Lissabon - Seit rund zwei Wochen zeigen die Portugiesen Flagge. An ihren Autos wie aus den Fenstern ihrer Wohnungen hängen Hunderttausende rot-grüner Fahnen. An den Tagen, an denen ihre Nationalelf im Einsatz ist, haben einige Kassiererinnen im Supermarkt ihre Gesichter in den Landesfarben geschminkt. Nach dem Viertelfinalerfolg der "Seleccao" gegen England erlebte die EM-Begeisterung ihren vorläufigen Höhepunkt: Das Hupkonzert, das seinen Anfang am Estádio da Luz in Lissabon nahm, wurde auf der Autobahn bis an die 300 Kilometer südlich liegende Algarve fortgesetzt.
"Ich bin von der Unterstützung durch unsere Fans fasziniert", staunte Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari. Der 55-Jährige hatte den Sieg am Donnerstag gegen England auf dem Spielfeld mit der brasilianischen und der portugiesischen Fahne gefeiert. "Ich fühle mich wie ein Portugiese", sagte Scolari. Ein bemerkenswerter Satz. Denn es war nicht Liebe auf den ersten Blick zwischen und Portugal und "Felipao", der vermutlich in den nächsten Tagen seinen Vertrag bis 2006 verlängern wird.
Im Dezember 2002 begann der Brasilianer, der ein halbes Jahr zuvor seinem Heimatland den fünften WM-Titel beschert hatte, seine erste Tätigkeit im Ausland. Die Aufgabe im portugiesischen Nationalteam war klar definiert: Der als autoritär gefürchtete Fußballlehrer, Spitzname "Feldwebel", sollte die verspielten "Brasilianer Europas" disziplinieren und zum ersten Turniersieg der Verbandsgeschichte führen. Als Scolari aber die portugiesischen Idole Vitor Baia und Joao Pinto, zwei Vertreter der "goldenen Generation", ausmusterte, erntete er dafür einen Aufschrei der Entrüstung.
Doch Scolari hielt dem öffentlichen Druck stand. "Ich habe nicht auf 170 Millionen Menschen gehört, als ich Brasilien trainiert habe, warum sollte ich jetzt auf zehn Millionen Portugiesen hören?", fragte der schnauzbärtige Trainer, der sehr gerne und häufig ausgebeulte Trainingshosen trägt. Mit derselben Sturheit hatte er 2002 vor der Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan die Abwesenheit der brasilianischen Stürmerlegende Romario durchgesetzt.
Obwohl die Portugiesen während der Vorbereitung in sieben Versuchen nicht ein einziges Mal einen EM-Teilnehmer besiegen konnten und das Eröffnungsspiel gegen Griechenland mit 1:2 verloren, dürfen sie sich vor dem Halbfinale am kommenden Mittwoch gegen den Sieger der heutigen Partie zwischen Schweden und den Niederlanden (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) berechtigte Hoffungen auf den EM-Titel machen. "Wir müssen jetzt von mehr träumen und dafür arbeiten", forderte Scolari seine Schützlinge unmittelbar nach der Qualifikation für die Vorschlussrunde auf. Der Coach selbst, als exzellenter Analytiker bekannt, hat zuletzt in der Coaching-Zone sehr gut gearbeitet.
Als Portugal gegen den großen Nachbarn Spanien im abschließenden Gruppenspiel unbedingt einen Sieg benötigte, um nicht schon in der Vorrunde zu scheitern, wechselte Scolari Nuno Gomes ein, der bald darauf das 1:0-Siegtor erzielte. Im Viertelfinale gegen England brachte der Trainer beim Stande von 0:1 in der Schlussviertelstunde Helder Postiga und Rui Costa ins Spiel, deren Tore Portugal ins Elfmeterschießen brachten.
Dort wurde der umstrittene Baia-Nachfolger Ricardo zum Held. Der Torwart von Sporting Lissabon hielt den Schuss Darius Vassells, schnappt sich anschließend den Ball, verwandelte sicher und machte damit den Sieg perfekt. Im Moment des Triumphes saß Mannschaftskapitän Luis Figo schon lange allein in der Kabine. Der Star der Portugiesen hatte nach seiner Auswechslung durch Scolari beleidigt den Innenraum des Stadions verlassen. Der Coach konterte die Spekulationen um Konsequenzen für Figo gewohnt schnoddrig: "Es ist mir doch egal, was ein Spieler macht, wenn er das Feld verlässt." Hauptsache das Ergebnis stimmt.
Nach dem Grund seiner erfolgreichen Einwechslungen gefragt, antwortete Scolari in der Pressekonferenz achselzuckend: "Es gibt ja einige Leute, die behaupten, ich würde nicht arbeiten. Demnach war das alles nur Glück." Dann beugte er sich vor, griff das Mikrofon und verwies das Auditorium auf seine Erfolgsbilanz. "Mit diesem Glück habe ich schon 16 Titel gewonnen", sagte Scolari. Ganz Portugal träumt jetzt von Nummer 17.
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