Von Andreas Kröner, Madrid
Derzeit herrscht Ausnahmezustand im Madrider Stadion "Santiago Bernabéu". Während die Gästeteams mit Applaus verabschiedet werden, beschimpfen die Fans das eigene Team mit Buhrufen und Schmähungen. Auswechslungen quittieren die Anhänger mit minutenlangen "XY-Raus"-Rufen und unzähligen weißen Taschentüchern.
Am Samstag war das Pfeifkonzert bei Reals unverdientem 1:0-Sieg gegen den Madrider Vorortklub Getafe offenbar so laut, dass sich das Präsidium der "Königlichen" zum Handeln gezwungen sah: Real entließ Wanderlei Luxemburgo. Am Dienstag kündigte auch dessen Unterstützer, der italienische Sportdirektor Arrigo Sacchi, seinen Rückzug an. Am selben Abend verlor eine B-Auswahl in der Champions League trotz 1:0-Führung am Ende 1:2 bei Olympiakos Piräus.
"In unserer misslichen Lage ist es nötig, eine Wende einzuleiten. Wir können unsere Fans nicht weiter leiden lassen", begründete ein sichtlich angeschlagener Vizepräsident Emilio Butragueño am Sonntagabend die Trainerentlassung. Der ehemalige Real-Star ist nach nur einem Jahr als letzter der von Präsident Florentino Pérez eingesetzten Führungsmannschaft übrig geblieben.
Wie sehr Butragueño selbst unter der Krise leidet, war bei der Pressekonferenz in den tiefen Falten seines Gesichts zu sehen. In den letzten zweieinhalb Jahren verschliss Real fünf Trainer. Doch als ein Journalist die Frage stellte, ob sich das Präsidium nicht über die Mannschaft statt über den Trainer Gedanken machen sollte, reagiert Butragueño kurz angebunden: "Darüber wurde nicht diskutiert."
Zidane an den Krückstock gemalt
Dass Interimscoach Juan Ramon López Caro, bisher Trainer von Reals B-Team in der zweiten spanischen Liga, das desolate Team aus der Krise führt, glaubt wohl selbst Butragueño nicht. Denn die Krise hat tiefer gehende Gründe. Kapitän Raúl ist außer Form und derzeit verletzt, Neuzugang Robinho kein wirklicher Torjäger. Einstige Leistungsträger wie Roberto Carlos oder Zinedine Zidane sind in die Jahre gekommen.
Dieser Generationenwechsel hat eine Tageszeitung jüngst zu einer spöttischen Karikatur inspiriert, in der Zidane mit Krückstock neben dem übergewichtigen Ronaldo läuft. Zusammen ärgern sich die beiden Ex-Weltfußballer darüber, das Ronaldinho schon wieder eine Auszeichnung gewonnen hat. Europas Fußballer des Jahres 2004 spielt übrigens bei Reals Erzfeind FC Barcelona, die unlängst 3:0 in Madrid gewannen.
Das von Pérez 2000 ins Leben gerufene Kommerz-Konzept gilt heute als gescheitert. Jedes Jahr hat der Präsident einen weiteren "Galaktischen" nach Madrid geholt und den Club durch ein ausgeklügeltes Marketingkonzept saniert. Sportlich ist die Bilanz dagegen bescheiden. Seit zweieinhalb Jahren hat die Ansammlung von prominenten Individualisten keinen Titel mehr gewonnen und verliert in Spanien immer mehr den Anschluss an Spitzenreiter Barcelona. Dazu trug nicht zuletzt eine dreiwöchige Promotionstour durch Südostasien bei, die Real statt einer anständigen Saisonvorbereitung absolvierte.
Auch Pérezs Einkaufspolitik hat den Club in eine Identifikationskrise gestürzt. "Jedes Jahr kommen neue Spieler, aber die Mannschaft hat kein Herz", schimpft Real-Fan Carlos mit rotem Kopf. Der 34-Jährige ist seit Kindesbeinen ein Fan der "Weißen". Nach dem Spiel gegen Getafe spülte er seinen Frust in einer Madrider Bar herunter und schimpfte: "So schlecht hat Real noch nie gespielt. Es ist eine Schande!" Wie vielen Fans stößt auch ihm übel auf, dass seit mehreren Jahren kein Spieler mehr aus der Real-Jugend den Durchbruch geschafft hat. "Publikumslieblinge wie Morientes wurden verkauft und dafür spielen wir heute nur noch mit Brasilianern", ärgert sich Carlos.
Deutsches Duo könnte helfen
Wie viele Experten und die mächtigen Sportgazetten der spanischen Hauptstadt glaubt auch Carlos, dass nach dieser Saison ein Umbruch stattfinden und Real nach neuen Führungsfiguren suchen muss. Michael Ballack steht dabei nach übereinstimmenden Berichten spanischer Medien ganz oben auf dem Wunschzettel der "Königlichen", denn einen zweikampfstarken Mittelfeldspieler kann das verspielte Real-Team gut gebrauchen. Sehr erfreut hat man deshalb in Madrid zur Kenntnis genommen, dass etliche Mitbewerber von einer Verpflichtung Ballacks Abstand genommen haben und auch der Bayern-Spieler selbst einem Wechsel nicht abgeneigt zu sein scheint.
Zu einer Verpflichtung Ballacks rät auch der derzeitige Getafe-Trainer Bernd Schuster, der Real einst selbst als Mittelfeldregisseur zu zwei spanischen Meisterschaften führte. Der deutsche Wahlspanier gilt selbst als ein möglicher Real-Trainer-Kandidat, wenngleich Schuster sich diese Woche bescheiden äußerte: "Um zu Real Madrid zu gehen, muss man ein viel größerer Trainer sein, deshalb mache ich mir darüber keine Gedanken." Sein Interesse steht jedoch trotz dieser demütigen Äußerung außer Frage: "Wenn sich so eine Chance bieten würde, stünde ich am nächsten Tag auf dem Trainingsplatz von Real", hatte er erst im November in einem Interview geäußert.
Die Favoriten für den wohl heißesten Trainerstuhl der Welt sind jedoch das "Who is Who" des Weltfußballs. Dem erfahrenen Spanier Javier Irureta, dem derzeitigen Juventus-Coach Fabio Capello und Chelseas José Mourinho werden derzeit die besten Chancen eingeräumt. Aber auch Rafael Benítez (FC Liverpool), Arsen Wenger (Arsenal London), Sven-Göran Eriksson (englischer Nationaltrainer) oder Luiz Felipe Scolari, der kurz vor seinem Rücktritt als portugiesischer Nationaltrainer steht, gelten als mögliche Nachfolger.
Das krasse Gegenteil zu diesen Kandidaten ist Vicente del Bosque. Als Spieler und Trainer arbeitete er über 35 Jahre im Verein, bevor er 2003 als Chefcoach am Tag nach dem Gewinn der Meisterschaft entlassen wurde. Der Mann mit dem dichten Schnauzbart und der Halbglatze, der nur Spanisch spricht, war Präsident Pèrez als Trainer nicht weltmännisch genug für seine "Galaktischen". Vielleicht haben ihn die Madrilenen gerade deshalb bei einer Umfrage, wen sie sich als neuen Real-Coach wünschen, mit Abstand auf Platz eins gewählt.
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