Von Silja Schriever
3-4-3, 4-3-3, 4-4-2? Jürgen Klinsmanns Sorgen, die richtige Formation zu finden, kennen die deutschen Tischfußball-Nationalspieler nicht. Denn das System ist gleichgeschaltet. Zwei Wochen vor den Dramen der Fußball-WM werden sich in der immer gleichen 2-5-3-Formation ab heute in Hamburg 200 Top-Kicker aus 20 Ländern messen. Auf den 70 mal 120 Zentimeter großen Spielfeldern liefern sich die Tischfußballer mit ihren Holzakteuren rasante Duelle beim "1. ITSF Table Soccer World Cup".
Profi-Kicker Tim Ludwig erklärt, worauf es beim Spiel an der Stange ankommt. Neben ausgeprägter Unterarmmuskulatur und einem feinmotorischem Bewegungstalent benötigt ein Top-Spieler vor allem eben eines: "Starke Nerven", sagt Ludwig. Der 26-Jährige Werbekaufmann ist Mitglied des deutschen Nationalteams und einer der besten einheimischen Kicker.
Kurz vor der WM steht er in der Küche seines Hamburger Sportfreundes Knuth Strecker, dem amtierenden Deutschen Meister im Doppel, und demonstriert für SPIEGEL ONLINE verschiedenste Schusstechniken. Die oft entscheidenden Tricks. Blitzschnell und fast unmerklich manövriert er den Ball in die perfekte Position, ein kurzer Dreh aus dem Handgelenk – Treffer.
Während Hobbytischfußballer oft wild und unkoordiniert, mal von außen, dann aus dem Lauf schießen, haben sich "Profis oft auf einen einzigen Schuss wie den Snake oder den Abroller spezialisiert – und den perfektioniert", sagt Ludwig. Aber natürlich beherrschen die Spitzenspieler insgesamt 20 bis 30 verschiedene Schusstechniken. "Der Trainingsaufwand ist wie bei einem Triathleten", sagt Knuth Strecker. Er und Ludwig üben jeden Tag stundenlang. Von ihrer Sportart leben können sie indes nicht.
Doch seit einiger Zeit ist die Tischkickerei emporgestiegen aus den Niederungen von Tabakqualm und Bierseligkeit. Ohne einen wirklichen Grund avancierte der Kampf an den Stangen plötzlich zur gefragten Szene-Mode: Immer öfter wurden die edlen sowie foto- und telegenen Tische in Werbespots, Kinofilmen und TV-Serien platziert, immer selbstverständlicher wurden mittägliche Turniere in den Lunchpausen von Werbeagenturen, Verlagen und Großbanken. Die Clubs erleben einen Neueinsteiger-Boom: Allein in Deutschland gibt es mittlerweile acht Landesverbände, 250 Vereine und mehr als 7000 Spieler, die der reinen Hobby-Stangenkurbelei entwachsen sind.
"In zwei Jahren im Fernsehen"
"Dieser Boom hat sich abgezeichnet", sagt Stefan Rössle von der Hamburger Eventagentur "Kontrapunkt", die die Tischfußball-WM in Hamburg organisiert. "Er passt in die Zeit: Tischfußball ist ein sympathischer Sport". Rössle ist regelrecht entbrannt für den Torkampf am Tisch: "Der Sport ist sehr emotional, reine Psychologie, einfach toll.“ Zudem sind die Regeln recht klar: Das Runde muss ins Eckige.
Sponsoren konnte Rössle bei den anfänglichen Planungen auch schnell begeistern. Doch als es schließlich um die Verträge ging, sprangen viele wieder ab – zu groß ist das Gerangel um Gelder im Jahr der Fußball-WM. Bei "Kontrapunkt" arbeiten seit etwa einem Jahr vier Personen ehrenamtlich jeden Tag für den World Cup der Tischfußballer. Auszahlen wird es sich nicht. Noch nicht. Rössle setzt auf eine Investition in die Zukunft: "In etwa zwei Jahren sehen wir Tischfußball-Meisterschaften regelmäßig im Fernsehen."
Mit von der Partie sein könnte dann die Lichtgestalt der Topkicker. Der Belgier Frederic Collignon, 29 Jahre alt und Weltranglisten-Erster, ist seit Jahren nahezu unschlagbar. Er trainiert wie besessen an Tischen verschiedener Hersteller, wird in der Szene erzählt. Collignon freut sich besonders auf den World Cup in Hamburg. "Es ist etwas Neues, denn sonst spielen wir als Nationalmannschaft nicht an verschiedenen Tischen. Es wird sicher interessant und ein großer Spaß", sagt er und wird leidenschaftlich für einen belgischen Sieg kämpfen. Auch wenn er die Amerikaner als seine Titel-Favoriten bezeichnet.
Neben Collignon wird ein weiterer bekannter Kicker in Hamburg dabei sein: Billy Pappas, aktueller Weltranglisten-Dritter aus der WM-Favoriten-Nation USA: „Es ist einfach ein großartiges Spiel. Der Wettkampf ist toll und die Spieler fantastisch“, schwärmt Pappas, der schon als zehnJähriger in der Turnierszene auf sich aufmerksam machte. Das richtig professionelle "Fooseball" (so der amerikanische Ausdruck für Tischfußball) sei extrem schwierig zu erlernen: "Man braucht sehr viel Praxis und Turniererfahrung, um ein großartiger Spieler zu werden."
Deutschland ist nicht zufällig Austragungsort der Tischfußball-WM geworden. Der Weltverband der Kicker, die ITSF (International Table Soccer Federation), hatte sich für Deutschland als WM-Austragungsort ausgesprochen, „da es sich durch die Affinität unseres Sports zum großen Fußball für das Jahr 2006 geradezu aufgedrängt hat“, sagt Klaus Gottesleben, 1. Vorsitzender des Deutschen Tischfußballbundes (DTFB). Und beschreibt damit den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die aus einem harmlosen Kneipenvergnügen ein mittlerweile globales Phänomen gemacht hat.
Mit Klinsmann teilt Gottesleben nicht nur den unermüdlichen Arbeitseinsatz für seine Sportart, sondern auch den Ehrgeiz. Wie der Bundestrainer will auch Gottesleben den Cup im eigenen Land behalten. "Jede Nation will zum ersten Mal Weltmeister werden", sagt er. Eines ist sicher: Am falschen Spielsystem werden die deutschen Tischfußballer nicht scheitern.
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