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14.04.2006
 

Fußball-Freestyler

Ballerinas verzücken Bolzer

Von Jörn-Christoph Duddeck

Wo sie auftreten, herrscht Begeisterung: Obwohl Fußball-Freestyler am Ball nahezu alles können, trifft man sie eher selten auf einem Fußballplatz. Inzwischen hat auch die Industrie die Trendsportart entdeckt.

Bei soviel Technik staunt sogar der Bundesliga-Profi. Eigentlich können junge Bolzplatzkicker einem gestandenen Fußballer nicht viel vormachen. Doch wenn sich Hertha-Profi Andreas "Zecke" Neuendorf mit seinem Cousin Matthias Hagemann und dessen Kumpels zum Freizeit-Kick trifft, lernt der Berliner mehr, als dass er den Jungs etwas beibringt. Die beiden sind Freestyler, Ballartisten ohne Zwang zum Toreschießen. Der 31-jährige Routinier ist beeindruckt von den Tricks, die er auf Berlins Hinterhöfen von Matthias und seinen Freestyler-Kollegen gezeigt bekommt: "Ich spiele ja schon einige Jahre Fußball und kann natürlich einiges am Ball, aber diese Ronaldinho-Tricks beherrscht mein Neffe einfach besser als ich."

Mit seinem Hobby ist Hagemann nicht allein. Auch Kai Salander erinnert an einen Roboter, wenn er den Ball minutenlang auf seinem Spann hoch hält. Doch beim Freestyle kommen nicht nur sein Fuß, sondern auch die Schulter, der Rücken und sogar sein Hinterkopf zum Einsatz. Der 16-jährige Schüler erklärt den Unterschied zwischen dem Fußballspiel und Freestyle: "Es sind zwei verschiedene Sportarten. Beim Fußball zählt das Ergebnis, während die Freestyler versuchen, akrobatische Bewegungsabläufe möglichst perfekt einzustudieren und abzurufen."

Während Fußballern schon in der E-Jugend das Dribbeln im Sechzehner abgewöhnt wird, ist beim Freestyle alles erlaubt. Der Ball muss in allen erdenklichen Variationen am Körper entlang balanciert werden. Schönspielerei ausdrücklich erwünscht. Dennoch profitiert Salander immer wieder von seinem Repertoire, wenn er in der Kreisliga A für den SC Hohenaspe kickt: "Durch Freestyle-Training wird ja auch das Ballgefühl geschult. Man kann manche Tricks sogar im Spiel anwenden. Meine Gegenspieler sind dann immer verdutzt, weil es in der Kreisliga nur wenige Techniker gibt."

Im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft hat auch die Industrie die Trendsportart erkannt. So ruft der Sportartikel-Hersteller Nike seit Februar Kinder und Jugendliche zu kreativem und leidenschaftlichen Fußball auf. "Joga Bonito" heißt die Kampagne. Die Botschaft ist brasilianisch und bedeutet "Spiele schön". Mittels TV-Werbespots und Events in deutschen Metropolen wie Hamburg und Berlin soll dabei die Sportart Futsal, die von vielen Freestylern dem "normalen" Fußball vorgezogen wird, näher gebracht werden.

Futsal, das seine Ursprünge in Südamerika hat, ist eine in Sporthallen stattfindende Variante des Fußballs. Das Ballgefühl zählt hier ungleich mehr, da die Kugeln kleiner als beim Fußball sind und über weniger Druck verfügen. Der zurzeit beste Futsal-Spieler der Welt heißt Falcão, kommt aus Brasilien und ist das große Vorbild vieler Freestyler. "Seine Tricks sind unnachahmlich. Nur wenige Bundesligaspieler würden die wohl beherrschen. Bei Hertha würde ich das vielleicht noch Josip Simunic zutrauen. Der kann fast alles am Ball", so Neuendorf.

Noch lassen sich mit Futsal keine Millionen scheffeln. Überhaupt können weltweit nur ganz wenige Freestyler ihren Lebensunterhalt mit ihren Ballfertigkeiten finanzieren. Der Methusalem unter den Profi-Freestylern und gleichzeitig wohl bekannteste Trickser ist Mr. Woo. Selbst Ronaldinho hat sich ein Autogramm des 42-jährigen Koreaners geholt. Auch der Ballartist Jacek Roszkowski und Profi-Freestyler Nejad Brajic aus Duisburg haben es geschafft. Sie werden sogar von der Kölner Agentur "Fußballmarkt" betreut und treten regelmäßig auf Shows, Veranstaltungen oder in Werbespots auf.

Roszkowski schaffte es sogar Jahr 2003 aufs "Wettkönig"-Podest bei "Wetten, dass...". Dabei gelang ihm das Kunststück, innerhalb von zweieinhalb Minuten einen Fußball aus seinem Nacken in einen Basketballkorb zu schießen, ohne dass der Ball den Boden berührt. Die Wette hat er gewonnen. Sogar einen Weltrekord stellte der 42-Jährige auf, als er den Ball 17 Mal in Folge per Kopf in einen Basketballkorb beförderte, ohne dass das Kunstleder zwischendurch den Boden berührte.

Sein Kollege Brajic darf sich immerhin "Deutscher Meister im Freestyle" nennen und gewann bereits zahlreiche Wettbewerbe. Dabei stieg er eher zufällig in die Sportart ein. "Ich habe Diego Maradona wegen seiner Kunststücke immer bewundert", so Bajic. Die Tricks, die der Argentinier sogar in Aufwärmübungen vorführte, hat sich der Hamborner mit jugoslawischen Vorfahren nach und nach angeeignet. Der Familienvater trainiert teilweise mehr als acht Stunden am Tag, mit Genehmigung der Nachbarn sogar nachts in der eigenen Wohnung: "Ohne Ball werde ich wahnsinnig."

In der Bundesliga werden wir den 31-Jährigen jedoch nicht mehr spielen sehen. Bereits in seiner Jugend fiel er im Probetraining von Werder Bremen durchs Sieb: Der Trainer habe ihm damals gesagt, er solle seine Tricks zu Hause üben und nicht auf dem Feld.

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