Herr Bruchhagen, warum hört man immer nur Ihre Stimme, wenn es im Streit um die TV-Gelder gegen die Bayern geht?
Heribert Bruchhagen: Das mag an der fehlenden Personalkontinuität bei den meisten Bundesligisten liegen. Nehmen Sie beispielsweise die Adressliste der Zweiten Bundesliga von vor vier Jahren. Die Hälfte der Manager ist nicht mehr im Amt. Nur die großen Vereine haben Kontinuität. Ich bin der Einzige, der keinem großen Club angehört, aber seit 18 Jahren dabei ist. Das stärkt meine Glaubwürdigkeit. Und wenn Karl-Heinz Rummenigge (Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München, d. Red.) sagt, ich sei ein Leichtgewicht, dann mag er nach seiner Einschätzung recht haben. Aber ich saß schon in Bundesligagremien, da war er noch Spieler.
SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sehen die meisten Ihrer Mitstreiter das von Rummenigge gedachte Verteilungssystem, das höhere TV-Einnahmen für sportlich erfolgreiche Teams vorsieht, als gerecht an?
Bruchhagen: Dagegen spricht für mich aber die Entwicklung der Bundesliga. Bayern ist in den siebziger Jahren dreimal Deutscher Meister geworden, in den Neunzigern viermal, in dieser Dekade werden es acht Titel sein.
SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat sich der Club diese Stellung auch sportlich erarbeitet.
Bruchhagen: Darum geht es nicht. Die Großen bleiben groß, und es ist ja nicht nur der FC Bayern. Schauen Sie sich diese Diskrepanz an zwischen den letzten drei Teams, die gerade mal 12 Punkte haben und den Bayern, die von 18 Spielen 15 gewonnen hat. Merkt denn keiner was? Liest keiner das Zitat von Uefa-Generalsekretär Lars-Christer Olsson, der genau diese Schere prophezeit und fordert, man müsse eingreifen? Stattdessen wird ein persönlicher Konflikt Bruchhagen-Rummenigge aufgebaut.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie das präzisieren?
Bruchhagen: Die Bayern sehen eine dramatische Distanz zu ihren europäischen Mitbewerbern. Ich sehe, dass die Bundesliga auf Dauer zu einer uninteressanten Veranstaltung wird, die ausschließlich von Etats abhängig ist. Schauen Sie nach Köln. Dort wird das Interesse der Bayern und des HSV an Stürmer Lukas Podolski diskutiert und gleichzeitig einem Traditionsverein wie dem 1. FC Köln das Vermögen abgesprochen, ihn als Lokomotive zu halten. Das ist eine unbewusste Akzeptanz der bestehenden Verhältnisse, wie sie der Fußball nicht vertragen kann. 1992 hatte Eintracht Frankfurt einen um 40 Prozent niedrigeren Etat als Bayern München. Der Abstand beträgt heute 300 Prozent. Da kann man nicht immer mit der Tüchtigkeit des Managers kommen.
SPIEGEL ONLINE: Sollte der DFL-Vorstand bei der Ligatagung heute dem Rummenigge-Modell folgen, was würde das in konkreten Zahlen bedeuten?
Bruchhagen: Bayern wird jetzt etwa 11 Millionen Euro mehr einstreichen, wenn die Auslandsvermarktung noch ausgegliedert wird. Eintracht Frankfurt bekommt 3,5 Millionen Euro mehr, Aachen eine Million. Oder anders: Bayern bekommt so viel mehr wie kaum ein Zweitligist an Etat hat. Für die Münchner bedeutet das, dass sie beim Umsatz die 200-Millionen-Euro-Grenze überschreiten, wir haben im 43 Millionen im kommenden Jahr. Das kann man nicht mehr aufholen.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie neidisch?
Bruchhagen: Ich bin nicht eifersüchtig, sondern sitze vor dem Fernseher und freue mich riesig, wie die Bayern international auftreten. Ich habe eine tiefe Sympathie für die Art, wie die Münchner Fußball spielen. Felix Magath ist ein langjähriger Freund von mir. Selbst mit Uli Hoeneß habe ich ein normales Verhältnis, wir verstehen uns gut. Aber er musste sich - das verstehe ich - auf die Seite von Rummenigge stellen und ebenfalls angreifen, weil er weiß, dass ich einen ganz sensiblen Punkt berührt habe. Die Lage ist doch für den MSV Duisburg oder Alemannia Aachen (Tabellenzweiter der Zweiten Bundesliga, d. Red.) genauso dramatisch. Die Aachener könnten ebenfalls befürchten, dass sie die Eintracht durch die neue Verteilung und dadurch bedingtes erweitertes Öffnen der Schere der Fernsehgelder nie wieder einholen. Die jetzigen Zustände werden immer weiter zementiert, nur das will ich sagen. Mich deshalb aber zum Bayern-Hasser zu machen, ist eine boulevardeske Verkürzung.
