Von Mathias Liebing
Gerade einmal zehn Rot-Weiße sind noch übrig geblieben. Zehn von zwanzig, denen in Erfurt nach dem Ende der Zweitliga-Saison 2004/2005 der Gang zum Arbeitsamt erspart geblieben ist. Alltag in Fußball-Deutschland, wenn ein Verein abgestiegen ist.
Hier ist allerdings nicht von Spielern die Rede, sondern von zehn Geschäftsstellen-Mitarbeitern, die wegen des Abstiegs des FC Rot-Weiß Erfurt aus der Zweiten Fußball-Bundesliga im Juni ihren Job verloren haben. "Eine Sekretärin, eine Geschäftsführerin, ein Organisationsmann", fängt Manager Stefan Beutel an aufzuzählen.
Vor dem Sturz in die Kreisklasse
Dabei schien doch alles gut. Rot-Weiß (Dritter der letzten DDR-Oberligasaison im Jahr 1991) war endlich aus der Regionalliga in die Zweite Liga zurückgekehrt. Doch vom einjährigen Aufenthalt in dieser Spielklasse sind 3,5 Millionen Euro Schulden übrig geblieben. Der Verein wäre längst insolvent, wenn im Sommer nicht thüringische Landespolitiker, Sponsoren sowie der Geschäftsführende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Theo Zwanziger viel dafür getan hätten, um Rot-Weiß vor dem Sturz in die Kreisklasse zu bewahren.
So geht es zu im ostdeutschen Fußball, der nach der Zusammenführung des Deutschen Fußballverbandes der DDR mit dem DFB fünfzehn bewegte Jahre hinter sich hat. Jahre wie 1999, in dem Trainer Dragoslav Stepanovic beispielsweise beim VfB Leipzig monatlich um die 35.000 Mark einstrich.
Es gab Sonderliches und Peinliches - so beim FC Carl-Zeiss Jena. Als sich Slavko Petrovic beim Regionalligisten als Trainer vorstellte, sagte er, dass er sich auf ein Wiedersehen mit seinen alten Europapokal-Kontrahenten freue, deren Schüsse er als Torwart von Roter Stern Belgrad gehalten haben wollte. Wer aber alte Dokumente und Spielberichtsbögen durchgesehen hatte musste feststellen, dass dort niemals der Name Petrovic auftauchte. Heute trainert der Serbe den SV Waldhof Mannheim, der finanziell stark angeschlagen bis in die Oberliga abgestürzt ist.
Ein Wasserbett, in dem niemand schläft
Ob Europapokalerfahrung oder nicht - in Jena durfte Petrovic seine Starrolle spielen. So bestellte er ein Wasserbett auf Vereinskosten, das von ihm aber als nicht alltagstauglich befunden worden war.
Von solchen Merkwürdigkeiten ist der heutige Trainer Heiko Weber weit entfernt. Der Mann hat in den neunziger Jahren als Stürmer alle sechs Jenaer Zweitliga-Spielzeiten miterlebt und ist zu einer Symbolfigur des neuen professionellen Fußballs im Osten geworden.
Weber, gelernter Feinmechaniker, hat es immerhin geschafft, das Team von der Ober- in die Regionalliga zurückzuführen. In den vier Jahren zuvor hatte das nie geklappt. Weber setzte während seiner einjährigen Amtszeit so konsequent wie keiner seiner Vorgänger auf den Nachwuchs und dazu auf Methoden wie sie Klinsmann, Klopp und Doll derzeit vormachen.
Nicht zuletzt weiß er mit den Medien und der Öffentlichkeit in Thüringen umzugehen. Wie zum Beispiel am Tag des zweiten gewonnenen Aufstiegsspiels gegen den MSV Neuruppin, als Weber während der Pressekonferenz in Richtung der 10.000 ausgelassen feiernden Zuschauer sagte: "Heute dürfen alle Fans von der Zweiten Liga träumen. Aber nur heute."
Vorzeigeclub Aue
In Jena ist neuer Realismus eingekehrt, der sich zu großen Teilen aus einer Rückbesinnung auf alte Werte nährt. Weber spricht in diesem Zusammenhang gern von Tugenden. Damit meint der 40-Jährige besonders die Förderung des eigenen Nachwuchses in der Sportschule. Aber auch die kontinuierliche Arbeit im Präsidium.
Dem steht seit 2002 mit Rainer Zipfel ein Geschäftsmann aus einem Entsorgungsunternehmen vor, der im Verein betriebswirtschaftliche Strukturen etabliert hat und bei fußballspezifischen Entscheidungen auf Expertenmeinungen zurückgreift. Das Ergebnis: Carl-Zeiss ist seit eineinhalb Jahren schuldenfrei. Wer aber nun schon von Höherem träumt, bekommt es mit Weber zu tun: Einen Durchmarsch seiner Mannschaft in die Zweite Liga bezeichnet der Trainer als "Spinnerei".
