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07.06.2004
 

Kunststoß des Matadors

Als Kempes Holland erlegte

Von Carsten Germann

Nach dem verlorenen WM-Finale 1974 wollten es die Niederlande vier Jahre später in Argentinien unbedingt besser machen. Doch im Endspiel machte ihnen "El Matador" einen Strich durch die Rechnung. Mario Kempes schoss sein Land in den siebten Fußball-Himmel.

Mario Kempes ärgerte sich. Minutenlang mussten er und seine Kollegen tatenlos auf dem von Konfetti übersäten Rasen des River-Plate-Stadions in Buenos Aires warten. Sie waren doch so heiß gewesen auf das große Spiel, das WM-Finale 1978 gegen Holland. Und dann das!

Vorentscheidung im WM-Finale 1978: Kempes (r.) trifft zum 2:1
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AP

Vorentscheidung im WM-Finale 1978: Kempes (r.) trifft zum 2:1

Schiedsrichter Sergio Gonella aus Italien, von der Fifa nach sechsstündiger Diskussion erst einen Tag vor dem Finale als Referee benannt, wollte einfach nicht anpfeifen. Jedenfalls nicht, bevor der Niederländer René van de Kerkhof seine provisorische Handmanschette abgenommen hatte. Die Holländer fühlten sich hinterher durch dieses Theater in ihrer Konzentration auf das Spiel gestört und verzichteten wohl auch deshalb auf die Teilnahme am Siegerbankett. Nicht ohne Grund: Diese Aktion zögerte den Anpfiff des Endspiels um mehr als zehn Minuten hinaus. Die Massen, die immer und immer wieder ihr "Ar-gen-ti-na" skandierten, wurden langsam ungeduldig. Und auch Mario Kempes konnte es kaum noch erwarten.

Mit großen Schritten lief der langhaarige Mittelstürmer, der eine ganze Generation argentinischer Fußballerfrisuren prägte, am Mittelkreis auf und ab. Er machte deutlich, dass er an diesem 25.Juni 1978 noch Großes vorhatte. Und in der 38. Minute schritt "El Matador", wie sie den Stürmer aus der Provinz Cordoba nennen, zur Tat: 1:0 für Argentinien! Kempes setzte sich gegen Arie Haan durch und traf im Fallen aus sieben Metern zur Führung für die "Gauchos". Doch dabei blieb es nicht. Der Niederländer Dirk Nanninga sorgte mit seinem Ausgleichstor per Kopf in der 82. Minute für die Verlängerung. Sollte es doch nichts werden mit dem fest eingeplanten Titelgewinn im eigenen Land?

Argentiniens Staatschef General Jorge Videla, der bei der glanzlosen Eröffnungsfeier am 1. Juni 1978 in Buenos Aires mit heiserer Stimme die recht einfallsreiche Begrüßung "Die Weltmeisterschaft ist eröffnet" ins Stadionmikrofon gekrächzt hatte, schaute auf der Ehrentribüne finster drein. Auch sein Intimfeind, Argentiniens Nationaltrainer Cesar Luis Menotti, wirkte ratlos an der Seitenlinie. "El Flaco", der Dünne, rauchte eine Zigarette nach der anderen und vertraute weiter auf seine Mannschaft. Diese ist mit Stars nicht eben reich gesegnet. Alberto Tarantini, Osvaldo Ardiles oder Leopoldo Lœque - alles Spieler von internationaler Klasse, aber eben keine Weltstars.

Mario Kempes war der erste argentinische Großverdiener

Nur einer hat die Aura eines Superstars: Mario Kempes, der am 15. Juli 2004 seinen 50.Geburtstag feiert. Sein nicht minder berühmter Landsmann Diego Maradona, der nach Kempes das Trikot mit der Nummer zehn trug, würdigte ihn in seiner Autobiographie "El Diego" (2001) als "den Spieler, der Argentiniens Fußball zur Weltgeltung verhalf". Mario Kempes war der erste Großverdiener: Sein Debüt in der Nationalelf gab er am 9. September 1973 gegen Bolivien, traf in 43 Länderspielen 20-mal.

Noch vor der Weltmeisterschaft in der Heimat wechselte er von Rosario Central für eine damals gigantische Ablöse von 1,1 Millionen Mark nach Spanien zum FC Valencia. Und Kempes war sein Geld wert: In nur zwei Spielzeiten hatte er rekordverdächtige 100 Tore für Rosario geschossen. In Valencia, so wird berichtet, kassierte Kempes bereits 1978 ein fürstliches Jahresgehalt von 110.000 Mark und holte sich davor zwei Mal mit insgesamt über 50 Treffern die Torjägerkrone der Primera Division. Vor der WM ereilt Kempes allerdings eine Torflaute - nicht ein einziges Mal kann er in den Vorbereitungsspielen einnetzen. Trainer Menotti weiß Rat: "Ich sagte ihm, er soll seinen Schnurrbart abrasieren." Gesagt, getan: Glattrasiert gelangen Kempes bis zum Finale vier von insgesamt sechs WM-Treffern.

