Von Adrian Schimpf, Airdrie
Berti Vogts schritt tatsächlich höchstpersönlich ins Fußballstadion von Airdrie ein. Flugblätter hatten sein Erscheinen angekündigt, aber bis zuletzt war unsicher, ob der schottische Nationaltrainer wirklich kommen würde.
Denn in den vergangenen Tagen hatte es unappetitliche Schlagzeilen in der schottischen Boulevardpresse gegeben, die sich dem häuslichen Privatleben der Vogts'schen Familie widmeten, und man befürchtete in Airdrie, dass Vogts es aus diesem Grunde vorziehen könnte, sich der Öffentlichkeit zu enthalten. Doch der ehemalige Bundestrainer hielt Wort und reiste in die schottische Provinz.
Airdrie ist ein verschlafener Ort in North Lanarkshire, nicht weit von Glasgow. Seinen rund 37.000 Einwohnern bietet das Städtchen immerhin eine Extravaganz: eine für internationale Spiele taugliche, überdachte Fußball-Arena mit genau gezählten 10.171 Sitzplätzen. Die 1998 eröffnete Wettkampfstätte trägt den imposanten Namen "Shyberry Excelsior Stadium" und war während der ersten vier Jahre ihres Bestehens die Heimat des Airdrieonians FC, der dann jedoch nach 124 Jahren Vereingeschichte aus finanziellen Gründen sein Leben aushauchte. Was blieb, ist das Stadion.
Dort finden jetzt so wichtige Großereignisse statt wie die Finalrunde des schottischen Juniorenpokals oder das Endspiel um die nach einem Whiskey benannte "Famous Grouse Trophy", den "Berühmten Moorhuhnpokal" also. Außerdem gewann hier die örtliche Kickertruppe von Airdrie United unlängst die Meisterschaft der dritten schottischen Profiliga.
Allerdings unternahm Berti Vogts weder wegen der Pokalendspiele der schottischen Fußballjugend einen Tagesausflug nach North Lanarkshire noch wegen der "Famous Grouse Trophy" und auch nicht, um Airdrie United zum Titelgewinn zu gratulieren. Als "Böördie Wohgds", wie die Schotten den Namen ihres Nationaltrainers aussprechen, sich am vergangenen Mittwochnachmittag in einer der voll verglasten VIP-Logen des Shyberry Excelsior niederließ, war er gekommen, um dem Entscheidungsspiel um eine ganz andere Trophäe beizuwohnen.
Allerdings hat der Kampf um den Sauerkraut-Cup zwischen den germanistischen Fakultäten Glasgows und Edinburghs noch nicht ganz die ruhmreiche Tradition des universitären Ruderwettbewerbs. Das erste Bootsrennen zwischen den beiden Elitehochschulen fand bereits 1829 statt - Oxford gewann - und im April dieses Jahres feierten die beiden Unis das 150. Aufeinandertreffen - Cambridge gewann. Der Sauerkraut-Cup hingegen wurde in der letzten Woche zum allerersten Mal ausgespielt - im 10.171 Zuschauer fassenden Stadion von Airdrie. Große Premiere also mit Prominenz (Berti Vogts) vor Ort.
Allerdings hätte es ein Stadion mit 271 Sitzplätzen auch getan - aber auch das Ruderrennen zwischen Oxford und Cambridge fing ja einmal klein an. Die Deutsch-Dozenten, -Studenten und -Schüler, die gekommen waren, machten jedenfalls - dank des Schall verstärkenden Tribünendachs - Lärm für 20.000 und als der Schiedsrichter des schottischen Fußballverbandes nach 90 Minuten abpfiff, hatte die Vertretung aus Edinburgh sechs Tore geschossen und die aus Glasgow nur deren drei.
"Völlig natürlich geblieben. Nein, wie niedlich!"
Den anwesenden weiblichen Deutsch-Lehrkräften war das Resultat allerdings ziemlich egal. Sie zog Berti Vogts so sekundenschnell auf seine Seite, dass einem der Mund offen stehen blieb. "Der ist ja ein sehr angenehmer Mensch. Hätte ich gar nicht gedacht! Also wirklich ausgesprochen nett", sagte die eine, die sich vor dem Match erst noch die Abseitsfalle hatte erklären lassen, und ihre Kollegin assistierte: "Ja, und der weiß genau, wovon er spricht und ist absolut bodenständig. Gar kein Stargehabe und völlig natürlich geblieben." Wie ein kleines Mädchen giggelte die nächste: "Und manchmal ist er richtig schüchtern. Nein, wie niedlich!"
Auch die anwesenden schottischen Studenten und Schüler schienen Berti McVogts dessen jüngste Pleiten - unter anderem ein 0:6 gegen die Niederlande - überhaupt nicht übel zu nehmen: Applaus für seine bloße Präsenz. Applaus für alles, was er sagte. "Die Engländer mögen die Deutschen ja nicht so sehr. Aber die Schotten, die lieben uns", hatte der Europameistertrainer von 1996 in der VIP-Loge geschickt doziert. Nur eine kleine griesgrämige Minderheit wollte nicht mit einstimmen in die allgemeine Liebhaberei und Harmonie.
Die männlichen Dozenten mit deutschem Pass blieben skeptisch. "Kannst du dir vorstellen, dass der ein Team in der Halbzeit, wenn es mit 1:3 hinten liegt, mit einer emotionalen Rede packt und begeistert und zum Sieg peitscht?", zweifelte der eine und nippte missmutig an seinem Pint Bitter. "Nein. Seine ganze Aura ist so schrecklich melancholisch", nörgelte der andere. Aber kaum einer hörte auf sie.
Deutsche Sprache, schwere Sprache
Denn das letzte Wort hatte an diesem Nachmittag Berti Vogts. In einer kleinen Ansprache analysierte er zunächst den Sauerkraut-Kick. "Beide Mannschaften haben ein klassisches 4-4-2-System gespielt." Immerhin dafür erntete er zustimmendes Nicken der männlichen Kritiker. Das komplette Auditorium aus Schülern, Studenten und Lehrkräften gewann er dann mit dem Eingeständnis: "Ich kann sie alle nur unterstützen, Deutsch zu lernen und Deutschland zu besuchen. Es lohnt sich wirklich, auch wenn die deutsche Sprache eine schwere Sprache ist. Der Korschenbroicher fügte hinzu: "Keiner weiß das besser als ich. Ich spreche aus Erfahrung."
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