Uli Hoeneß ist für seine Visionen bekannt. Als Deutschland überraschend den Zuschlag für die Ausrichtung der WM 2006 erhalten hatte, träumte Uli Hoeneß davon, das Team mit einem großen Bayern-Block zu bestücken. Doch es kam anders. Bei der deutschen Auswahl, die nun im eigenen Land den WM-Titel gewinnen will, fehlt ein dominierender Vereinsblock.
Neben Werder Bremen stellen die Bayern allerdings immer noch die meisten Spieler für die Klinsmann-Elf ab. Nur muss die Stammelf, nach Oliver Kahns Degradierung zur Nummer zwei im Tor und Sebastian Deislers Absage aufgrund einer Knieverletzung, mit nur drei Akteuren (Lahm, Schweinsteiger, Ballack) vom deutschen Rekordmeister auskommen. Im morgigen Eröffnungsspiel gegen Costa Rica (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) sind es durch den Ausfall Ballacks nur noch zwei. Bleiben die Bremer als Hoffnungsträger: Frings und Klose sind gesetzt, Borowski wird wohl Ballacks Platz im Mittelfeld einnehmen.
Damit liegt die deutsche Nationalmannschaft voll im Trend. Denn gerade die Auswahlteams der Top-Nationen gleichen meist einem wirren Mix internationaler Spitzenvereine. Wie bei Titelfavorit England. Auch die Briten profitieren weniger von der Vereinstreue ihrer Stars, als von den Millionen des Chelsea-Präsidenten Roman Abramovich. So agieren mit Frank Lampard, John Terry, und Joe Cole drei Chelsea-Stars in der Stammelf, mit Bridge ist ein weiterer in der Warteschleife. Ansonsten ist das Fehlen der Vereinsblöcke offensichtlich.
Der FC Arsenal, multikulturelles Mekka internationaler Topspieler, feierte seine jüngsten Erfolge in der Champions League teilweise ohne einen Engländer in der Startformation. Auch die Zeiten, als Manchester United mit einem Dutzend englischer Nationalspieler die Champions League aufmischte, sind vorüber. Es war genau die goldene Generation um David Beckham und Paul Scholes, herangewachsen in der eigenen Jugend von ManU, die Ende der Neunziger Begehrlichkeiten weckte. Die Stars an der Seite des verletzten Nationalstürmers Wayne Rooney heißen nun Ruud van Nistelrooy und Cristiano Ronaldo. Der eine stürmt für Holland, der andere für Portugal.
Italien liegt nicht im Trend
In Spanien sind Vereinsblöcke ebenfalls Mangelware. Die Top-Elf ist eine Melange aus Spielern führender Clubs der Primera División sowie der englischen Elite-Liga. Und schon als Frankreich 1998 Weltmeister wurde, waren die Stars der Equipe Tricolore längst bei europäischen Spitzenvereinen verstreut. Lediglich Fabien Barthez, David Trezeguet und Thierry Henry bildeten noch eine stille Heimatfront, ansässig im Fürstentum beim AS Monaco. Selbst das ist längst vorbei.
Einzige Ausnahme unter den Titelfavoriten bildet Italiens Auswahl. Die Squadra Azzurra operiert mit Vereinsblöcken von Juventus Turin und dem AC Mailand, zwei der besten Teams Europas. Acht Spieler sind in der ersten Elf gesetzt, beide Topteams stellen dabei jeweils vier Akteure. Mit den beiden Super-Jokern Inzaghi (Milan) und del Piero (Juve) würden insgesamt zehn Spieler der beiden Clubs auf dem Platz stehen.
Außenseiter-Teams hingegen können dadurch, dass ihre Akteure noch nicht systematisch weggekauft wurden, von eingespielten Vereinsblöcken profitieren. Die Ukraine beispielsweise, souveräner Sieger vor der Türkei, Dänemark und Europameister Griechenland in ihrer WM-Qualifikationsgruppe, wartet mit sechs Spielern von Dynamo Kiew auf. Der Rekordmeister erinnert noch an die stärkste Zeit des osteuropäischen Fußballs, als in den 70er und 80er Jahren ganze Stämme der Spitzenvereine auch in den Nationalmannschaften für Furore sorgten.
DFB zwei Mal mit Blockbildung zum Titel
Doch sind Vereinsblöcke auch gleichzeitig Garanten für Turniererfolge? Zumindest was den DFB angeht, muss diese Frage bejaht werden. Als Deutschland am 7. Juli 1974 zum zweiten Mal Weltmeister wird und die Niederlande mit 2:1 schlägt, kommt es auf dem Platz auch zu einem Kräftemessen zweier Vereinsmannschaften. Denn das Gros beider Teams - je sechs Spieler - besteht aus den damals dominierenden Clubs Europas, Bayern München und Ajax Amsterdam. Schon 1954 waren es fünf Kaiserslauterer gewesen, die das Wunder von Bern möglich machten.
Der Kern der DFB-Auswahl, die bei der letzten Fußball-WM 2002 in Südkorea und Japan überraschend Vize-Weltmeister wurde, war der Vereinsblock von Bayer Leverkusen. Im Kader waren sechs Spieler der Elf, die kurz zuvor auch das Champions-League- und DFB-Pokal-Finale erreicht hatte und deutscher Vizemeister geworden war. Rudi Völler, Teamchef der damaligen Nationalmannschaft, sagt heute: "Für mich als Trainer war dieser Block sehr wichtig. Die Leverkusener waren eingespielt und trotz der vielen zweiten Plätze noch hochmotiviert."
Leverkusens Torwart Hans-Jörg Butt, der 2002 als dritter Keeper mit zur WM durfte, relativiert allerdings die Bedeutung von Vereinsblöcken: "Wichtig ist, dass sich die Typen verstehen. Auch Spieler verschiedener Clubs können ein homogenes Team bilden und sich so bei einem Turnier in einen Rausch spielen." Genau darauf setzt das blocklose Team 2006.
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