Vorwürfe der Brasilianer

In dem von der Militärdiktatur gebeutelten Land am Rio de la Plata standen für die arrivierten Fußballnationen die Fettnäpfchen dicht an dicht. Titelverteidiger Deutschland blamierte sich so gut es ging. Ein 0:0 zum Auftakt gegen aufstrebende Tunesier, dann war nach der Zwischenrunde und der Schmach von Cordoba gegen Österreich im abgelegenen deutschen Quartier in Asochinga Kofferpacken angesagt. Brasilien musste nach dem 6:0 des Erzrivalen Argentinien im letzten Finalrundenspiel gegen Peru zuschauen. Argentiniens Weg ins Finale mit den Stationen Ungarn, Frankreich (jeweils 2:1), Italien (0:1), Polen (2:1) und Brasilien (0:0) war vollendet.

Die Vorwürfe der Brasilianer, das Spiel gegen Peru sei von der argentinischen Junta gekauft worden, wies Mario Kempes vor der WM 2002 in Asien als "Unsinn" zurück: "Die Militärs waren zwar damals an der Macht, aber sie hatten keinen Einfluss auf den Fußball." Und Kempes stellt die Gegenrechnung auf: "Die Niederlage gegen Italien und mein Platzverweis gegen Polen nach dem Handspiel auf der Torlinie zeigen doch, dass die Schiedsrichter nicht bestochen waren." Stimmt. Wer schießt schon absichtlich an den Pfosten? Auch der Holländer Rob Rensenbrink wohl nicht. Er traf in der 90. Minute des Finales nur das Aluminium des von Ubaldo "Pato" Fillol gehüteten argentinischen Tors. "Mir blieb das Herz fast stehen, da hätte alles aus sein können", erinnert sich Mario Kempes, der allerdings in der Verlängerung wieder voll da war. Der "Matador" setzte den Kunststoß an.

Es war die 105. Minute in Buenos Aires. Kempes sprintete allein auf Hollands Keeper Jan Jongbloed zu. Der vom Torhüter zu kurz abgewehrte Ball prallte zurück an Kempes' Bein, Ernie Brandts und Arie Haan eilten heran, um das Unheil noch zu verhindern. Doch es war zu spät: Im "Sandwich" der beiden Holländer brachte Kempes die rechte Sohle noch so eben an den Ball und lenkte die Kugel über die Linie.

"Ich hatte sehr viel Glück, das gebe ich zu, habe im letzten Moment den Fuß hinter den Ball bekommen und damit 25 Millionen Argentinier glücklich gemacht", berichtet Kempes. Das Glück ist in der 116. Minute vollkommen, als Kempes-Freund Daniel Bertoni auf 3:1 erhöht und das Finale entscheidet.

Kempes berührte den Siegerpokal nicht

Die Sieger werden vom Jubel der 80.000 Fans verschluckt, ein Gang zur Ehrenloge ist für die Siegerelf fast unmöglich. Kapitän Daniel Pasarella muss den Goldpokal auf dem Rasen in Empfang nehmen. Mario Kempes macht in diesem Chaos den größten Fehler seines Fußballerlebens. Er flüchtet vor den Fans, die ihm das Trikot vom Leib reißen, in die Kabine. Und verpasst einen für ihn historischen Moment: Er berührt den Siegerpokal nicht. Eine erneute Möglichkeit wird es für ihn nicht mehr geben: 1982 ist Argentinien nach der Zwischenrunde draußen und Kempes bleibt in seinem dritten und letzten WM-Turnier ohne Torerfolg.

Mario Kempes konnte bei seinen Stationen als Profi 1978 und 1979 mit dem FC Valencia die "Copa del Rei", den spanischen Pokal, stemmen und 1980 den Europapokal der Pokalsieger hochhalten. Nur den WM-Pokal hat Weltmeister Kempes nie mehr angefasst. "Ich weiß nicht, warum ich den Cup nicht berührt habe. Es hat sich einfach nicht ergeben", sagt er in der für ihn typischen Bescheidenheit. Und Kempes fügt hinzu: "Aber das ist auch gar nicht so wichtig. Was wir 1978 erreichten, macht mich stolz auf mich und mein Spiel."

Das Siegestor von Mario Kempes im WM-Finale 1978 gegen Holland steht auf www.11freunde.de (Link Fankurve/Flimmerkiste) zum Download bereit.

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