Von Marc Baumann
Unterhaching - Die Geschichte des Francisco Copado sollten Trainer jedem talentierten Nachwuchsfußballer auf den Nachttisch legen. Sie beginnt hoffnungsvoll, steigt hinab zu den Abgründen eines Fußballerlebens und endet doch im Guten. Sie steht in keinem Buch, aber Kapitel für Kapitel in der "Bild", der "Bunten" und den Sportteilen vieler Zeitungen.
Francisco Copado, in Kiel geboren Sohn spanischer Gastarbeiter, schaffte 1991 als 17-Jähriger den Sprung von Holstein Kiel zum großen HSV, was den Start in eine große Karriere verhieß, aber nur der Anfang eines langen Abstiegs war. In der Bundesliga konte sich der 1,70 Meter kleine Stürmer nicht durchsetzen, deshalb gaben ihn die Hamburger nach 13 Spielen ohne Torerfolg 1996 an den damaligen spanischen Zweitligisten RCD Mallorca ab. Vom Urlaubsparadies wechselte Copado 1997 in die Zweite Liga zu Tennis Borussia Berlin. Dort traf Copado auf Winnie Schäfer, und er schaffte es von dem renommierten Trainer binnen vier Monaten dreimal suspendiert zu werden. Rekordverdächtig.
Im Trainingslager der Berliner beispielsweise tanzte Copado am Abend vor einem Testspiel gegen den FC Bayern München morgens um 3 Uhr auf einem Klavier - und wurde bestraft. Einige Wochen später telefonierte Copado während einer Schweigeminute für einen Verstorbenen mit seinem Handy - und wurde erneut bestraft. Copado prügelte sich zudem im Training mit seinen Mitspielern Ansgar Brinkmann und Sasa Ciric - und wieder landete er auf der Strafbank. Als seine Ehefrau zudem eine Affäre mit seinem Teamkollegen Kreso Kovacec unterhielt, verkündete Copado gekränkt, nie mehr einen Ball an den Geliebten seiner Frau abzugeben. Auch privat waren die Jahre bei Tennis Borussia Berlin ein Tiefpunkt seines Lebens.
"Ich habe genügend dafür bezahlt, dass ich mich in früheren Zeiten zu oft auf mein Talent verlassen habe", sagt Copado heute selbstkritisch über seine wilden Jahre. Als der Stürmer im Juli 2000 zur damals noch Bundesliga spielenden SpVgg Unterhaching wechselte, war er der Inbegriff eines Profis, der sein großes Potenzial schamlos vergeudet hatte.
Doch auch der Umzug nach Bayern schien wenig am Image des Stürmers zu ändern: Als Copado nach einer Disco-Prügelei mit gebrochenem Arm zum Training kam und behauptete, er wäre gestürzt, verbannte ihn Trainer Lorenz Köstner zehn Monate lang auf die Tribüne. Der Stürmer schien in Bayern ebenso abgeschrieben wie die Spielvereinigung, die nach zweijähriger Zugehörigkeit zur Bundesliga (1999 bis 2001) bis in die Regionalliga durchgereicht wurde. Der Verein war schwer angeschlagen, mehr als ein Jahr Regionalliga würde er nicht überstehen.
Karriere am Ende, Ehe kaputt, Francisco Copado musste sich ändern, und zwar schnell. Mit 27 Jahren wurde er langsam zu alt für ein Fußball-Märchen. Dass er eine neue, den HSV, Mallorca, Schäfer und Köstner mitgezählt, fünfte Chance bekam, verdankt Copado einem neuen Trainer, Wolfgang Frank. Dem war es zuletzt kaum besser gegangen.
Nach seinem Rauswurf in Duisburg war Frank 21 Monate arbeitslos gewesen. Gemeinsam standen Frank und Copado am 3. August 2002 beim ersten Regionalligaspiel im Dienst der Unterhachinger. Copado auf dem Platz, Frank an der Seitenlinie. Ein glanzloses 2:2 gegen Hoffenheim, dem ein 0:2 gegen Regensburg folgte und anschließend sieben Siege hintereinander.
Der souveräne Siegeszug der Hachinger in der Regionalliga Süd brachte die Wende: Copado erschoss sich mit 24 Toren eine kleine bronzene Torjäger-Kanone und den Spitznamen "Torpado". Aus dem Chaoten wurde ein Publikumsliebling. Mit trendiger Frisur, charmantem Lächeln und eingeübter Choreographie erinnerte Copado beim Torjubel deutlich an Popstar Robbie Williams.
Inzwischen zeigt Copado auch in Momenten der Niederlage auch Charakterstärke. Als die kleinen Unterhachinger im Viertelfinale des DFB-Pokals im Elfmeterschießen gegen Bayer Leverkusen verloren, sagte Copado unmittelbar nach dem Schlusspfiff vor den Kameras, man müsse sich über das Erreichte freuen und nicht traurig sein. Seine Mannschaftskollegen stapften derweil wortlos, den Tränen nahe oder wütend über den verschneiten Platz in Richtung Kabine.
Dass Francisco Copado trotz fortgeschrittenen Alters noch viel erreichen könnte, zeigen die ersten drei Spieltage der Zweiten Liga. Fünfmal hat er schon ins Tor getroffen, Unterhaching steht dank seiner Hilfe auf dem ersten Tabellenplatz. Im Juni hatte er noch vermessen gewirkt, als er in den Feierlichkeiten zur Regionalliga-Meisterschaft verkündete, "auch nächstes Jahr um den Aufstieg zu spielen". Den Worten folgten bislang Taten. "Ich versuche so gewissenhaft zu arbeiten, dass ich dauerhaft mein Potenzial abrufen kann", nennt der Geläuterte die Gründe des persönlichen Aufschwungs.
Fans, Trainer und Mitspieler stehen hinter ihm, er fand sogar seine neue Liebe im Verein. Die Tochter des Unterhachinger Schatzmeisters weicht ihm inzwischen nicht mehr von der Seite. Und wenn ihm doch einmal langweilig werden sollte im kleinen Münchner Vorort Unterhaching, ist ein guter Freund nicht fern: Der Mann seiner Schwester heißt Hasan Salihamidzic und ist Spieler des FC Bayern München.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH