
Werner Hansch: "Die Schlusskonferenz ist Radio in Reinkultur"
Breuckmann: Ganz zwangsläufig ist sie das. Weil das, was auf dem Platz passiert, auch schon milliardenfach da war. Flanken, Ecken, Freistöße gab es immer schon. Natürlich versuche ich, neue Worte für das Spiel zu finden. Und nehme mir vor, manches nicht mehr zu sagen: "Der Schiedsrichter schaut bereits auf die Uhr", zum Beispiel. Aber dann sage ich es doch wieder, er schaut ja schließlich wirklich auf die Uhr.
In der Schlusskonferenz geht es darum, überhaupt zu Wort zu kommen. Gibt es feste Regeln für die letzten zehn Minuten?
Breuckmann: Die gibt es. Wer wohin abgibt, ist festgelegt. Dann gibt es die Anweisung, die erste Runde kurz zu halten. Und bei entschiedenen Spielen schnell an den nächsten Kollegen weiterzugeben.
Was fasziniert die Leute überhaupt so an diesen fünfzehn Minuten?
Breuckmann: Die Dramaturgie ist nicht zu toppen. Sieben Stadien, sieben Reporter, alle miteinander verbunden. Niemand ist näher am Spiel als wir. Wenn wir schon längst ein Tor oder Elfmeter vermeldet haben, sucht das Fernsehen noch nach dem richtigen Bild.
Hansch: Die Schlusskonferenz ist Radio in Reinkultur. Der Zuschauer und der Reporter muss alles was er hat, seine Fantasie, seine Sprache, seine Persönlichkeit in seine Beiträge hineinlegen.
Dennoch fällt auf, dass sich manche Radioreporter in den letzten Jahren eine Art professionelle Atemlosigkeit zugelegt haben. Ganz egal, was gerade in den Stadien passiert, die Stimmen klingen stets hochgradig erregt. Eine Folge der Tatsache, dass die Sender neuerdings für die Radiorechte zahlen und sich das Produkt verkaufen muss?
Breuckmann: Das kann schon sein, dass hin und wieder zuviel Aufregung mitschwingt. Aber das liegt wohl vor allem daran, dass wir uns inzwischen bei den Einblendungen sehr kurz fassen müssen. So kurz, da überlege ich mir sehr genau, ob ich die Einwechslungen der letzten Minuten überhaupt noch vermelde, schließlich verliere ich dadurch schon eine Viertelminute.
Täuscht der Eindruck, dass die Radioreportage dynamischer und schneller geworden ist, aber auch austauschbarer. Einprägsame jüngere Radiostimmen sind Mangelware.
Breuckmann: Aber woher sollen die auch kommen? Junge Reporter haben heute keine Gelegenheit mehr, ein eigenes Profil zu entwicklen. Viel zu kurze Einblendungen, 45 Sekunden Redezeit, schon geht es weiter zum nächsten Kollegen.
Reicht allenfalls für dreimal tief Luft holen ...
Breuckmann: Wir haben keine Möglichkeit mehr, mal einen Gedanken in Ruhe auszuformulieren. Wir sind Roboter geworden. Honorare rein, Einblendungen raus.
Früher durfte länger gesprochen werden?
Breuckmann: Da dauerten die Einblendungen schon mal zwei oder drei Minuten. Aber seit Fußballspiele im Radio nur noch als mundgerechte Häppchen serviert werden sollen, ist das nicht mehr drin. Ich halte das für den falschen Weg.
Werner Hansch, hätte ein redseliger Reporter wie Sie heute noch eine Chance im Radio?
Hansch: Ich weiß nicht. Heute haben die meisten jungen Leute ja vorher ein Hochschulstudium absolviert. Ich war dagegen ein Quereinsteiger, ich kam von der Trabrennbahn Dinslaken erst zum Radio und später zur Sportschau.
Breuckmann: ... und dann bist du bei Sat.1 steinreich geworden.
Hansch: Mit Betonung auf "stein". Aber im Ernst, Manni, dass ich damals zu Sat.1 gegangen bin, hatte wirklich nichts mit dem Geld zu tun. Ich hatte zu viel um die Ohren, bei der Sportschau in der ARD, beim Radio und auf der Trabrennbahn. Das wäre noch eine kurze Zeit gut gegangen, dann wäre ich zusammengebrochen. Dem damaligen Intendanten Friedrich Nowottny war das aber egal, die Verhandlungen zogen sich hin. Am Ende hat auch der damalige Sportschau-Chef Heribert Faßbender zu mir gesagt: "Hansch, gehen Sie zu Sat.1."
Dort wurde dann unter der Leitung von Reinhold Beckmann der Fernsehfußball neu erfunden, bunter und lauter wurde er. War das Ihr Fußball, Herr Hansch?
Hansch: Es ist uns immer vorgeworfen worden, dass wir die Spiele schöner geredet haben als sie waren. Aber ich leiste jeden Eid, dass wir schlechte Spiele nicht schöngeredet haben. Wir haben kritisiert und gelobt. Nur hat das niemand wahrgenommen, weil vorher Moderatoren die Showtreppe heruntergetrabt kamen und die Zuschauer minutenlang applaudiert haben.
Haben Sie zwischendurch nicht mal das Radio vermisst?
Hansch: Noch heute. Ich entdecke immer wieder den Radiomann in mir. Wenn ich die Champions League kommentiere, ertappe ich mich, wie ich aufstehe und beschreibe, was ich auf dem Spielfeld sehe. Mein Assistent Michael Schulz muss mich dann immer mal wieder daran erinnern, die Dinge zu kommentieren, die der Zuschauer auch auf dem Fernsehbildschirm sehen kann.
Manni Breuckmann, Ihre Ausflüge ins Fernsehen waren hingegen eher sporadischer Natur.
Breuckmann: Ich habe zwei Jahre Sport im Westen für das WDR-Fernsehen moderiert, das bin ich aber nicht wirklich, und eine Probereportage aus der Bundesliga stand auch schon mal auf dem Programm, aber ich bin doch nicht der Konserven-Manni. Also bleibts bei gelegentlichen Auftritten in Rudi Brückners "Doppelpass".
Die Fragen stellten Erik Eggers und Philipp Köster
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