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22.12.2003
 

Buchkritik

"Scheiß-Fußball!"

Von Till Schwertfeger

Zum Anwalt aller Fußballpuristen hat sich René Martens aufgeschwungen. In seinem neuen Buch trägt er zusammen, was ihn an der schönsten Nebensache der Welt nervt - zum Beispiel größenwahnsinnige Clubs, prominente Experten und dominante Spielerfrauen.

"Statt so, wie es vorherbestimmt schien, (...) sich am Schalter der Dorfsparkasse die Bandscheibe zu ruinieren, nutzten Bianca Illgner, Angela Häßler und Martina Effenberg die beste Chance, die sich ihnen jemals bot, und fielen als Managerinnen ihrer kickenden Schoßhündchen die Treppe zur High Society hinauf." Ein bissig-böser Martens-Satz, der typisch für das ganze Buch "'Scheiß-Fußball!' Was echte Fans so richtig ärgert" ist.

Buchcover "Scheiß-Fußball!": Andy Möller weint
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Buchcover "Scheiß-Fußball!": Andy Möller weint

In elf Kapiteln (u.a. "Scheiß Spielerfrauen!", "Scheiß Schiedsrichter!", "Scheiß Stadien!", "Scheiß Fernsehen!") macht der in Hamburg lebende freie Autor seinem Ärger Luft und lästert über alle, die irgendwie mit seiner Hassliebe zu tun haben, aber nicht (oder nicht mehr) Fußball spielen. Spielerfrau Gaby Schuster schimpft er "abgezockte Domina mit Taschenrechner", Trainerlegende Rudi Gutendorf "ungekrönten Starfucker unter den Helden des Fußballs" und den früheren Patron von Atletico Madrid, Jesus Gil y Gil, "Tabellenführer unter den Bekloppten, den Stefan Effenberg unter den Funktionären".

Kein gutes Haar lässt Martens auch an den oft fälschlicherweise so genannten Experten, die mit geschwellter Brust und ernster Miene im Fernsehen ihre Ansichten verbreiten dürfen wie zum Beispiel in der DSF-Stammtischrunde, "wo der nunmehr stramm auf die 70 zutorkelnde Udo Lattek regelmäßig Krawall macht". Dort nahm der frühere Meistertrainer in der vergangenen Spielzeit einen kleinlauten Kommentar des Leverkusener Coaches Thomas Hörster zum Anlass, den Schießbefehl für die Bundesliga zu fordern: "Wenn ein Trainer so etwas sagt, muss man ihn nicht entlassen, sondern erschießen."

Lattek, Breitner und Netzer nerven


Im Vergleich urteilt Martens über den für seine Länderspiel-Kommentare mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Günter Netzer: "Rechtebesitzer Netzer macht dagegen niemals Rabatz, aber in der Disziplin des Nervtötens kann die ARD-Honorkraft mit Breitner und Lattek locker mithalten. Warum sich der ehemalige Mittelfeldstratege ein Renommee als Experte erworben hat (...), bleibt eines der großen Rätsel in der Geschichte des Fernsehens." Als Beleg für die Seichtigkeit folgt eine Auflistung Netzerscher Analysen ("Teilweise habe ich hilfloses Frankreich gesehen. Das lässt tief blicken"), die der Publizist Andreas Bernard während der WM 2002 für die "Süddeutsche Zeitung" angefertigt hat.

Die unzähligen Anekdoten über Ärgernisse am Rande der Fußballwelt hat der 40-jährige Martens geschickt zu einem kurzweiligen Buch montiert, das den Leser an vielen Stellen schmunzeln lässt und manchmal selbst Kenner verblüfft. Wer weiß schon, dass der in der Schweizer Liga mitkickende FC Vaduz aus Liechtenstein zu Beginn der vergangenen Saison den Senfverkauf in seinem Stadion untersagte, nachdem sich Zuschauer über bekleckerte Schuhe und Hosen beschwert hatten. Nach heftiger Debatte gibt es dort mittlerweile zwar wieder Senf auf die Wurst. Allerdings muss man dem Verkaufspersonal vorher zusichern, an der Bude zu essen, damit das gelbe Schmiergewürz keinem anderen Stadionbesucher gefährlich werden kann. "Scheiß Regeln!", mault der Autor.

Bei seiner Schimpftirade knöpft sich Martens, Anhänger des FC St. Pauli, selbstverständlich auch die Clubs ("Scheiß Vereine!") vor. Der Blick auf die aktuelle Bundesliga-Tabelle dürfte ihn jedoch versöhnlich stimmen. Die ihm als "die Größenwahnsinnigen" verhassten Vereine 1. FC Köln, Hertha BSC und Eintracht Frankfurt nehmen nach der Hinrunde die drei Abstiegsplätze ein.

René Martens: "Scheiß-Fußball!" Was echte Fans so richtig ärgert, 128 Seiten, ISBN 3-8218-4865-0, Eichborn-Verlag, Frankfurt 2003, 12,95 Euro.

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