Herr Lohmeyer, Sie sind ein großer Fußballfan. Ist für Sie ein Traum in Erfüllung gegangen, beim "Wunder von Bern" dabei zu sein?
Peter Lohmeyer: Immer wenn ich höre, dass in Deutschland ein Fußballfilm gemacht wird, bekomme ich große Ohren. Wenn dieses Projekt ohne mich stattgefunden hätte, wäre ich todtraurig gewesen. Als ich das Gerücht mitbekam, dachte ich gleich: Fußball, 1954, mindestens elf Spieler - von denen will ich einer sein, das muss ich spielen.
SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie Fritz Walter mimen? Oder Helmut "Boss" Rahn?
Lohmeyer: Rahn wäre von der körperlichen Konstitution nicht gegangen. Aber insgesamt fand ich mich dafür auch nicht zu alt, die sahen ja verdammt alt aus nach dem Krieg. Aber am Ende hat es mich nicht mehr gefuchst, dass ich keiner der WM-Helden sein sollte. Schlussendlich habe ich im Film ja auch eine nette Fußballszene.
SPIEGEL ONLINE: Sie kicken alleine auf dem Spielfeld, mehr Acker denn Platz, mit einem aus Lumpen zusammen genähten Ball, den sonst die Kinder benutzen. Dann kommt Ihre spektakuläre Einlage und alles wird anschließend gut. Wird man durch einen Fallrückzieher ein besserer Mensch?
Lohmeyer: Auch so eine Aktion trägt dazu bei, das Gemüt zu verbessern, sofern man den Ball erwischt. Natürlich reicht es nicht, um ein besserer Mensch zu werden. Aber als Bild reicht es vielleicht, einen Weg zu beschreiben, dass man irgendwo hinkommt, wo doch ein bisschen Hoffnung ist.
SPIEGEL ONLINE: Es geht im Film sehr schnell, dass der Kontakt zwischen Vater und Sohn wieder da und die Entfremdung fort ist. Das wirkt wenig realistisch. Hätte es nicht noch ein paar Szenen mehr bedurft, um die Entwicklung der beiden aufeinander zu glaubwürdiger zu gestalten?
Lohmeyer: Okay, die Szenen hätte ich auch gerne gehabt. Das Problem ist, dass es in den fast zwei Stunden schon so viele Geschichten gibt. Es ist ein sehr knapper Zeitrahmen. Andererseits wenn man als Vater einen Fehler gemacht hat - und die Kaninchen des Sohnes zu schlachten, ist ja der Hammer schlechthin -, dann überspringt man manchmal zwei Brücken auf einmal. Aber vielleicht sind sich Vater und Sohn auch noch gar nicht so nahe, wie es scheint. Das Positive ist, dass beide im Dialog miteinander sind.
SPIEGEL ONLINE: Sie engagieren sich häufig in politischen Dingen, machen etwa Benefizlesungen für irakische Flüchtlingskinder oder drehen ein Anti-Bush-Video mit der Hamburger Countryband Fink. Müssen Sie als kritischer Mensch den Film nicht eindimensional finden?
Lohmeyer: Nein, das meine ich nicht. Als ich das Drehbuch das erste Mal gelesen hatte, war ich mir nicht sicher und hatte Zweifel. Ich dachte anfänglich: Da reihen sich die Klischees. Aber wenn man das Klischee richtig bedient, gilt es nicht mehr als Abklatsch, sondern funktioniert.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie glauben, dieses Prinzip gilt auch für "Das Wunder von Bern"?
Lohmeyer: Definitiv. Die Reaktion der Zuschauer beim Festival in Locarno, als ich den Film erstmals mit der wuchtigen Musik gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt. Ich bin nach der Premiere noch ein wenig durch die Stadt gegangen, und unheimlich viele Leute haben mich angesprochen. Der Film habe sie berührt, sagten die meisten. Die fanden das Ganze überhaupt nicht plakativ, sondern sehr authentisch.
SPIEGEL ONLINE: Der Film als Katalysator für mehr Menschlichkeit?
Lohmeyer: Wenn der Film eine zusätzliche Grundlage wäre, Diskussionen auszulösen, zum Beispiel über die Schuldfrage der deutschen Wehrmacht oder die Unfähigkeit der Kriegsheimkehrer, über ihre traumatischen Erlebnisse in der Gefangenschaft zu sprechen, fände ich das sehr gut. Wobei Sönke Wortmann ja kein Regisseur ist, der sagt: Ich mache jetzt einen Film, damit es eine politische oder historische Debatte gibt.
SPIEGEL ONLINE: Wortmann sagt selbst, er habe den Film auch als Fußballfan gedreht. Welche Bedeutung hat für Sie der Sport?
Lohmeyer: Für mich ist Fußball, was für andere Yoga oder Meditation ist - eine Form, abzuschalten oder Emotionen raus zu lassen. Egal, ob ich selber spiele oder im Stadion sitze. Ich genieße es, live dabei zu sein. Es ist ein großer Unterschied, ob man nur Ausschnitte im Fernsehen sieht oder hautnah dabei ist.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Bezug hatten Sie vor dem Film zum Weltmeisterteam von 1954?
Lohmeyer: Kaum einen. Ich habe Fritz Walter als Fußballfan in ein paar Talkshows wahrgenommen. Ich kenne nur die TV-Bilder und Herbert Zimmermanns Radioreportage. Für mich persönlich hatte erst die WM in Mexiko gut anderthalb Jahrzehnte später eine Bedeutung.
SPIEGEL ONLINE: Wie war es, mit Ihrem leiblichen Sohn Louis Klamroth vor der Kamera zu stehen?
Lohmeyer: Ich habe mich mit Ratschlägen sehr zurückgehalten. Mein Sohn hatte am Set eine Kinderbetreuung, und er hat mich dann genommen, wenn er mich gebraucht hat. Er hatte ja schon einen Film hinter sich ("Der Mistkerl"; die Red.), in dem ich ganz kurz seinen Vater gespielt habe.
SPIEGEL ONLINE: Und was war mit der Szene, in dem Sie ihm eine Backpfeife verpassen?
Lohmeyer: Davor hatte er zuerst Schiss, nicht vor irgendwelchen emotionalen Geschichten. Wir haben diese Szene vorher bei uns zuhause in der Küche durchgespielt. Ich habe ihm gesagt, dass ich auf der Schauspielschule gelernt habe, wie man das macht. Man geht mit dem Schlag mit, dann knallt es richtig, brennt am Anfang etwas und dann ist gut. Am Ende hatte Louis keine Probleme - und ich auch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Was hält der Routinier Lohmeyer von seinem jungen Schauspielkollegen?
Lohmeyer: Louis hat viel Talent - und will jetzt Kameramann werden. Er hat vor, mit ein paar Schauspieljobs seine Ausbildung zu finanzieren. Bei mir gibt es zu wenig Ehrgeiz, ihn in eine bestimmte Richtung pushen zu wollen. Alle anderen Filmangebote, die rein kamen, haben wir abgelehnt. Das hat er auch eingesehen, da war Schule.
Die Fragen stellte Clemens Gerlach
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