Wenn das Flutlicht bloß nicht funktioniert hätte. Sehr zum Leidwesen von Peter Reid, bis Montag Cheftrainer von Leeds United, brachten die Elektriker am Samstag in Portsmouth die englische Lichttechnik schließlich doch noch zum Glühen. Und so wurde, wenn auch mit erheblicher Verspätung, die Premiership-Partie des einheimischen FC Portsmouth gegen Leeds United doch noch angepfiffen.
Als der Schlusspfiff ertönte, hatte sich der nordenglische Gast dem Club aus dem Süden kampflos mit 1:6 ergeben. Für Reid war es die vierte Liga-Niederlage in Folge - und zugleich die letzte. Nach den üblichen Gesetzen der Branche müssen erfolglose Trainer gehen, und erfolgloser als das Schlusslicht aus Leeds kickt zurzeit kein anderes Team.
Reid ist wahrlich kein Sympathieträger. Seine Sprache ist, nun ja, rau. "Old fashioned" sagen die, die ihn mögen. Andere halten ihn schlicht für einen Kotzbrocken ohne Manieren. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - waren es nicht so sehr die Leeds-Fans, die Reids Kopf forderten. Die Unterstützung der Anhänger war für den Coach eine völlig neue Erfahrung.
Als Reid vor etwa einem Jahr wegen Erfolglosigkeit vom späteren Absteiger Sunderland entlassen wurde, hatten ihn die dortigen Fans nicht nur mit Schimpfworten belegt, sondern auch mit Wasserbomben eingedeckt. Nicht so in Leeds. Erstens hatte Reid die Mannschaft in der vorigen Saison noch gerade so eben vor dem drohenden Abstieg gerettet. Zweitens haben die Anhänger ausnahmsweise mal nicht den Cheftrainer im Visier, sondern die Vereinsführung und die so genannten "Stars".
Wenn die leitenden Angestellten in den kurzen Hosen es nicht besser könnten, würde keiner nörgeln, sofern sie sich die Lunge aus dem Leib rennen. Aber von "Kratzen, Spucken, Beißen" keine Spur. Stattdessen dominiert Selbstmitleid. Allen voran bei Mark Viduka. Die Berufsauffassung des besten Leeds-Schützen in der vergangenen Spielzeit gleicht nach Meinung der Leeds-Fans der eines betonköpfigen Gewerkschaftsfunktionärs beim Generalstreik. Nichts tun, andere vom Arbeiten abhalten, viel schimpfen und dafür auch noch Geld kassieren.
Wobei der Vergleich spätestens beim Streikgeld hinkt, denn Herr Viduka hat die Ehre, rund 95.000 Euro zu verdienen. Und zwar pro Woche. Gegenleistung? Erst kam der Australier zu spät zum Training. Als er für dieses Vergehen vor zwei Wochen für das Heimspiel gegen den FC Arsenal (1:4) suspendiert wurde, blieb Viduka der Partie fern. Warum auf der Stadiontribüne auch Solidarität mit den Kollegen zeigen? Stattdessen stänkerte Viduka lieber gegen den Trainer. "Wenn ihr absteigen wollt, dann haltet zu Reid", hetzte der Mann aus Down under auf dem Trainingsplatz, was beweist, dass Viduka zumindest nicht dauerhaft an einer Allergie gegen Übungseinheiten leidet. Immerhin etwas, denn ansonsten sieht es für den Club düster aus.
Der 1904 als Leeds City gegründete Verein kämpft diese Saison nicht bloß um den Klassenerhalt, es geht um die Existenz. Ein Abstieg würde unausweichlich den Bankrott des Clubs nach sich ziehen. Wahrscheinlich hätten sie nicht einmal mehr genügend Geld, um das Porto für die Kündigungsbriefe zu bezahlen. Finanziell ist der Verein die größte Geldvernichtungsmaschine des englischen Fußballs. Wenigstens ein Gebiet, in dem Leeds United Spitze ist, ätzen Kritiker. Präsident John McKenzie jedenfalls musste unlängst einräumen, im abgelaufenen Geschäftjahr 2002/2003 einen operativen Verlust von rund 75 Millionen Euro fabriziert zu haben. Schlechter war kein englischer Verein zuvor.
Operative Verluste kann sich leisten, wer in guten Zeiten Rücklagen gebildet hat. Leeds hat auch in guten Zeiten rote Zahlen geschrieben. So steht der Verein, der vor zwei Jahren noch im Halbfinale der Champions League stand, mit rund 120 Millionen Euro in der Kreide. Dabei müsste eigentlich jede Marktfrau in der Lage sein, einen soliden Profit zu erwirtschaften. Durchschnittlich fast 40.000 Zuschauer pro Heimspiel, mehr als 26.000 verkaufte Dauerkarten, TV-Einnahmen in Höhe von mehr als 30 Millionen Euro. Leeds United hat treue, leidenschaftliche und leidensfähige Anhänger. Aber das allein reicht nicht.
Nur ein Wunder kann Leeds retten
Zu mächtig lasten die Schulden auf dem Verein, die Ex-Präsident Peter Ridsdale und der frühere Trainer David O'Leary aufhäuften, um sich an ihren Großmachtphantasien zu berauschen. Leeds wollte neben Manchester United und dem FC Arsenal "die dritte Macht" im englischen Fußball werden. Wollte. Jetzt ist der Club der heißeste Abstiegskandidat. Die Börse jedenfalls hat den Glauben an Leeds United vollends verloren. Der Aktienkurs sackte noch einmal ab, soweit das bei einem "Pennystock", einer nahezu wertlosen "Pfennig-Aktie", überhaupt noch möglich ist. Bei momentan knapp 4 Cent rangiert das United-Papier.
Das Überlebenskonzept für Leeds United ist simpel. Es umfasst sechs Punkte. Erstens: nicht absteigen. Zweitens: alle teuren Spieler von der Gehaltsliste bekommen. Drittens: junge, fußball- aber noch nicht geldhungrige Spieler verpflichten. Viertens: ein erfolgreicher Trainer. Fünftens: ein reicher Sponsor. Sechstens: ein Wunder, nämlich der sofortige Vollzug der Punkte eins bis fünf. Ansonsten macht der letzte an der Elland Road das Licht aus. Und zwar bald.
Adrian Schimpf, Guildford
P.S.: Als Interimscoach fungiert ab sofort der ehemalige Leeds-Profi Eddie Gray. Eine seiner ersten Amtshandlungen werde sein, Mark Viduka wieder ins Team zurückzuholen, kündigte Gray an. O-Ton: "Er ist ein wichtiger Mann für uns, ein großartiger Torjäger und ein mitreißender Spieler."
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