Von Steffen Gerth, Regensburg
Ex-Münchner Basler: Genussmensch auf der Trainerbank
Wer solch ein Fußballstadion betritt, fühlt sich schnell in die Vergangenheit versetzt: abgewetzte Holzbänke, eine tageslichtarme Gaststätte sowie ein Herrenurinal, auf dem es riecht wie ... aber das ist lange her. Ein Besuch im städtischen Jahnstadion von Regensburg kommt einer Zeitreise gleich. Irgendwie schön. Aber auch sonderlich. Denn wohl in keinem Stadion Deutschlands steht neben einer Trainerbank ein Aschenbecher. "Der war früher nicht dort", sagt Michael Petry. Früher war vor einem Jahr, als Jahn Regensburg in die zweite Fußball-Bundesliga aufstieg. Petry hatte damals als Stürmer Anteil daran, blieb aber trotzdem in der Regionalliga Süd und spielte für Kickers Offenbach.
Nach einem Jahr Zweitklassigkeit sind die Regensburger zurück in der Regionalliga - und Petry ist zurück in Regensburg. Doch dort ist vieles anders geworden, vor allem das Verhältnis zum Rauchen. Wartet man in einem stickigen Blechcontainer - hier Business Lounge genannt - auf IHN, erkundigt sich der freundliche Clubbedienstete nicht erst nach dem Getränkewunsch, sondern fragt: "Habt ihr einen Aschenbecher?" Irgendwie hat man das Gefühl, dass ER an jedem Ort dieses Stadions jederzeit einen Aschenbecher erwartet. Es wird spannend zu beobachten sein, ob das bisherige Rauchverbot im VIP-Raum von Jahn Regensburg nicht nur für den Bürgermeister, die Sponsoren oder sonstige Häppchenjäger gilt - sondern auch für IHN, den bekanntesten Fußballprofi unter den Rauchern.
Als ER am 1. Juli offiziell als so genannter Teammanager - faktisch Trainer - des SSV Jahn Regensburg vorgestellt wurde, sagte Heinz Groenewold, Fußballchef des Vereins: "Ich hoffe, Mario Basler gibt uns das zurück, was sich Tausende, vielleicht sogar Hunderttausende von ihm erwarten." Für Groenewold war die Regensburger Luft etwas dünn geworden, der Sportbürgermeister Gerhard Weber hatte ihm durch die Blume Amateurhaftigkeit vorgeworfen, weil er den Zweitliga-Abstieg mitverschuldet hätte, durch die kurzfristige Besetzung des Trainerpostens mit dem unbedarften Lokalmatadoren Günter Brandl.
Doch dann holte er Basler - und in der Stadt bekamen sie vor Staunen die Mäuler nicht mehr zu. Ein ehemaliger Nationalspieler, einer der Deutscher Meister war, der Champions League spielte - so einer kommt ausgerechnet "zum Jahn", wie man hier sagt. Und die Spitzfindigen merkten: So ist nur Fußball. Aber dass Basler ausgerechnet in der Stadt seine Trainerlaufbahn beginnt, wo seine Spielerkarriere den entscheidenden Knick erfuhr - ein bis heute nicht ganz aufgeklärtes nächtliches Handgemenge in der Pizzeria "Da Fernando" - stuft er als überflüssige Betrachtung ein. Dass Baslers erstes großes Spiel als Trainer der DFB-Pokal-Kick gegen Werder Bremen ist, wo er einst zu "Super Mario" wurde, will er nicht überbewertet wissen - vielmehr versprüht er den Eindruck, dass ihn solche Zufallsdeutungen nerven. Er ringt sich ein paar Hauptsätze zur Antwort ab und scheint zu denken: "Was soll dieses Geschwätz?" Die erste Marlboro glimmt, und er guckt zur Uhr.
