SPIEGEL ONLINE: Herr Becker, gibt es wirklich Hexerei im afrikanischen Fußball?
Oliver Becker: Es gibt viele Hexenmeister, sogenannte "Witchdoctors", die behaupten, durch Rituale Einfluss auf den Spielverlauf nehmen zu können. Während ihrer Ausbildung beschäftigen sie sich mit Flüchen und der Abwehr von Hexerei. Diese Männer und Frauen arbeiten gleichzeitig als Arzt und Priester.
SPIEGEL ONLINE: Was hat das mit Fußball zu tun?
Becker: Fast jeder afrikanische Verein beschäftigt einen Hexenmeister - so wie es in Deutschland bei jedem Profi-Club einen Masseur gibt.
SPIEGEL ONLINE: Und diese Personen verhexen den Gegner?
Becker: Sie versuchen zumindest, durch Rituale den Ausgang der Spiele zu beinflussen. Ein Beispiel: Ich habe eine eindrucksvolle Zeremonie beim Fußballclub "Huntington United" in Südafrika erlebt: Zuerst wurden die Trikots mit Tier- und Pflanzenteilen in einem großen Bottich gewaschen, dazu wurden die Geister der Ahnen angerufen und Gebete gesprochen. Nachdem sich der Trainer beim Heiler erkundigt hatte, welche Taktik der Gegner anwenden würde, bekam jeder Mannschaftsteil eine Spezialbehandlung mit ausgewählten Tierteilen.
SPIEGEL ONLINE: Wie dürfen wir uns das vorstellen?
SPIEGEL ONLINE: Was sind die populärsten Tiere für solche Rituale?
Becker: Zebras sind zähe Läufer mit großer Ausdauer und deshalb bei Heilern und Fußballern sehr beliebt. Löwen sollen dem Gegner Respekt einflößen, Affen werden geschätzt wegen ihrer Wendigkeit, schwarze Hähne wegen ihrer Zauberkräfte - und weil sie fast überall verfügbar sind. In Swasiland soll eine Mannschaft eine weiße Kuh lebendig vergraben haben, in Kenia vergrub man den Kadaver eines Fuchses im Torraum.
SPIEGEL ONLINE: Aber solche Tricks kennt doch der Gegner auch. Wo ist da der Wettbewerbsvorteil?
Becker: Es ist eine Form psychologischer Kriegsführung. Diese Rezepte und Rituale unterliegen größter Geheimhaltung, denn zwischen den Heilern herrscht Konkurrenzkampf.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es dadurch keine Sieggarantie. Was passiert, wenn so ein Team trotz aller Hexerei verliert?
Becker: Entweder wird der "Witchdoctor" sagen, seine Methoden seien falsch angewandt worden. Oder er wird zugeben, dass die anderen ein stärkeres Mittel hatten. Dadurch wird er wiederum ableiten, dass er mehr Geld braucht von der Mannschaft, um besseres Material zu kaufen.
SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie mit den Spielern vor Ort in diesen engen Kontakt treten und diese Einblicke bekommen?
Becker: Das war das Verdienst von Charles Mkwasa (ein ehemaliger Nationalspieler und -trainer Tansanias, d. Red). Er hat mir Politiker, Funktionäre und Spieler vorgestellt. Mkwasa ermöglichte mir vor allem aber Zugang zu Gegenden, wo ein Weißer selten hinkommt, ein Filmemacher nie. In Uganda, Ghana, Südafrika oder Swasiland half uns unter anderem Benjamin Kouffie, ein hoher Funktionär des afrikanischen Fußball-Verbandes CAF.
SPIEGEL ONLINE: Dann haben Sie doch sicherlich auch Ernst Middendorp getroffen, der die Kaizer Chiefs also den FC Bayern Südafrikas trainiert. Geht der auch mit zum Hexer?
Becker: Ich war überrascht, wie gelassen er damit umgeht. Er sagt, wenn sich ein Spieler per Magie "mentale Fitness" holt, könne er das nicht verbieten. Solche Formen der Hexerei ersetzen aber seiner Meinung nach kein Training. Seine Spieler würden sich durch solche Rituale die letzten fünf Prozent ihrer Leistungskraft erhoffen, der Rest sei Training. Middendorp respektiert dieses Brauchtum - und nimmt sogar daran teil, wenn seine Clubführung das wünscht.
SPIEGEL ONLINE: Was war das für Sie ungewöhnlichste Ritual, das sie während der Dreharbeiten erlebt haben?
SPIEGEL ONLINE: 2010 wird die Fußball-WM in Südafrika ausgespielt. Dann prallen dort zwei Welten aufeinander, wenn die afrikanischen Teams daheim ihre Hexerei anwenden wollen. Fürchten Sie, dass es dann zu Ärger kommen wird?
Becker: Ich habe festgestellt, dass die Verantwortlichen des afrikanischen Fußballs Hexerei ausmerzen wollen. So hat der afrikanische Fußballverband CAF verfügt, dass auf dem Platz keine Substanzen mehr gestreut werden dürfen, dass bei offiziellen Spielen kein "Witchdoctor" auf der Mannschaftsbank sitzen darf. Maßgeblich dafür waren die Begleitumstände beim Spiel Ruanda gegen Uganda im Jahr 2001. Der ruandische Torwart hatte im Netz ein Paar Ersatzhandschuhe aufgehängt. Uganda konnte anschließend kein Tor erzielen, schoss fünf Mal an den Pfosten oder knapp vorbei. Die Zuschauer sahen in den Handschuhen "magic hands", in ihren Augen ein Fall von "Witchcraft". Der ruandische Torhüter sollte die Handschuhe aus dem Netz nehmen, dieser weigerte sich, Spieler begannen sich zu prügeln, das Spiel wurde unterbrochen, die Zuschauer stürmten den Platz. Nach fünf Stunden war das Spiel vorbei, Ruanda hatte 1:0 gewonnen.
SPIEGEL ONLINE: Verhängt der Verband jetzt schon Sanktionen bei Hexerei?
Becker: 2004 in Tansania, beim Spiel der beiden Topclubs Simba und Yanga, hatte ein Team den Platz verhext mit Eier- und Kokosnussschalen sowie einer Tinktur, die bei Bedarf ermöglichte, die Linien des Feldes zu verschieben. Davon erfuhr der Gegner und ist in der Nacht vor dem Spiel ins Stadion eingebrochen und hat aufs Spielfeld uriniert, um den Bann aufzuheben. Der Verband Tansanias hat beide Teams zu jeweils 500 Dollar Strafe verdonnert.
SPIEGEL ONLINE: Wird diese Hexerei nur innerhalb Afrikas angewandt?
Becker: Bei der WM 1974, vor dem Spiel Zaire gegen Jugoslawien in Gelsenkirchen, ließ der damalige zairische Staatspräsident Mobuto Sese Seko neun "Witchdoctors" einfliegen, als Konditionstrainer, Physiotherapeuten und Betreuer getarnt. Sie sollten Zaire auf spiritueller Ebene wappnen und zum Sieg verhelfen. Außerdem schickte er der Mannschaft ein Telegramm, auf dem stand: "Siegt oder sterbt". Zaire hat trotzdem 0:9 verloren. Was danach in Zaire mit den "Witchdoctors" und den Spielern passiert ist, weiß niemand so genau.
Das Interview führten Mike Glindmeier und Steffen Gerth
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