Von Mike Glindmeier
Berlin - Ante Sapina steht da, wo er gerne steht: im Mittelpunkt des Interesses. "Wenn man die Quoten der drei Spiele untereinander und dann mit dem Einsatz multipliziert, kommt man auf den Gesamtgewinn", rechnet er routiniert dem Berliner Landgericht vor. Dabei redet der Hobbyfußballer, der nicht einmal den Namen des türkischen Erstligisten Galatasaray fehlerfrei aussprechen kann, so, als wäre das professionelle Wetten für ihn zu einem Beruf geworden.
Überhaupt scheint sich sein ganzes Leben nur um Wetten zu drehen. Der ehemalige Student, der nur selten einen Hörsaal von innen gesehen hat, kann sich in seinen Ausführungen über die von ihm manipulierten Spiele an jedes noch so kleine Detail erinnern. Wo er an welchem Tag welchen Wettschein abgegeben hat. Dass das Tor zum Ausgleich von St. Pauli in Braunschweig von Hoyzer wegen eines angeblich zu hohen Beins des Gästespielers aberkannt wurde. Wie viel Schmiergeld er wo an welchen Spieler bezahlt hat: All diese Angaben spuckt er aus wie ein Computer.
Flankiert von seinen beiden Anwälten, die ihm immer wieder soufflieren, wenn er trotzdem mal ins Stocken gerät, gesteht der 29-Jährige die ihm vorgeworfenen Manipulationen der Reihe nach. Dabei ist er immer wieder darauf bedacht, seine Brüder aus der Schusslinie zu halten. Diese hätten stets auf Anweisung von ihm gehandelt, wären selber aber nicht direkt an Manipulationen beteiligt gewesen. Besonders wenn der Kroate mit den leicht herabhängenden Mundwinkel über seinen großen Bruder Milan spricht, ist Ehrfurcht aus seiner Stimme zu hören. Und etwas Neid auf den einzigen der drei Brüder, der es zu etwas gebracht hat.
"Wenn einer abräumte, bin meistens ich das gewesen"
"Milan ist erfolgreich in dem, was er macht, ich schätze ihn über alles", sagt Ante Sapina. Dabei blickt er für einen kurzen Augenblick von der Anklagebank über die Schulter zu Milan. Doch von Fußballwetten habe sein "Ersatzvater", wie Ante seinen Bruder nennt, einfach keine Ahnung gehabt. Da sei er selber unschlagbar gewesen. "In vielen Berliner Wettbüros durfte ich nicht mehr spielen. Man wusste, wenn einer in der Stadt groß abgeräumt hat, bin meistens ich das gewesen", so Sapina.
Das Wort "Betrug" nimmt er dabei nicht in den Mund. Mal habe er einer Mannschaft eine "Motivationsprämie" bezahlt, in einem anderen Fall sei er als Sponsor aufgetreten und habe vor dem Spiel die Hand des Trainers geschüttelt. Seine Kontakte ins Ausland haben sich über Freunde aus den Wettbüros ergeben. Und als sein ehemaliger Mitspieler Marco Eckstein, mittlerweile Torhüter des FC Sachsen Leipzig, in einem manipulierten Spiel trotz des gewünschten Spielstandes kurz vor Schluss nach einem groben Foul mit "Rot" vom Platz musste, "hab ich ihm 2000 Euro als Trostpflaster gegeben".
Ohnehin sah der Sportwagenfan seine U-Boote in den Vereinen wie Honorarkräfte an. Einer der zuverlässigsten Helfer sei Steffen Karl gewesen. Der Chemnitzer habe gemeinsam mit einem Mitspieler vor dem Auswärtsspiel bei Holstein Kiel von Sapina 10.000 Euro kassiert, damit "beide mit angezogener Handbremse spielen". Das Spiel endete wie gewünscht mit einem Sieg für Kiel. "Man hat gesehen, dass die beiden was für ihr Geld getan haben", erzählt Sapina.
Doch auch von Misserfolgen spricht der Mann, dem Gutachter zu Prozessbeginn Spielsucht attestieren, als gehören sie zum Geschäft. Einmal habe er seinen Bruder Milan zu einer Manipulation in die Türkei schicken müssen. "Ich konnte ja nicht an einem Wochenende in Chemnitz und gleichzeitig in der Türkei manipulieren." Die Sache ging schief. In einem anderen Fall habe er sich auf einen Sieg von Real Madrid verlassen, der dann nicht eintrat. "Das wären 1,4 Millionen gewesen", sagt er achselzuckend, um dann ein kurzes "Naja" hinterher zu schieben. Quittungen von Spielen, die besonders wehtaten, "hab ich zur Erinnerung in meinem Bettkasten aufgehoben", gesteht Sapina auf Nachfrage der Richterin mit devoter, ja fast höriger Stimme.
Schwere Anschuldigungen gegen Hoyzer
Insgesamt hätten jedoch die Erfolge überwogen. Dies habe er allerdings keineswegs Robert Hoyzer zu verdanken. Im Gegenteil: "Ich habe mehr Geld in den Spielen verdient, an denen Robert nicht beteiligt war", bilanziert Sapina. Über einen befreundeten Schiedsrichter habe man sich Mitte Mai 2004 im Berliner Café King kennen gelernt. "Robert war ganz schön angetrunken", erinnert sich Sapina.
Hoyzer, der bei diesen Ausführungen verbittert lächelte und sich sofort Notizen machte, sei fasziniert von den Wetterfolgen gewesen. "Robert hat gebohrt, wie ich das mit den Wetten mache. Er wusste, dass ich gut bin, bei dem was ich mache." So sei es auch Hoyzer gewesen, der den ersten Schritt in Richtung gemeinsamer Manipulationen gemacht habe und nach einem Angebot gefragt haben soll.
An seinem ehemaligen Mitstreiter lässt Sapina kein gutes Haar, stellt ihn teilweise als devoten Trottel da, der nach verpatzten Manipulationsversuchen stets nach neuen Chancen gebettelt habe. Immer wieder sei Hoyzer zu ihm ins Café King gekommen und habe ihn aufgefordert, Angebote für Spiele zu machen, die er pfeifen sollte. Ohnehin sei Hoyzer im Laufe der Zeit "zu indiskret" geworden und habe oft mit seinen Taten geprahlt. Lediglich die Vermittlung vom Schiedsrichterkollegen Dominik Marks sei vielversprechend gewesen.
Dabei sei Sapina dem Referee keineswegs böse gewesen noch habe er ihn unter Druck gesetzt, behauptet er. "Auf einige Spiele, die er mir angeboten hat, habe ich gar nicht gewettet", gestand Sapina. Auch das DFB-Pokalspiel zwischen Paderborn und dem HSV habe Hoyzer ihm offeriert. Da sei Sapina schon so weit gewesen, nicht mehr mit Hoyzer zusammenarbeiten zu wollen. "Ich habe Robert gesagt, dass wir Freunde bleiben, auch wenn das nicht klappt."
Ohnehin zeigte sich Ante Sapina am Ende seines rund vierstündigen Monologs von seiner großzügigen Seite. "Ich will endlich mit der Sache Schluss machen, darum habe ich meinen Porsche dem Gericht übergeben."
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