Von Thorsten Stegemann, Wolfsburg
Wolfsburg - Beim VfL Wolfsburg gehört die Enttäuschung über verfehlte Zielvorgaben mittlerweile zum Vereinsalltag. Trotz nagelneuer Arena, des potenten Hauptsponsors VW und spektakulärer Spielertransfers ist es den Niedersachsen auch in dieser Saison bisher nicht gelungen, in die Spitzengruppe der Bundesliga vorzudringen. Die Chance, in Europa Aufmerksamkeit zu erregen, hat sich nach dem verlorenen UI-Cup-Finale gegen Perugia erledigt.
Trotzdem macht man in Wolfsburg keinerlei Anstalten, die Ansprüche zu mindern. Trainer Jürgen Röber, der schon Hertha BSC ins internationale Geschäft führte, hat in dieser Spielzeit die Uefa-Cup-Ränge fest im Visier. Manager Peter Pander glaubt selbstbewusst an die Erfüllung eines Fünfjahresplans: In der Saison 2007/08 soll der VfL Wolfsburg die Teilnahme an der Champions League anpeilen.
Das klingt verrückt, und vielleicht ist es das sogar. Andererseits wäre vermutlich auch derjenige als Traumtänzer belächelt worden, der vor zwölf Jahren behauptet hätte, der VfL würde einmal in der Bundesliga spielen. Damals kickten die Grün-Weißen vor 1000 Zuschauern in der Oberliga. Mitte der siebziger Jahre hatten sie zwei Spielzeiten in der Zweiten Liga verbracht und verschwanden dann auf vermutliches Nimmerwiedersehen in den Untiefen des Amateurlagers.
Doch Manager Peter Pander, der seinen Job im März 1991 auf der alten Geschäftsstelle am Elsterweg antrat, wollte sich mit dieser Situation nicht abfinden. Er hatte große Pläne, als VW-Mitarbeiter einen starken Partner an der Hand - und das nötige Quäntchen Glück. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt stieg der VfL in der Zweite Liga auf. Dort verbesserten sich die Wolfsburger mit Ausnahme der verunglückten Saison 1995/96 (Rang 12) von Spielzeit zu Spielzeit. 1995 erhöhten die Provinzkicker ihren Bekanntheitsgrad, als sie das Finale im DFB-Pokal erreichten. Zwei Jahre später gelang nach einem dramatischen 5:4-Sieg gegen Mainz 05 am letzten Spieltag der Aufstieg in die Bundesliga.
Sogar in der höchsten deutschen Spielklasse ging es weiter aufwärts. 1999 führte Trainer Wolfgang Wolf die Mannschaft in den Uefa-Cup, wo sie erst in der dritten Runde an Atletico Madrid scheiterte. Seitdem allerdings ist der Erfolgsbilanz nichts mehr hinzugefügt worden. So als hätte der Verein die Vorliebe seines Hauptsponsors für die Mittelklasse übernommen: Zu mehr als gelegentlichen Teilnahmen am UI-Wettbewerb, dem "Cup der guten Hoffnung", reichte es nicht. Auf dem Weg nach ganz oben ist der VfL Wolfsburg im Stau stecken geblieben.
Damit sich der 53 Millionen Euro teure Stadionbau (Volkswagen-Arena) rechnet, muss der VfL Wolfsburg seinen hohen sportlichen Ansprüchen aber so schnell wie möglich gerecht werden. Für Manager Pander ist das vor allem eine Frage der Einstellung: "Jeder einzelne muss sich bewusst sein, dass es nur über konsequente Arbeit, den Willen, Erfolgserlebnisse zu erringen, möglich sein wird, an die vorderen Tabellenplätze heranzukommen. Oft war es so, dass wir zwei Schritte vor und dann wieder einen zurück gemacht haben."
Dass der Appell an den Teamgeist ins Leere laufen könnte, wenn die Vereinsführung weiter gleichzeitig auf die Führungsrolle vermeintlicher Topstars setzt, bestreitet Pander vehement. Trotz des vorzeitig gescheiterten Effenberg-Experiments würde er für die Wolfsburger Fußball GmbH, an der VW 90 Prozent der Anteile hält, "solch eine Verpflichtung - wenn finanziell machbar - immer wieder durchführen".
Vor dieser Saison machte der VfL für den argentinischen Jungstar Andres D'Alessandro neun Millionen Euro locker. Mehr zahlte in der Liga nur Branchenkrösus FC Bayern München, um den hochgelobten Wunderstürmer Roy Makaay von Deportivo La Coruna loszueisen. Mit D'Alessandro hat Trainer Röber seinen Wunschkandidaten bekommen. Die Freude darüber, dass es gelungen ist, den 22-Jährigen nach Wolfsburg zu lotsen, obwohl auch europäische Topclubs wie Barcelona Interesse signalisierten, merkt man dem Coach immer noch an: "Das ist ein absoluter Outstanding-Spieler. Als ich vor ein paar Monaten in Argentinien war, hätte ich nie geglaubt, dass wir die Chance bekommen, ein solches Ausnahmetalent zu verpflichten. D'Alessandro wird seinen Weg machen, da bin ich ganz sicher."
Nach Effenberg fokussieren die Wolfsburger jetzt also ihre Hoffnungen auf den Argentinier, der in seinem Heimatland mit keinem geringeren als Diego Maradona verglichen wird, dem einst besten Fußballer der Welt. Bislang aber schwanken D'Alessandros Leistungen stark, am vergangenen Bundesliga-Spieltag flog er bei 1860 München wegen Schiedsrichterbeleidigung vom Platz. "Natürlich muss er sich erst an die europäischen Verhältnisse gewöhnen, diese Zeit sollte man ihm schon geben", verteidigt Röber seinen Leitwolf. "Für uns ist D'Alessandro eine Investition in die Zukunft, und es ist gut, dass wir diese Investition getätigt haben. Andernfalls könnten wir überhaupt nicht mithalten, denn viele Topteams sind uns in dieser Hinsicht um 10 oder 20 Jahre voraus."
Um den Zeitrückstand aufzuholen, verbringt Pander viel Zeit im Flugzeug. Er will die langfristige Kooperation zwischen dem argentinischen Topclub River Plate, Volkswagen Argentina und dem VfL Wolfsburg weiter intensivieren. Denn der Beweis, dass der aktuelle Kader, der durch die Neuzugänge Simon Jentzsch, Albert Streit, Mirko Hrgovic, Marko Topic und Fernando Baiano verstärkt werden sollte, überhaupt die spielerische Klasse hat, um den ehrgeizigen Ansprüchen des Vereins zu genügen, steht bislang aus.
"Das UI-Cup-Finale hat gezeigt, dass wir noch lange nicht da sind, wo wir hinwollen. Uns fehlt oft die nötige Cleverness, da gibt es noch einiges zu tun", gibt Röber zu, der die Abgänge von Tobias Rau (Bayern München) und Robson Ponte (Bayer Leverkusen) kompensieren muss.
An diesem Samstag steht den Wolfsburgern nun die härteste aller nationalen Proben bevor, wenn der Deutsche Meister Bayern München in der Volkswagen-Arena aufläuft. Möglicherweise findet der Höhepunkt aus Sicht der Wolfsburger Fans in der Halbzeitpause statt. Dann tritt Andreas Brehme, Elfmeter-Torschütze beim deutschen 1:0-WM-Finalsieg von 1990, noch einmal gegen den argentinischen Torhüter Sergio Goycochea an. Zu den Initiatoren dieses Nostalgie-Spektakels gehört übrigens der gesperrte D'Alessandro.
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