Mittwoch, 10. Februar 2010

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08.09.2005
 

Stürmer Podolski

Grüße an die Mutter

Von Steffen Gerth

Kaum vorzustellen, wie die deutsche Nationalmannschaft gegen Südafrika gespielt hätte, wäre Lukas Podolski nicht dabeigewesen. Für den herausragenden Stürmer gab es trotz aller Begeisterungsstürme noch ein paar Dinge, die wichtiger waren.

Torschütze Podolski: Der wahrhaftige Spaßfußballer Deutschlands
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Torschütze Podolski: Der wahrhaftige Spaßfußballer Deutschlands

Gewiss, er hat an diesem Abend drei Tore geschossen, er hat eines vorbereitet. Er war der Mann des Spiels, die Zuschauer im Bremer Weserstadion feierten ihn mit Sprechchören. Eigentlich waren es aber zwei, drei Sekunden nach dem Spiel, in denen Lukas Podolski für den schönsten Moment des Abends sorgte. "Und dann wollte ich noch meine Mutter in Bergheim grüßen, die am Sonntag Geburtstag hat", sprach er dem verdutzten Fernsehmann ins Mikrofon. Wann hat es das schon einmal gegeben, dass ein deutscher Fußballstar das Fernsehen zu einer privaten Grußsendung umfunktioniert?

Es muss diese Mischung sein aus Naivität und jugendlicher Sorglosigkeit, die Podolski in diesem Augenblick begleitet hatte. Aber vielleicht spricht dieser Mutter-Gruß auch für sein persönliches Wertesystem: Fußball-Länderspiele sind schön, machen Spaß - sind aber jetzt auch nicht so wichtig, als dass man darüber den Geburtstag der eigenen Mutter vergessen sollte. Und wer so unverkrampft auf den Platz geht, dem gelingt auch ein Abend wie dieser. 4:2 hat die deutsche Nationalmannschaft gestern gegen Südafrika gewonnen, drei Tore hat Podolski selber geschossen (11. Minute, 48., 55.); das von Tim Borowski (47.) hat er mit einem feinen Pass vorbereitet. "Es hat Spaß gemacht, ihm zuzuschauen", sagte Bundestrainer Jürgen Klinsmann später.

Freude nach jedem Tor

Der junge Stürmer des 1. FC Köln machte Spaß - und hatte Spaß. Was für eine Freude nach jedem Treffer, ganz anders als bei Borowski, der vergleichsweise humorlos sein erstes Länderspieltor zur Kenntnis nahm. Vielleicht ist dieser Podolski der wahrhaftige Spaßfußballer Deutschlands, weil es ihm einerseits egal ist, ob er nun gerade in der Nationalmannschaft spielen darf, oder mit dem 1. FC Köln in der Zweiten Liga musste. Hauptsache, Fußball. Und andererseits wirkt er nie angestrengt. Nur so lässt sich ein derart genialer Treffer erzielen wie der Lupfer zum 1:0 gegen Südafrika. Vielleicht ist dieser Podolski in der Reihe deutscher Nationalstürmer der Spieler mit der größten Leichtigkeit.

Das eine Jahr Zweitklassigkeit, das hinter dem FC liegt, hat Podolski mehr genützt denn geschadet. Er hat Zweikampfhärte gewonnen, seine Torjägerqualitäten verbessert, er hat sich ein bisschen aus dem Medienhype des Erstligafußballs heraushalten können, und er hat Spielpraxis sammeln können. Bastian Schweinsteiger, seinem Nationalmannschaftskumpel und Bruder im Geiste, ist das nicht vergönnt: Der gleichfalls hochbegabte Mittelfeldspieler darbt beim FC Bayern München als Ersatzspieler.

Oliver Bierhoff, der Teammanager der Nationalmannschaft, bezeichnete Podolski nach dem Spiel gegen Südafrika als "Riesenjuwel". Er hoffe, dass er behutsam behandelt und vor der WM nicht überlastet wird. Klinsmann hat diesbezüglich bereits disponiert und appellierte an die Medien: "Lasst den Kerl schnaufen, lasst ihn leben."

Der Bundestrainer weiß, dass Fußball-Deutschland auf so einen wie Podolski gewartet hat, einen Torjäger, von dem Nationalmannschafts-Kumpel Schweinsteiger sagt, "dass er acht von zehn Chancen reinmacht". Je mehr die deutsche Abwehr schwächelt, umso mehr muss der deutsche Angriff Stärke zeigen. Und deswegen wird Klinsmann nicht müde zu betonen, dass ein solches Talent nicht verheizt werden darf und auch hin und wieder geschont werden müsse. Wie im Spiel gegen Holland (2:2) - und trotz öffentlicher Proteste.

Kraft aus lokaler Verbundenheit

Der deutsche Angriff besteht derzeit aus einem jungen Mann, der im polnischen Gleiwitz geboren und in der rheinländischen Kleinstadt Bergheim aufgewachsen ist. Zehn Tore in den letzten 11 Länderspielen (17 Spiele insgesamt) lassen schnell Bezüge zum besten deutschen Mittelstürmer der Vergangenheit herstellen: Gerd Müller schoss in 62 Länderspielen 68 Tore.

Mannschaften, in denen Podolski spielt, leben von seinen Toren. Im Prinzip ist das bei seinem Club auch nicht anders, folglich wurde der 1. FC Köln inoffiziell in FC Podolski umbenannt. Und weil der mit dem FC das Jammertal der Zweiten Liga durchwandert hat und nicht den Lockrufen anderer Clubs gefolgt ist, schenken ihm die Kölner große Liebe. Endlich haben sie wieder einen Fußballhelden, der der Tradition des Vereins entspricht mit außergewöhnlichen Spielern wie Overath, Littbarski oder Häßler.

Diese lokale Verbundenheit braucht Podolski, um auf internationalen Bühnen klaren Kopf zu bewahren. "Ich verliere nicht die Bodenhaftung", spricht er in die laue Bremer Nacht, als er zum x-ten Mal über seinen Galaauftritt referieren soll. Podolski ist keiner, der zu besonderer Komplexität in der Analyse neigt, und bevor er sich in möglichen Wortgestrüppen verheddert, packt er seine Aussagen in fassliche Hauptsätze. Oder nur Hauptwörter.

Will man wirklich mehr hören von einem 20-Jährigen, der so leicht Fußball spielt? Oder sind es vielmehr diese Miniaturen, die viel charmanter sind als das Wortgeklingel arrivierter Profis? Nach dem Abpfiff in Bremen wurde Podolski von beinahe jedem Südafrikaner um Trikottausch gebeten - alle gingen leer aus. Der Mann des Abends hat sein verschwitztes Jersey dem Schiedsrichter Gregorz Gilewski überreicht - einem Polen. Podolskis Mutter wird stolz auf ihren Sohn gewesen sein.

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