 "Erfolgsthemen“ sicherte er sich einen Eintrag in das Guinnessbuch der Rekorde und während des Irak-Krieges ermutigte er die Internetgemeinde, das Geschehen mit positiven Gedanken zu beeinflussen: "Ich bete für Saddam Hussein. Stärke seinen Glauben in die Kraft der Liebe. Lasse ihn in der Liebe zu seinem Volk weise und friedvolle Entscheidungen treffen.“

So erstaunt es nicht, dass der Mentaltrainer auch fest daran glaubte, den Club retten zu können. Im Nachhinein resümiert Breidenbach: "Objektiv gesehen, war der Zeitpunkt meiner Einstellung zu spät. Aber Wunder gibt es immer wieder." Zumindest die unberechenbaren Entscheidungen des Präsidiums um Roth können kaum noch jemanden verwundern. Der Präsident offenbarte seine Unentschlossenheit nicht erst in der Personalie Breidenbach.

Mitte März nach einer 0:5-Schlappe in Kaiserslautern bereitete Roth erstmals die Kündigung von Augenthaler über die Medien vor. Er erzählte vor der Kamera: "Es gab bei uns ja auch schon Trainer, die von sich aus gesagt haben: Ich mache den Weg frei.“

Augenthaler: Trotz 0:3-Niederlage gegen Hertha BSC Berlin von den Fans gefeiert
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DDP

Augenthaler: Trotz 0:3-Niederlage gegen Hertha BSC Berlin von den Fans gefeiert

Als er jedoch beim nächsten Spiel miterleben musste, wie die Fans dem Trainer trotz einer Niederlage (0:3 gegen Hertha BSC Berlin) stimmgewaltig Beistand leisteten - trat er den Rückzug an. Er sagte, seine Äußerungen seien fehl interpretiert worden. Da er nicht als Wendehals missverstanden werden wollte, versprach er, Augenthaler die Treue gar im Falle eines Abstieges zu halten. Sechs Wochen später entließ er ihn.

Der Führungsstil von Roth hatte durchaus Ähnlichkeiten mit dem ängstlichen und unentschlossenen Auftreten der Nürnberger Profis in der Rückrunde auf dem Rasen. Die Verantwortung für seine wankelmütigen Entscheidungen lastete er aber Anderen an. Eine Misstrauenskultur etablierte sich beim Club.

Roth mutmaßte argwöhnisch, die Fans seien bei ihren Bekenntnissen zu Augenthaler vom Teambetreuer und ehemaligen Fanbeauftragten Bernd Promberger gesteuert worden, weshalb er wohl auch diesen später entließ. Als die Vorwürfe des Präsidenten publik wurden, so berichtet Promberger, riefen bei ihm die Fanbeauftragten vom VfB Stuttgart, Bayer Leverkusen, dem Hamburger SV und Eintracht Frankfurt an. Sie amüsierten sich köstlich über die Vorstellung Roths, ein Einzelner könne Regie über das Verhalten von Tausenden Schlachtenbummlern führen.

Breidenbach erhebt wiederum den Vorwurf, seine Autorität sei von Seiten der sportlichen Führung untergraben worden. Deshalb habe er nur das Vertrauen der halben Mannschaft gewinnen können. Augenthaler will er ausdrücklich nicht gemeint haben. Auch Promberger fühlt sich nicht angesprochen. Er sehe Breidenbachs Arbeit ganz wertfrei. Dass Spieler gegen ihn aufgehetzt worden seien, kann er sich nicht vorstellen. Er wisse nur, dass Breidenbach bei manchen Spielern nicht gut ankam. Sie murrten vor Kollektivsitzungen: "Heute machen wir wieder Trallala."

Wie ein zerstrittener Karnevalsverein gab sich der "Club" nach der Entlassung Augenthalers nahezu jede Blöße. Zunächst wurde das Gerücht gestreut, eine Gruppe von Spielern mit Sasa Ciric an der Spitze hätte bei der Vereinsführung um die Ablösung des Trainers gebettelt. Als nächstes musste eine Putzfrau als Zeugin herhalten, um Augenthaler als Alkoholiker an den Pranger zu stellen. Der 1. FC Nürnberg schien mit Stefan Effenberg in Konkurrenz treten zu wollen - im Schlagzeilenkampf um die niveaulosesten Geschichtchen. Augenthaler sieht sich einer Rufmordkampagne ausgesetzt und schaltete einen Rechtsanwalt ein.

Der als Saufkumpane von Augenthaler denunzierte Promberger ist ebenfalls empört über die Spekulationen. Er erklärt zum angeblichen Trinkgelage auf der Zugfahrt nach Hamburg: "Die Mitropa hatte nur drei Weißbierkästen an Bord gehabt. Die waren bei den vielen Fans im Wagen schnell weg. Es hat kein Besäufnis gegeben."

Michael A. Roth: "Unser Ziel ist es, sofort wieder aufzusteigen"
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DPA

Michael A. Roth: "Unser Ziel ist es, sofort wieder aufzusteigen"

Vieles bleibt ungeklärt beim "Club", vor allem die Frage, wie es weitergehen soll. Das Entlassungsspektakel und der wahrscheinliche Abstieg belasten den mit bereits mindestens zwölf Millionen Euro verschuldeten Verein erheblich. Kostspielige Abfindungen müssen ausgezahlt werden und Leistungsträger wie Darius Kampa oder David Jarolim stehen fest auf der Verkaufsliste. Mit den Erlösen will man die Mindereinnahmen in der Zweiten Liga kompensieren.

Schon jetzt baut der Präsident aber wieder reichlich Spannungspotential für den Neuanfang auf. Trotz des anstehenden Ausverkaufs der Mannschaft legt er die Messlatte ganz nach oben: "Unser Ziel ist es, sofort wieder aufzusteigen.“ Der Visionär Roth rät dem Trainer Wolf dabei, ganz pragmatisch auf die "heimische Scholle“ zu setzen. Bald wird der erkennen müssen, dass er dazu Hilfe braucht. Sein Präsident wird ihm vielleicht dann nahe legen, den scheinbar nicht wirklich entlassenen Breidenbach anzurufen.

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