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22.09.2005
 

Interview mit Christoph Metzelder

"Ich rechne mir große WM-Chancen aus"

Auch wenn es mit Borussia Dortmund derzeit nicht so gut läuft - Christoph Metzelder ist der Hoffnungsträger der Fußballfans hierzulande. Der 24-Jährige soll der deutschen Abwehr Halt geben. Im RUND-Interview spricht er über Neid, Schicksal und Probleme beim Bäcker.

Frage:

Herr Metzelder, nach Ihrem kometenhaften Aufstieg und der Vizeweltmeisterschaft waren Sie lange verletzt und verpassten die EM 2004. Jetzt steht die WM vor der Tür, die Zeit wird knapp. Haben Sie Angst, dass es wieder nicht klappt?

Metzelder: Nein. Ich habe die schwerste Situation überstanden, die es für einen Leistungssportler überhaupt gibt: eine Verletzung, die zur Sportinvalidität hätte führen können. Ich habe mich nach zwei Jahren Pause in die Bundesliga zurückgekämpft und nach dem ersten Spiel gesagt: Es wird keine schlimmere Situation mehr kommen.

Frage: Auch nicht die, die WM am Fernseher anschauen zu müssen?

Metzelder: Natürlich möchte ich zur WM, und ich rechne mir auch große Chancen aus. Aber wenn es damit nicht klappen sollte, dann hat das Ganze eine Vorgeschichte, die man berücksichtigen muss.

Frage: Die ersten Saisonspiele liefen nicht gut. Spüren Sie einen wachsenden Druck, wenn wie beim Derby gegen Schalke der Bundestrainer auf der Tribüne sitzt und Sie einen Fehler machen?

Metzelder: Natürlich zählt im Fußball vor allem die Tagesaktualität. Aber es zählt auch eine gewisse Entwicklung. Ich bin zum ersten Mal seit fast drei Jahren schmerzfrei, und ich merke, dass es im Training wieder aufwärts geht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder auf meinem alten Level bin. Bei mir ist es keine Frage der Qualität, da sind sich ja schließlich alle einig.

Abwehrspieler Metzelder (l.): "Unbekümmertheit spätestens seit der WM verloren"
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REUTERS

Abwehrspieler Metzelder (l.): "Unbekümmertheit spätestens seit der WM verloren"

Frage: Neben den Defiziten aus der langen Pause, war auch der Schritt vom unbekümmerten zum etablierten und mit Verantwortung beladenen Spieler zu bewältigen. Ist diese Entwicklung abgeschlossen?

Metzelder: Wer mich kennt, der weiß, dass ich schon immer stark reflektiert war, und meine Unbekümmertheit habe ich spätestens seit der WM verloren. Dann wurde ich BVB-Kapitän als jüngster Spieler der Vereinsgeschichte, da ist klar, dass man nicht mehr der 19-Jährige ist, der von Jürgen Kohler an der Hand geführt wird.

Frage: Sind Sie sich der Macht bewusst, zigtausend Menschen oder gar eine ganze Nation mit einem winzigen Stellungsfehler in tiefe Depressionen stürzen zu können?

Metzelder: Gerade bei der WM im nächsten Jahr wird dieser Druck wahnsinnig groß sein. Man braucht eine immense mentale Stärke, um nach Fehlern wieder mit voller Überzeugung in das nächste Spiel hineinzugehen. Selbstzweifel zu besiegen, ist dabei ein ganz, ganz wichtiger Faktor.

Frage: Vermutlich haben Sie diesen Kampf mit den Selbstzweifeln eifrig geübt während der langen Verletzung.

Metzelder: Ich habe damals ein Zitat des unheilbar kranken Malers Jörg Immendorf gelesen: Larmoyanz ist auch keine Lösung, es gibt immer Menschen, denen es noch schlechter geht. Natürlich stand meine fußballerische Karriere auf der Kippe, aber es ist nicht so, dass mein Leben bedroht war. Dieser Gedanke hat mir sehr geholfen.

Frage: Sie haben sich gewissermaßen von außen betrachtet.

Metzelder: Ja, auch durch meine Arbeit für Kinder, die benachteiligt sind. Ich betreibe mit Sebastian Kehl das Projekt Roter Keil gegen Kinderprostitution. Da merkte ich: Trotz meiner Verletzung bin ich privilegiert, in einer Gesellschaft wie dieser aufzuwachsen. Ich lernte die Dinge wieder neu schätzen, nachdem es drei Jahre nur bergab ging.

Frage: Das heißt, es war ein Teil der Therapie, sich wohltätig zu engagieren?

Metzelder: Ich habe das nicht bewusst so angelegt. Ich komme aus einer Familie, die einen starken christlichen Hintergrund hat, und versuchte meine Popularität für sinnvolle Zwecke einzusetzen. Aber natürlich habe ich gemerkt, dass eine solche Arbeit für meinen Genesungsprozess wichtig war.

Frage: Sie gelten als Aushängeschild einer neuen Fußballergeneration: junge Spieler, die einen sehr reflektierten, intelligenten Eindruck machen. Warum ist dieser Spielertyp momentan derart präsent im deutschen Fußball?

Metzelder: Das Teamspiel und die Taktik geraten immer mehr in den Vordergrund, vielleicht bevorzugt diese Entwicklung solche Typen. Ich bin auf dem Platz weniger Instinktfußballer als Kopffußballer. Aber auch ein Spieler wie Lukas Podolski, der ein richtiger Bauchfußballer ist, hat seine Vorzüge. Ein Spieler, der mehr reflektiert, der zweifelt auch schneller. Über alles nachzudenken, sehe ich deshalb nicht immer als Vorteil.