SPIEGEL ONLINE: In letzter Zeit wurde so viel über die Verteilung der TV-Millionen gesprochen, aber nicht über den, der sie zahlt. Was wissen Sie eigentlich von dem neuen Rechte-Inhaber Arena?
Bruchhagen: Ich kann Ihnen zu dem Thema nichts sagen, weil ich nichts weiß. Ich habe einen Pressemitarbeiter, der muss jeden Tag googeln und auf der Internetseite von Arena nachschauen. Ich hole mir auch immer wieder neue Informationen aus den Medien, die DFL sagt mir ja nicht, wer Arena ist.
SPIEGEL ONLINE: Die DFL gibt den Managern der Bundesligisten keine Informationen darüber, wer deren Fernsehübertragungsrechte gekauft hat?
Bruchhagen: Genau. Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich muss mich selbst auf die Suche begeben. Übrigens konnte ich mir schon während der Ausschreibung der Pay-TV-Rechte einen Seitenhieb auf Rummenigge nicht verkneifen. Der hat sich damals immer wieder öffentlich geäußert, obwohl das nur DFL-Geschäftsführer Christian Seifert zugestanden hätte. Und wo war Hackmann, der Rummenigge hätte sagen müssen, "bitte äußern Sie sich nicht zu unseren Themen"? Das habe ich beklagt, und nicht etwa, dass ich inhaltliche Zweifel an den Forderungen der Bayern hätte.
SPIEGEL ONLINE: Der Streit um die Verteilung der TV-Gelder war nicht die erste Kontroverse zwischen Ihnen und der DFL, die Sie zuletzt als "Rummenigge-Kommission" bezeichnet haben.
Bruchhagen: Es ist an der Zeit, auch mal die Historie zu erklären, ich will ja nicht immer als Besserwisser dastehen. Ich war 2001 bei der Liga-Tagung in Stuttgart dabei, als Karl-Heinz Rummenigge beantragte - ohne dass es auf der Tagesordnung stand - die Anzahl der Nicht-EU-Ausländer in der Bundesliga von damals drei auf fünf zu erhöhen. Das war übrigens auch die erste Sitzung, die DFL-Präsident Werner Hackmann leitete. Diese Regelung ist dann innerhalb von zehn Minuten getroffen worden. Einige Monate Später kam der komplette Salto rückwärts und es sollte wieder eine Begrenzung erarbeitet werden.
SPIEGEL ONLINE: Sie hätten sich doch dagegen aussprechen können, wie es Hackmann vorgeschlagen hat.
Bruchhagen: Warum soll ich mich dagegen aussprechen, schließlich waren unsere Verbandsjuristen um Götz Eilers der Ansicht, eine Ausländerbeschränkung verstoße gegen geltendes europäisches Arbeitsrecht. Hackmann hingegen erklärte, das werde beschlossen. Und so kam es dann auch. Beim nächsten DFB-Bundestag in Osnabrück wurde gegen die Stimmen von Bayern München und Werder Bremen entschieden, die Anzahl der Nicht-EU-Ausländer schrittweise von fünf auf drei zu reduzieren. Ich habe mich enthalten. Die Bedenken, die ich hatte, habe ich dem DFL-Geschäftsführer Spielbetrieb Holger Hieronymus schriftlich mitgeteilt.
SPIEGEL ONLINE: Ein Wiedersehen mit den Münchnern könnte es im DFB-Pokalfinale im Mai geben. Nach Ihrer Argumentation steht die Eintracht als Verlierer schon fest.
Bruchhagen: Es wäre unfair, wenn ich sagen würde, wir könnten gar nicht gegen Bayern gewinnen. Dann käme ja gar keiner mehr zum Fußball. Natürlich können wir Bayern schlagen, aber eben nicht über 34 Spieltage.
Das Interview führte Christian Gödecke
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