Von Daniel Theweleit
Es war bezeichnend, was dem Stürmer Ebbe Sand nach dem 0:2 seiner Schalker gegen den Hamburger SV als erstes über die Lippen kam. "Kaputt" sei das Spiel gegangen in jener 28. Minute, als der Kollege Rafinha seine berechtigte Rote Karte sah, erklärte der Däne.
Sand hätte auch sagen können, dass mal wieder eine aufregende, intensive und fußballerisch ansprechende Partie zu einem dieser deprimierenden Spiele geworden war, von denen die Bundesliga Woche für Woche viel zu viele hervorbringt. Oder dass es jede Menge Trainer, Manager und Journalisten gibt, die von den Profis täglich "120 Prozent Einsatz" und "unbedingten Willen" fordern und sich dann wundern, wenn darüber die Freude am Risiko, die Kreativität und die Kontrolle über die Nerven verloren gehen. Und die Liga in unschöner Regelmäßigkeit unglaublich schlechte Spiele bietet. Eins wie in Gelsenkirchen eben.
Auf Schalke wurde provoziert, theatralisch gefallen, auf den Schiedsrichter geschimpft, der Fußballspaß war vorbei. Nur die Hamburger jubelten über zwei Tore und den Sieg, wer aber guten Fußball erhofft hatte, ging enttäuscht nach Hause. Schon zwei Wochen zuvor, als Schalke bei den Bayern spielte, war etwas Ähnliches passiert. Zwei auf Unnachgiebigkeit und Willenskraft getrimmte Teams zeigten in München ein an Würdelosigkeit kaum zu überbietendes Spitzenspiel, Pässe über zehn Meter missrieten, stattdessen zeigten die Spieler virtuose Grätschen mit 25 Metern Anlauf, unzählige Luftkämpfe mit ruppigem Ellenbogeneinsatz, schmerzverzerrte Gesichter nach harmlosen Fouls und alles was sonst noch in das Repertoire des schmutzigen Fußballs gehört. Italienischen Fußball haben wir dafür einst verachtet, jetzt sind wir selber so, es ist ein Elend.
Rätselhaft bleibt, warum trotzdem immer mehr Zuschauer in die Stadien strömen. Oder sehen die Fans den Fußball vielleicht so wie Mirko Slomka? Der Schalker Trainer verwendete nach dem HSV-Spiel Vokabeln wie "rassig", sprach von "vielen Emotionen" und regte sich über den Schiedsrichter auf - ein typischer Reflex. Volker Finke ging nach Freiburgs Spiel in Cottbus am Freitag gar so weit, die Ursache für die Niederlage in einem unterlassenen Foul seiner Mannschaft zu sehen, und der Schmutzigste von allen ist der Held der Nation: Michael Ballack.
Fernsehkommentatoren sagen nach Ballacks Gemeinheiten gerne bewundernd, der Kapitän setze "ein Zeichen", in Wahrheit handelt es sich aber um eine Spielweise, die schlicht unfair ist. Ballack beherrscht es meisterhaft, seinen Gegenspielern in kleinen Fouls richtig weh zu tun, er liebt es, mit theatralischen Stürzen nach harmlosen Tacklings Gelbe Karten zu provozieren - immer im Bewusstsein seiner Sonderstellung als Retter der Nation. Und Felix Magath klopft ihm hinterher gewiss auf die Schulter, und sagt: Super Michael, den Podolski hast du richtig eingeschüchtert. Man kann das "professionell" nennen, einem attraktiven Fußball zuträglich ist es definitiv nicht.
Als lobenswerte Ausnahme präsentierte sich am Sonntagabend Thomas Doll, der im Gegensatz zu Slomka sehr unter dem Primat der Zerstörung litt. Doll sah "viel unnötige Hektik, viele Nickeligkeiten auf beiden Seiten" und erklärte: "Es hat keinen Spaß gemacht, da zuzuschauen. Das waren Provokationen, die nur den Zweck hatten, den Gegner irgendwie zu schwächen, das haben wir überhaupt nicht nötig in unserem Fußball." Wohltuende Worte waren das, nachdem Lincoln wieder einmal zu Hochform im Sichfallenlassen, Freistößeprovozieren und Beleidigtehandbewegungenmachen aufgelaufen war. Kann dem nicht mal einer erklären, dass er damit weder sich noch seiner Mannschaft weiter hilft? In England würde eine solche Spielweise sogar von den eigenen Fans deutlich mit Pfiffen bedacht werden.
Es ist erschreckend, dass die Zuschauer eines Abstiegskandidaten wie Mainz in der Liga bessere Aussichten auf ein attraktives Fußballspiel haben als die Besucher von Schalke und Bayern. Mit Wehmut kann man da zurückdenken an die Klinsmann-Philosophie des vergangenen Sommers, an einen Fußball unverdorbener Jungs, die was riskieren wollen, die spielen wollen, die noch nicht gebeugt gingen unter den destruktiven Prioritäten der meisten Bundesligatrainer. Doch längst sind Klinsmann und seine Spieler ebenfalls von diesem seltsamen Virus infiziert, der früher einmal den Namen "deutsche Tugenden" trug, der im Zuge diverser Modernisierungsversuche und ihrer Widerstände aber gefährlich mutiert ist. In seiner gegenwärtigen Form befällt er den Kern von attraktivem Fußball: die Lust am Spiel.
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