Frage: Trotzdem sind Figuren wie Effenberg oder Basler fast ausgestorben.

Metzelder: Die Medienlandschaft ist groß und auch sehr brutal geworden. Jeder Fehltritt hängt dir nach. Es gibt nur wenige Spieler, die die Mentalität haben zu sagen: Es ist egal, was geschrieben wird. Dementsprechend wägen die meisten sehr sorgsam ab, was sie sagen und wie sie es sagen. Das führt dazu, dass es die richtig krassen Typen nicht mehr gibt.

Nationalspieler Metzelder (l.): "Ein bisschen traumatisch"
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Nationalspieler Metzelder (l.): "Ein bisschen traumatisch"

Frage: Nach einer tollen Rückrunde in der vergangenen Saison begann diese Spielzeit durchwachsen für Borussia Dortmund. Lässt sich schon absehen, wohin der Weg des BVB nun geht?

Metzelder: Wir sind in allen Pokalwettbewerben ausgeschieden und schwach in die Bundesliga gestartet, das sah erst mal nicht gut aus. Aber ich tue mich noch schwer, eine Prognose zu stellen.

Frage: Gibt es eine Erklärung dafür, dass die Mannschaft zum wiederholten Male so große Probleme mit den Partien hatte, die für die Champions-League- oder die Uefa-Cup-Qualifikation entscheidend waren?

Metzelder: Mittlerweile ist das wirklich ein bisschen traumatisch, und es wird mit jeder Niederlage schlimmer. Man steht als Spieler da und hat keine Erklärung.

Frage: Und als BVB-Spieler muss man dann immer zuerst die Frage nach den finanziellen Konsequenzen beantworten. Nervt das langsam?

Metzelder: Wir Spieler haben uns bei Borussia Dortmund daran gewöhnt, dass man auch in der Lage sein muss, ökonomische Fragen zu beantworten.

Frage: Sie sind in all dem Wirbel um den Finanzskandal durchaus kritisch, aber doch sehr besonnen aufgetreten. Ecken Sie mit dieser Art an in Dortmund, wo es meist sehr emotional zugeht?

Metzelder: Wer mich kennt, weiß dass ich eher introvertiert bin. Etwas anderes würde man mir auch nicht abnehmen. Hier in Dortmund wollen die Leute zwar immer ein paar krasse Aussagen über den Reviernachbarn hören, aber die mache ich nicht. Das wäre nicht authentisch.

Meisterkicker Metzelder (l.): "Ich bin schon ein Gerechtigkeitsfanatiker"
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AP

Meisterkicker Metzelder (l.): "Ich bin schon ein Gerechtigkeitsfanatiker"

Frage: Vergangene Saison entwickelte sich wieder eine große Nähe zwischen Mannschaft und Fans. Entstand diese neue Identifikation aus dem gemeinsamen Gefühl heraus, während der Finanzkrise schlecht informiert worden zu sein?

Metzelder: Unter den Fans gab es eine unglaublich große existenzielle Angst. Die starke Bindung der Anhänger besteht ja nicht zu den Spielern, sondern zum Verein. Und der war plötzlich in Gefahr, völlig kaputtzugehen. Diese Situation hat uns alle sehr eng zusammengeschweißt, denn die Fans haben irgendwann gemerkt: Diese Mannschaft kämpft auch ums Überleben des Vereins. Und mit jedem Sieg wuchs die Nähe zwischen Fans und Mannschaft.

Frage: Sie haben mal gesagt, dass Sie ein Typ sind, der es allen recht machen möchte. Leiden Sie darunter, dass man nicht mehr alle gleich behandeln kann, wenn man so in der Öffentlichkeit steht?

Metzelder: Ich bin schon ein Gerechtigkeitsfanatiker, doch gerade im Profifußball gibt es immer die Diskussion um Geld. Da wird Spielern vorgeworfen, sie kämpften nicht genug, sie identifizierten sich nicht mit dem Club. Da möchte ich mich schon mal hinstellen und das mit jedem Einzelnen ausdiskutieren. Aber irgendwann merkt man, dass man dabei gegen Windmühlen kämpft.

Frage: Ist dieser Umgang mit dem Neid ein deutsches Phänomen?

Metzelder: Ich glaube schon. Wenn man jung ist und Erfolg hat, dann freuen die Leute sich, dann sind sie stolz auf einen. Aber es gibt einen Punkt, wo der Erfolg offenbar zu groß wird. Dann hoffen viele Leute, auch von den Medien, dass man scheitert. Es gibt viele, die sich gefreut hätten, wenn ich nicht wieder zurückgekommen wäre.

Frage: Wann ist in Ihrem Fall der Zuspruch in Missgunst umgeschlagen?

Metzelder: Bei mir war das nach der WM 2002. Natürlich kauft man dann ein neues Auto oder im Elternhaus wird der Vorgarten neu gemacht. Für die Familien der Spieler kann das sehr schwierig sein. Wenn der Bäcker zu meinem Vater sagt, was hat denn dein Sohn für einen Scheiß gespielt, geht mein Vater völlig konsterniert nach Hause.

Die Fragen stellten Malte Oberschelp und Daniel Theweleit

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