Von Peter Unfried
Warum tasten immer mehr Menschen, getrieben von der brennenden oder zumindest latenten Sehnsucht nach anderen Verhältnissen, ausgerechnet den Fußball ab auf der Suche nach Projektionsflächen? Eskapismus - oder Verlagerung, weil die früher benutzten "alternativen" Bereiche das nicht mehr hergeben? Der Gesellschafts- und Fußballforscher Klaus Theweleit pflegt die Sache so zu erklären: "Die großen gesellschaftlichen Reden brauchen einen einfachen Darstellungsbackground."
Tja, da kann der Fußball dienen. Zumal es tatsächlich ein paradoxes Sehnen gibt, der so genannte Turbokapitalismus möge ausgerechnet im Fußball nicht auf der ganzen Linie gesiegt haben. Und hat er nicht tatsächlich verloren, am Samstag wieder und überhaupt - wenn auch zunächst nur im singulären Fall von Borussia Dortmund? Hat er, aber kein Grund zur Freude, denn auch dieser Crash wird letztendlich den Falschen richtig wehtun.
Es braucht aber positive Projektionsflächen, und was böte sich da trotz des gestrigen 1:2 beim FC Schalke 04 mehr an als der Aufsteiger FSV Mainz 05 - nach neun Spieltagen mit vier Siegen, drei Remis und nur zwei Niederlagen Tabellenfünfter vor den Neofeudalismus-Fürstentümern Schalke und Hertha; von Leverkusen, HSV und BVB mal ganz zu schweigen. Auch Bielefeld hat kein Geld und steht nicht schlecht, und der morgige Mainzer Gegner Rostock hat sich seit Jahren wacker geschlagen, ohne dass es irgendeinen kratzte. Warum ist ausgerechnet Mainz die neueste Religion vieler deutscher Fußballexegeten? "Die Zeit" hatte eine erste Antwort schon parat: Mainz, eben noch völlig unbeschriftet, verbreite den Eindruck, man lebe selbstbestimmt jenen "Ruck" vor, der auch durch Deutschland gehen müsse. Außerdem hat man mit Jürgen Klopp anscheinend einen echten Heiland im Angebot.
Anders als der SC Freiburg vor zehn Jahren und sein damaliger Messias wird Mainz allerdings im Rot-Gelb-regierten Land jenseits der früheren politischen Zuordnungen für das "Gute" diskutiert. Das wäre auch so gewesen, hätte Klopp nicht offiziell verkündet, dass er "kein Linker" sei. Geht es tatsächlich nicht mehr um Ideologien, sondern bloß um Sachthemen und deren Lösungen? Langsam hat jedenfalls auch der letzte kapiert (außerhalb von Kaiserslautern zumindest), dass die wahren Karnevalsvereine mit versagenden Managern und entfremdeten Arbeitnehmern die anderen sind.
Dagegen Mainz: Arbeitnehmer, anderswo wegen Unfähigkeit gefeuert, die ihre Arbeit nicht ausschließlich ökonomisch definieren, die sich positiv mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, die ihren Chef nicht für total unfähig halten, die aus ihrer Arbeit persönliche Befriedigung ziehen - und genau dadurch Erfolg haben. Das ist gegen alle Realität in Deutschland doch mal eine gelebte Utopie. Die Hoffnung gibt in einer Welt voller Arbeitsloser oder resignierter Arbeitnehmer auf der einen Seite und angeblichen Abzockern (Unternehmensmanager, normale Fußballprofis) auf der anderen.
Was passiert tatsächlich auf dem Rasen? Mainz spielt einen laufaufwendigen Fußball, der sich stärker als bei anderen Bundesligisten über ein engagiertes und intelligentes Spiel ohne Ball definiert. Um es klar zu sagen: Die Mainzer Profis rennen einfach mehr als andere. Viel mehr. Man könnte auch sagen: Sie arbeiten härter und länger. Und dafür kriegen sie weniger Gehalt, weniger zusätzliche Leistungen (Prämien) und weniger soziale Vergünstigungen. Zum Beispiel haben sie nur einen Trainingsplatz, der FC Bayern hat fünf.
Und trotzdem rennen sie nicht zur Gewerkschaft, sondern haben ein Lächeln im Gesicht - bzw. ein Dauergrinsen wie ihr Anführer Klopp. "Ihnen geht's nicht um die dicke Kohle", schrieb "Bild", "sondern um den Spaß." So was von dieser Seite ist immer verdächtig. Und tatsächlich ist das wunderbare Mainzer Modell auch eine wunderbare Steilvorlage für Politiker und Wirtschaftsmanager und die angeschlossenen Medien bei ihren derzeitigen Versuchen, die Arbeitnehmer für das Modell: mehr Arbeit für weniger Geld und weniger Sozialleistungen zu begeistern. Denn, was machen denn die VW-Arbeiter in der Slowakei, die Opel-Jungs in Polen anderes? Und was machen die Mainzer Profi anderes, als dem Arbeitgeber ihre Dankbarkeit darüber zurückzuzahlen, überhaupt noch einen Arbeitsplatz in Deutschland zu haben?
Bitte, der Zynismus ist nicht meiner. Jeder Fußballclub, der "okay" ist, in dem Präsident, Manager, Trainer professionell, modern und trotzdem zivilisiert und mit Stil arbeiten, ist ein Fortschritt. Und nicht aus allem, aber manchem, was Klopp sagt, muss man schließen, dass in Mainz eine neue Fußballkultur aufgebaut worden ist. Mit seinem totalen und über die ökonomische Vereinbarung hinausgehenden beruflichen Engagement, der Identifikation mit den Zielen des Unternehmens und ihrer glaubwürdigen leidenschaftlichen Kommunikation in der Sprache des Volkes ("Es ist soooo geil") erreicht Klopp die Leute.
Die Frage ist ja nun seit Saisonbeginn, wie lange die Mainzer Profis ihren Rekordakkord durchhalten oder zu leisten bereit sind. Ich redete darüber mit einem selbsterklärten "Fan von Mainz 05". Sein Name ist Reiner Calmund. Der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen ist selbst ein engagierter Vertreter des Typs Arbeitgeber, der von Subalternen erwartet, dass sie 24 Stunden am Tag malochen. Ab morgen schmeißt er als "Big Boss" der gleichnamigen RTL-Reihe Leute raus, die nicht gut genug sind.
"Alles nette Typen in Mainz", sagt Calmund, aber als längerfristig funktionierendes Modell kann er das nicht sehen. Da seien "die Mechanismen des freien Marktes" vor. Irgendwann, sagt Calmund, sei es gut mit dem gemeinsamen Absingen von Karnevalsliedern, den schwedischen Zeltlagern und dem Spaß-statt-Kohle-Prinzip. Irgendwann "kommt ein Topspieler und sagt: Trainer, es war wunderbar hier. Aber ich habe ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann." Und dann noch einer und noch einer, und das, sagt Calmund, "ist dann das Ende des Märchens".
Völlig falsch: Nichts interessiert den (bestbezahlten) Mainzer weniger, als dass er - nach "Bild"-Recherche - 15-mal weniger als Oliver Kahn verdient. Nichts ist ihm wichtiger als "Siege über Millionarios" ("Bild"). Und nichts ist spannender als die Frage, ob der Mainzer Ruck nicht doch auch durch Karstadt, Opel, VW und so weiter gehen kann. Bevor er aber auch "Humba-Humba-Tätäräää" singt, muss sich der deutsche Arbeiter darüber klar sein, dass in der perfiden Boulevard-Analogie er selbst der "Millionario" ist.
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