Dass Jahn und Basler zueinander gekommen sind, ist einer dieser Deals des Fußballs und seiner ewigen Netzwerke. In Regensburg ist Robert Steinbeißer Leiter der Fußball-Amateure und jobbt nebenbei als Spielerbeobachter bei der nicht gerade kleinen Spieleragentur Rogon. Die gehört Baslers Schwager Roger Wittmann. Und so wurde dann wohl eingefädelt, dass der ehemalige Nationalspieler (30 Einsätze) nach seinem achtmonatigen Dienst als gut entlohnter Entwicklungshelfer im Wüstenstaat Katar nach Regensburg kam. Ihn habe das Konzept des Vereins überzeugt, sagt er. Das heißt? Er murmelt was vom Umfeld, vom geplanten Stadionneubau, "außerdem ist ja hier weit und breit nichts". Aha. Eher umgedreht wird ein Schuh daraus - das Regensburger Konzept heißt Basler.
Jahn standen nach dem Zweitliga-Abstieg nur noch vier Spieler zur Verfügung. Wohl nur Baslers Prominenz ist es zu verdanken, dass der Club nun eine Mannschaft zusammenhat, die keines ihrer Testspiele verlor, am vergangenen Freitag den polnischen Erstliga-Aufsteiger Pogon Stettin mit 2:1 und eine Woche zuvor das Zweitliga-Team von 1860 München gar mit 3:0 besiegte. SSV-Rückkehrer Petry sagt, dass die Arbeit mit Basler sehr viel Spaß mache. Star-Allüren? Keine Spur. Zeit für Witze? Auf jeden Fall. "Er war mal einer der Besten", schwärmt Petry, "und viele, die jetzt hier in Regensburg spielen, waren Basler-Fans." Er nicht, aber immerhin sei sein Lieblingsverein der 1. FC Kaiserslautern. Dort spielte Basler, der geborene Pfälzer, insgesamt fünf Jahre.
In der kleinen Regensburger Welt ist Basler ein ganz Großer, hier ist Mario immer noch super. Wenn er durchs abgeschabte Jahnstadion schreitet, wirkt dieser Auftritt wie der eines Imperators. Im Prinzip ist dieser Ort als Start einer Trainerlaufbahn grandios gewählt, niemand wird es hier wagen, ihm in die Suppe zu spucken, aber alle klopfen sich begeistert auf die Schenkel wenn er sagt: "Egal, wie die Partien ausgehen - meine Spieler werden sich den Arsch aufreißen." Regensburger Testspiele in der Region sind hysterische Basler-Autogrammstunden, bei denen die Amateurkicker aus Ihlerstein oder Ergoldsbach ihm auf die Schulter klopfen, weil nämlich Basler einer der ihren ist: Auch sie rauchen, auch sie trinken Weißbier - aber er konnte eben früher noch geil kicken. Wenn er wollte.
Viele glauben, dass Basler witzig ist - aber das stimmt nur bedingt. Die Basler-Show ist kalkulierte Volkstümlichkeit, zu der auch "beim Jahn" gehört, dass er regelmäßig mit dem Zeugwart und der Putzfrau plaudert. Völlig humorlos indes blockt er jede launige Frage nach Zigarette und Bier im Mannschaftskreis ab. Jeder dürfe alles, sagt er, man dürfe sich nur nicht erwischen lassen. Basler kennt sein Image als Gaudikicker mit Kippe und Flasche - aber richtig lässig ist sein Umgang damit nicht.
Die zweite Marlboro glimmt bereits, zu einer dritten wird er keine Lust mehr haben. Er sagt noch, dass er in Regensburg nicht den Chef herauskehren werde, und dass man heute die Spieler anders behandeln müsse als früher. Den Rest der Regionalliga Süd mit seinen Clubs aus Nöttingen, Feucht oder Wehen, wo Regensburg am Samstag in die Saison startet, interessiere ihn wenig, sagte Basler: "Ich kümmere mich nur um Regensburg." Aufstieg? "Davon sollen andere reden." Dann ist auch Marlboro Nummer zwei verraucht. Ende. Gute Heimfahrt. Der Clubangestellte kommt herein, um den Aschenbecher auszuleeren.
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