Von Thomas Hüetlin
Glücksspiel ist eine gefährliche Sache. Davon konnte ich mich wieder einmal überzeugen, als ich mich auf den Weg in den Pub machte, um das Spiel unserer Mannschaft zu sehen. Die Wettbüros an der Strecke waren gefüllt mit alten Damen und Männern mit teuren Trainingsanzügen. Einige hatten große Lücken, wo früher einmal Zähne gewesen waren. Es waren noch dreißig Minuten bis zum Anstoß und sie wetteten auf Windhunde. "Ah, the Germans", sagt einer, als müsse er sich übergeben, "leave us alone".
Im Pub angekommen ging es ungefähr so weiter. Über der Theke die italienische Fahne, die französische, die portugiesische, die polnische, die der Elfenbeinküste, eigentlich alle - nur unsere fehlte. Im Hinterzimmer saß ein Landsmann, allein. Ich konnte ihn daran erkennen, dass er eine schwarz-rot-goldene Flagge im Bierglas stecken hatte und eine Plastiktüte auf dem Tisch. Auf ihr stand geschrieben - ungelogen- "Sichert deutsche Arbeitsplätze".
Ich dachte mir, vielleicht ist dieser Inbegriff der guten Laune auch einer der Gründe, warum man uns so liebt im Ausland. Das Viertel, in dem der Pub liegt, heißt Notting Hill, Punkbands, wie The Clash und Big Audio Dynamite haben hier früher über No Future gesungen und genau aus dieser Kreativexplosion eine anziehende Gegenwart geschaffen, von der alle profitieren: Julia Roberts genauso wie Kate Moss, genauso wie die Massen von Menschen, die aus der Karibik kommen, aus Indien, aus Pakistan, aus dem gesammten früheren Commonwealth und die hier Arbeit finden, weil sich in Großbritannien seit ungefähr 15 Jahren die Einsicht durchgesetzt hat, dass es besser ist, Jobs zu schaffen als sie zu Tode zu blockieren.
Die Angst, mit der viele von uns Deutschen auf die globalisierte Welt blicken, wurde lange Zeit bloß noch von der Art überboten, mit der wir Fußball spielten: langsam, ohne Mut, bloß kein Risiko, so lange auf Nummer sicher, bis der Rest des Globus anfängt sich abzuwenden. Unter den 50 besten Fußballspielern der Welt gibt es offiziell noch einen: Michael Ballack. Unser Beamtenfußball ging so lange gut, bis die anderen auch anfingen Kondition zu trainieren und nicht mehr nach 70 Minuten zusammenfielen. "Immer kurz bevor man anfängt zu gähnen, schießt Deutschland ein Tor", sagt Jorge Valdano, Fußballphilosoph und Weltmeister mit Argentinien 1986. Auch der damalige Teamchef Franz Beckenbauer sah es nicht viel anders, als er behauptete, weil man selbst nicht so gut spielen könne, bleibe nur eine Chance: das Spiel der anderen kaputtmachen.
Eine Legion von trostlosen Eröffnungsspielen belegt, dass der Druck vor einem solchen Ereignis riesig sein muss. Im eigenen Land, mit einer jungen Mannschaft, sind Lähmungserscheinungen etwas ganz normales. Ich, ganz Deutscher, befürchtete das Schlimmste.
Dann kam der unglaubliche Auftritt von Phillip Lahm und dieser Pass von Frings, gespielt aus Bedrängnis am eigenen Strafraum über 50 Meter in die andere Hälfte, es kam das Moment des sofortigen Aufbäumens nach dem Ausgleich und der Umstand, dass die Mannschaft nicht unsicher wurde wie in vielen anderen Turnieren der jüngeren Vergangenheit. Es kamen noch drei weitere sehr ansehnliche Tore und ein Dutzend Szenen, die belegen, dass das Team so locker und angriffslustig ist, wie lange keine deutsche Mannschaft mehr seit der Ramba-Zamba- Zeit. Auch, wenn die Abwehr so sicher steht, wie ein Schneeman im Sommer, dieses Team zeigt etwas, was die Angelsachsen "Spirit" nennen.
Ich weiß nicht, ob die Mannschaft damit weit kommen wird, aber ich wünsche es mir. Sollen mich die Briten, die laut einer Umfrage mehrheitlich finden, dass uns Deutschen der Weltmeistertitel am wenigsten zu gönnen wäre, doch gerne haben. Auf dem Rückweg stoppte ich vor einem Wettbüro. Die Windhunde regierten immer noch. "50 Pfund darauf, dass Deutschland Weltmeister wird", sagte ich und ging. Mein Telefon klingelte und meine deutschen Freunde beschwerten sich über unsere Abwehr. "Hört endlich auf mit dem Kaputtreden", sagte ich. "So lange die Jungs in jedem Spiel vier Tore schießen, und die Abwehr sich ein wenig verbessert, wird das schon." Wäre doch schön, wenn wir mal wieder woanders Weltmeister würden als nur im Jammern.
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