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06.04.2006
 

Wanchope-Interview

"Kritik an Klinsmann ist kein Vorteil für uns"

Paulo Wanchope ist der Star im Team des deutschen Gruppengegners Costa Rica. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Stürmer über das Auftaktspiel gegen die DFB-Elf, das WM-Ziel Wiedergutmachung und die Qualitäten von Michael Ballack und Oliver Kahn.

SPIEGEL ONLINE: Señor Wanchope, am 9. Juni treffen Sie mit Costa Rica auf Deutschland. Erwarten Sie einen angeschlagenen Gegner?

Wanchope gegen Uruguays Bizera: "Kahn und Ballack sind phantastisch"
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AP

Wanchope gegen Uruguays Bizera: "Kahn und Ballack sind phantastisch"

Wanchope: Nein. Die Kritik, die Jürgen Klinsmann in Deutschland momentan einstecken muss, ist für uns gewiss nicht vorteilhaft. Die Mannschaft brennt doch nur darauf, mit diesen ganzen Problemen aufzuräumen. Außerdem ist Deutschland der Gastgeber. 

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen auf den Heimvorteil an?

Wanchope: Nicht nur. Ich kenne das selbst aus meiner Karriere: Wenn der Trainer und das Team von allen Seiten attackiert werden, dann wartet man nur auf den richtigen Moment, mit aller Wucht zurückzuschlagen. Ich denke, genau in dieser Situation befindet sich das deutsche Team gerade. Das erste Spiel wird auf jeden Fall extrem schwer.

SPIEGEL ONLINE: Spielt es eine besondere Rolle, dass es gleichzeitig das Eröffnungsspiel des Turniers ist?

Wanchope: Ganz sicher sogar. Es gibt normalerweise bei einer WM genau zwei Partien, die wirklich alle sehen - das Eröffnungsspiel und das Finale. Für ganz Costa Rica ist es eine große Ehre, vor einem so gewaltigen Publikum gegen den Gastgeber spielen zu dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen sie die anderen Gruppengegner ein?

Wanchope: Sind ebenfalls alles andere als leicht. Die Polen haben viele schnelle, sehr bewegliche Spieler in ihren Reihen. Ecuador kennen wir vielleicht etwas besser, eine physisch sehr starke Mannschaft.

SPIEGEL ONLINE:  Was ist für Costa Rica möglich?

Wanchope: Nun, wir werden die Weltmeisterschaft nicht gewinnen. Wir haben aber ein ganz klares Ziel, das Erreichen des Achtelfinales. Was die Mannschaft von 1990 bei der WM-Premiere unseres Landes geschafft hat, wollen wir auch erreichen. Oder es sogar noch übertreffen.

SPIEGEL ONLINE: Vor vier Jahren in Asien schied Ihr Team bereits in der Vorrunde aus, warum sollte es diesmal besser abschneiden?

Wanchope: Der entscheidende Unterschied zu unserem damaligen Auftritt wird der Erfahrungszuwachs sein. Das ist unglaublich wichtig bei einem solchen Turnier. Wir haben eine ganze Reihe von Spielern, die auch in Japan und Südkorea schon dabei waren. Dazu kommt, dass wir alle das Gefühl haben, wir müssten etwas beweisen, wir müssten noch etwas richtig stellen. Schließlich sind wir damals nur wegen eines einzigen fehlenden Tores ausgeschieden. Wir dürfen nur nicht wieder die gleichen Fehler begehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche meinen Sie?

Wanchope: Da war zum Beispiel dieses dritte Gruppenspiel gegen Brasilien, das wir mit 2:5 verloren haben. Wir lagen mit 0:3 zurück, sind dann aber noch einmal herangekommen. Nach dem 2:3 sind wir alle nach vorne gerannt und wollten unbedingt das dritte Tor erzielen - obwohl dieses Resultat unter Umständen zum Weiterkommen gereicht hätte. Oder das Auftaktspiel gegen China: Wir haben zwar 2:0 gewonnen, hätten aber deutlich mehr Tore erzielen müssen. Eine der großen Lehren war sicher, dass es bei Weltmeisterschaften auf jeden einzelnen Treffer ankommen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wer gewinnt den Weltpokal?

Wanchope: Brasilien ist natürlich ein ganz dicker Brocken, die haben so viele großartige Spieler. Vielleicht setzt sich aber auch Italien durch. Oder Deutschland. Ich weiß, daran mag bei Euch momentan so recht keiner glauben, aber vor vier Jahren war es doch nicht anders - und plötzlich wart Ihr im Finale. Mit Kahn oder Ballack habt Ihr fantastische Spieler. Es gibt halt einige Teams, die schon aufgrund ihrer Geschichte immer zu den Favoriten zählen. Wie Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im Winter nach achteinhalb Jahren im Ausland wieder zu ihrem Heimatclub CS Herediano zurückgekehrt. Wie kam es dazu?

Wanchope: In Katar hatte ich zuletzt einige Probleme mit dem französischen Trainer Bruno Metsu. Im Dezember habe ich dann lange mit meiner Frau diskutiert, mir lagen Angebote aus England und Mexiko vor. Den Ausschlag, nach Costa Rica zurückzukehren, gab dann letztlich, dass mein Onkel, Carlos Watson, den Trainerposten in Heredia übernahm. Hier kann ich in aller Ruhe wieder zu mir selbst finden und - ganz wichtig - mich optimal auf die Endrunde vorbereiten.

SPIEGEL ONLINE: Werden wir Paulo Wanchope nach der WM wieder im europäischen Fußball sehen?

Wanchope: Hoffentlich. Meine Familie sieht die Zeit in Costa Rica jedenfalls erstmal nur als Zwischenstopp. Am liebsten würde ich in der kommenden Saison wieder in England spielen, aber wer weiß, vielleicht wird's ja auch die Bundesliga! Die Tatsache, dass ich neben dem costaricanischen auch noch einen englischen Pass habe, erleichtert die Vereinssuche in Europa ein wenig. Und wenn es nicht klappen sollte, dann bleibe ich eben hier.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben kürzlich erklärt, in drei Jahren ihre Karriere als aktiver Fußballer beenden zu wollen. Mit gerade einmal 32 Jahren?

Wanchope: Mein rechtes Knie bereitet mir seit geraumer Zeit Probleme. Ich muss schon jetzt täglich ein recht aufwendiges Trainingsprogramm absolvieren, um es zu entlasten. Darauf, vielleicht eines Tages überhaupt nicht mehr vernünftig laufen zu können, kann ich gut verzichten. Deutschland wird meine letzte Chance, eine Weltmeisterschaft zu spielen. Dann reicht es auch.

Das Interview führte Christian Helms

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