Von Mike Glindmeier
Ein Spiel geht in die Verlängerung. Auch zwei Tage nach den Vorfällen rund um die Drittliga-Partie zwischen St. Pauli und Chemnitz sorgen die Szenen, die sich am Hamburger Millerntor abgespielt haben, für hitzige Diskussionen. Chemnitzer Fans hatten die Anhänger des FC St. Pauli am Samstag mit faschistischen Parolen und Fahnen provoziert und zudem mit einer Rauchbombe für eine fünfminütige Spielunterbrechung gesorgt.
"Das waren 15 bis 20 Anhänger, die auswärts nur mitfahren, wenn sie sich eine große Bühne für ihre Aktionen versprechen", sagt Chemnitz-Fanbeauftragte Peggy Schellenberger, die die Situation im Stadion nach eigenen Aussagen erlebt hat. "Das sind schon extreme Leute gewesen, bei denen reden zwecklos ist", so Schellenberger auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.
Natürlich sei es traurig, dass einige der umstehenden CFC-Fans sich von den Parolen der Rechtsradikalen mitreißen lassen, so die Fanbetreuerin. Bei Heimspielen habe man aber kein Problem mit Neonazis. "Da kommen höchstens manchmal ein paar Gesänge", so Schellenberger. "Politik gehört nicht zum Fußball, das können die in ihrer Freizeit machen", findet die CFC-Anhängerin. Dann spielt sie den Ball zurück: "Extrem waren aber auch die 500 St. Paulianer, die uns bei der Abfahrt mit Flaschen und Steinen beworfen haben."
St. Paulis Sicherheitsbeauftragter Sven Brux widerspricht dieser Darstellung. Seiner Einschätzung nach handelte es sich um 60 bis 70 Rechtsradikale, die das Millerntor als Bühne benutzt haben. Als die Polizei trotz mehrfacher Aufforderung eine provozierende Fahne im Gästeblock nicht entfernte, sei er zusammen mit St. Paulis Vizepräsident Marcus Schulz selbst aktiv geworden. "Wir wurden von den Chemnitzern als 'Judensäue' beschimpft", so Brux zu SPIEGEL ONLINE. Geleitschutz in den Block habe die Polizei laut Brux verweigert.
Überhaupt richtet sich die Kritik des Vereins an die Ordnungskräfte. Diese hätten den Block früher räumen müssen und eine andere Abfahrtsroute wählen sollen, so St. Paulis Pressesprecher Christian Bönig, der die Szenen als "Provokation der Polizei gegenüber unseren Fans" bezeichnete. Das sieht Polizeisprecher Ralf Meyer anders. "Wenn wir während des laufenden Spiels den Block geräumt hätten, wäre es erst recht zu Auseinandersetzungen gekommen." Gegen faschistische Parolen wie "Galatasaray, wir hassen die Türkei" oder mitgebrachte Fahnen, die in ihrer Anmutung laut Bönig "an Hakenkreuzflaggen" erinnerten, hätten die Beamten keine Handhabe: "In diesen Fällen liegen keine Gesetzesverstöße vor", so Meyer.
Einen Fehler räumt der Beamte allerdings ein: "Wir haben die Dynamik der Interaktion zwischen den verschiedenen Fangruppen unterschätzt." Dies habe daran gelegen, dass die Informationen aus Chemnitz sich im Nachhinein als unzureichend erwiesen haben. Bei den WM-Begegnungen könne es eine solche Panne allerdings nicht geben, versicherte Meyer. Dort habe man eine ganz andere Kräftetaktik und könne somit schneller auf Ausschreitungen reagieren als am vergangenen Samstag.
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