Von Detlef Hacke
Gelsenkirchen - Das Verhältnis der Stadt Gelsenkirchen zu seinem Vorzeigeverein Schalke 04 ist allgemein herzlich. In dem Schreiben jedoch, das am 15. August bei dem Fußballclub einging, war davon nichts zu spüren. Nüchtern im Ton und kompromisslos in der Sache untersagte das Referat 32 ("Öffentliche Sicherheit und Ordnung") den Schalkern, im Stadion für die digibet wetten.de AG zu werben, einen privaten Anbieter von Sportwetten im Internet. Die Behörde ordnete "sofortige Vollziehung" an, andernfalls mache man sich der "strafbaren Beihilfe" schuldig. Grund: Digibet wetten.de sei in Nordrhein-Westfalen nicht zugelassen.
Der Brief las sich, als habe der Club sich mit Gaunern eingelassen und wolle sein Publikum zur ungesetzlichen Zockerei verführen. Verschreckt entfernten die Schalker alle "wetten.de"-Banden aus ihrer Arena; der erst im Juli mit der Wettgesellschaft geschlossene Vertrag ruht einstweilen.
Dabei besitzt der Betreiber der Firma eine rechtmäßige Konzession, ausgestellt in Berlin. Dort ging "wetten.de" vor rund einem Jahr online. Seitdem können Tipper per Mausklick unter anderem auf die Bundesligapartien setzen - legal, auch auf Spiele von Schalke 04, auch von Gelsenkirchen aus. "Rein willkürlich" exekutiere die Stadt eine Weisung des Landes Nordrhein-Westfalen, zürnt Markus Maul, 40, Jurist und AG-Vorstand, und fürchtet um die Zukunft des Unternehmens. "Wenn wir nur in Berlin werben dürfen", so prophezeit er, "gehen bei uns die Lichter aus."
Denn in dem Streit geht es um mehr als um die bloße Frage, ob ein paar Logos in einem Stadion prangen dürfen oder nicht. Es geht darum, ob private Anbieter von Sportwetten ungehindert auf einem Markt agieren dürfen, den Branchenkenner bundesweit auf eine Milliarde Jahresumsatz taxieren, Tendenz steigend. Einen Kampf "David gegen Goliath" nennt Maul den Versuch, den staatlichen Lotto-Gesellschaften, die mit den "Oddset"-Sportwetten noch den Markt beherrschen, die Kunden abzujagen. "Aber wenn es ein paar Davids sind, spürt Goliath die Verluste. Also haut er mit einem Knüppel auf alle, die ihn stören könnten, wenn sich der Markt öffnet."
Auch wenn das Internet die Realität längst anders aussehen lässt: Bislang schützen noch Landeslotteriegesetze das zerbröselnde Monopol. Um sie anzufechten, sind einige Anbieter bereits vor das Bundesverfassungsgericht gezogen. Gleich vier Beschwerden liegen dem Ersten Senat vor, so klagt beispielsweise die Sportwetten GmbH Gera gegen das Thüringer Lotteriegesetz. Noch in diesem Jahr wollen die Karlsruher Richter ihren Spruch fällen.
Relikt aus der DDR-Marktwirtschaft
Dass einige Privatfirmen bereits ihre Dienste anbieten dürfen, verdanken sie der kurzen, anarchisch anmutenden Phase der Marktwirtschaft in der DDR. Zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung gaben die Behörden exakt vier Konzessionen heraus. Eine davon wurde 1990 vom Bezirksamt Berlin-Mitte dem Kaufmann und Buchmacher Bernd Hobiger, 43, erteilt, der damals sein Wettbüro namens "Goldesel" eröffnete und heute Hauptaktionär der digibet wetten.de AG ist.
Weil der Einigungsvertrag zur Bundesrepublik verbot, solche Verwaltungsakte zu widerrufen, blieben die einmal erteilten Lizenzen gültig: Das Monopol war de facto geknackt. Spätestens seit dem Internetboom, der den Privaten - etwa über die Homepages der Bundesligavereine - den Zugang zum Kunden erleichtert, stellt sich generell die Frage: Ist das alleinige Recht des Staates, Glücksspiele zu veranstalten, überhaupt noch zeitgemäß?
Denn den ursprünglichen Zweck, die Deutschen vor der Zockerleidenschaft zu schützen, erfüllt der Lotto-Betrieb längst nicht mehr. Intensive Werbung und pompöse Fernsehshows wie jene der Süddeutschen Klassenlotterie gaukeln jedem vor, dass er zum Glücksritter taugt. Andererseits sind die Bilanzgewinne der Gesellschaften stets der Allgemeinheit zugute gekommen: Steuern und Konzessionsabgaben gehen an die Landeskassen, weitere Millionen fließen Organisationen wie dem Roten Kreuz und dem Sportbund zu.
Länder bangen um sichere Geldquelle
Sollte das Verfassungsgericht tatsächlich verlangen, die Gesetze zu liberalisieren, müssen die Landesregierungen um eine sichere Geldquelle bangen. Allein die nordrhein-westfälische WestLotto GmbH überwies voriges Jahr 42,9 Millionen Euro aus der Oddset-Sportwette an das Düsseldorfer Finanzministerium - und klagt im Geschäftsbericht über den "weiter zunehmenden Wettbewerbsdruck" durch die private Konkurrenz, "die ihre Wetten ohne staatliche Konzession und Kontrolle offerieren". Dass die Einnahmen künftig steigen, sei daher "eher unwahrscheinlich".
Damit wankt womöglich auch die Finanzierung eines Renommierprojekts, das Politikern und Fußballfunktionären schwer am Herzen liegt. Per Staatsvertrag haben die Ministerpräsidenten bestimmt, dass mit einem Teil der Überschüsse aus dem Oddset-Topf das groß angelegte Kulturprogramm für die Weltmeisterschaft 2006 gespeist wird. Doch schon im vergangenen Jahr ging die Rechnung nicht auf: Statt wie erhofft acht Millionen Euro kamen bloß 3,5 Millionen für den Deutschen Fußball-Bund zusammen.
Eine der simpelsten Möglichkeiten, das Oddset-Geschäft der Staatslotterie anzukurbeln, hat der DFB nicht mehr in der Hand: Tippfreudige, die die Website der Deutschen Fußball-Liga anklicken, finden dort einen Link zu "interwetten.de" - einem privaten Veranstalter mit Sitz in Dresden.
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