Die größten Realisten wohnen aber im Erzgebirge. Dort, wo wegen des profitablen Uranabbaus sogar die DDR-Regierung ansatzweise Platz ließ für eine politisch autonome Selbstverwaltung, ist den Vereins-Funktionären auch der fußballerische Systemwechsel zügiger gelungen.
Und so hat sich der FC Erzgebirge Aue zum professionellsten Zweitligaclub im Osten gemausert. Diese Entwicklung ist erstaunlich, denn Aue war nach der Saison 1990/1991, als über die Einordnung der Ost-Vereine in den DFB-Spielbetrieb entschieden wurde, einer der großen Verlierer. Als Zweiter der DDR-Liga Staffel B (Zweite Liga) wurde der frühere FC Wismut in die damals dreigeteilte Amateur-Oberliga-Nordost versetzt.
Allerdings blieben dem Verein dadurch die Besuche vermeintlicher Erfolgsunternehmer aus dem Westen erspart, die in billigen Geschäftsanzügen in die Erstligaclubs in Dresden oder Leipzig kamen und Abenteuerliches versprachen. "Im Fokus standen die großen Städte, während sich für uns niemand interessiert hatte", erinnert sich Aues Marketing-Leiter Enrico Barth, um daraufhin vorsichtig hinzufügen, dass allerdings der Wessi Klaus Toppmöller kurz nach der Wende die Auer Mannschaft trainiert habe. "Aber das war keiner, der wegen seines Anzuges überzeugte", sagt Barth.
Mit Leuten aus der Region
In Aue ist die Besetzung der Führungsriege um Erfolgsunternehmer Uwe Leonhardt seit 1991 nahezu unverändert. In aller Ruhe wurde das Team mit qualifizierten Mitarbeitern verstärkt. "Allerdings nur Leute aus der Region", betont Peter Höhne, der Pressesprecher des FC Erzgebirge, der erst nach dem Aufstieg in die Zweite Liga von einem privaten sächsischen Radiosender zum FC Erzgebirge wechselte. Seitdem erreicht die Medienarbeit in Aue Zweitligaspitzenformat.
Doch mehr als Zweite Liga ist vorerst in Aue nicht drin. Denn so kuschelig das kleine Erzgebirgsstadion ist - von erstligareifem Komfort ist der Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes entfernt. Die meisten Fans müssen aufgrund der Lage der Arena im Lößnitz-Tal mehrere Kilometer vom Stadion entfernt parken und aus Ermangelung eines Fußweges den größten Teil der Strecke auf der Bundesstraße zurücklegen. Ein Zustand, der trotz des eindrucksvollen Trainingsgeländes mit Nachwuchsinternat, dem - auch noch zu kleinen - Schmuckkästchen die Bundesliga-Tauglichkeit verwehrt.
In Erfurt wurde immerhin die Geschäftsstelle neu gestrichen. Zum ersten Mal sei der zweistöckige Zweckbau aus den achtziger Jahren jetzt weiß, sagt Manager Beutel. Stadionkenner wissen noch, dass dieses Gebäude einst in DDR-üblichem Einheitsgrau gehalten war. Der neue Anstrich, für den übrigens Arbeitslose mit Ein-Euro-Jobs mit gesponserter Fassadenfarbe eines Erfurter Farbwerkes gesorgt haben, ist durchaus symbolisch zu verstehen. Rot-Weiß kämpft um ein neues Image, um für die Sponsoren im Umland endlich als verlässlicher Partner gelten zu können.
Solche Hilfe zur Selbsthilfe hatten beim Fußball-Ostgifpel im Juli in Leipzig Zwanziger und Ligapräsident Werner Hackmann auch gefordert. Beide hatten angeregt, dass Regionalligaclubs von Erst- und Zweitligavereinen Nachhilfe in Managementfragen bekommen.
Diese Notwendigkeit bestätigt auch Beutel, ein studierter Betriebswirtschaftler, der bislang beim FC St. Pauli, Hansa Rostock und Fortuna Düsseldorf gearbeitet hat: "Ich bin vor etwas mehr als einem halben Jahr nach Erfurt gekommen und war geschockt über das noch immer präsente Modell der ehrenamtlichen Vereinsarbeit. Hier haben Leute operative und strategische Entscheidungen getroffen, die nicht im Geringsten in diesem Bereich ausgebildet waren. Da hätte ich auch als Chirurg in einer Herzklinik arbeiten können."
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