• Drucken
  • Senden
  • Feedback
11.06.2006
 

Fernschuss

Im englischen Bierregen

Von Thomas Hüetlin

In England ist die Ruhe des ersten WM-Tages einer lärmenden Fußballfan-Walze gewichen. Doch in die Euphorie um den Sieg im Auftaktmatch mischen sich auch Versagensängste. Das Mutterland des Fußball weiß: Dieses Mal muss es klappen - denn wenn nicht jetzt, wann dann.

Ich war auf der Suche nach Schatten und einem Bier, aber ich wusste, dass daraus nichts werden würde, als ich die Tür zu meinem Pub "the Elgin" in Notting Hill passierte - jedenfalls nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Dort, wo am Tag vorher dieser einsame Deutsche herumgehockt hatte, befanden sich jetzt ein paar hundert Menschen weißer und schwarzer Hautfarbe, indischer und pakistanischer Abstammung, alle in Trikots der englischen Mannschaft. Sie saßen nicht, sie standen. Sie schwiegen nicht, sie sangen "God save the Queen" und die einzige Abkühlung, die es gab, war das Bier, das sie dabei in die Luft warfen.

Englische Fans: Lärmende Fußballfan-Walze
Zur Großansicht
AFP

Englische Fans: Lärmende Fußballfan-Walze

Ich mag sowas und ich wurde ein wenig neidisch, weil ich als Deutscher nicht aus einem Land stamme, welches man so selbstverständlich lieben kann. Ich schaffe es bis heute nicht, unsere Nationalhymne mitzusingen, und ich würde jederzeit lieber zu Fuß gehen, als mir unsere Fahne ins Autofenster zu klemmen. Natürlich hat das damit zu tun, dass unser Lied verglichen mit der englischen Nationalhymne ein eher mittelmäßiges Stück Musik ist und Schwarz-Rot-Gold eine Farbkombination für Gartenzwerge, in der wahrscheinlich nicht einmal Naomi Campbell gut aussehen würde. Aber das ist es nicht. Mein Problem bis heute bleibt, dass wir im letzten Jahrhundert gleich zwei Mal total versagt haben und uns feige in die Kolonnenprojekte des Kleinbürgertums einreihten anstatt uns für die Freiheit zu entscheiden.

Ich stand also in dieser lärmenden, herrlichen, kosmopolitischen Fußballfan-Walze, und fühlte mich wie ein Gartenzwerg, als ich feststellte, dass der Bierregen allmählich aufhörte. Die Leute um mich herum wurden ruhiger, was anscheinend damit zusammenhing, dass der Anpfiff näher rückte. Ich fragte meinen Nebenmann, was los sei. "Fear, simple as that, mate", sagte er. "last time we won that thing was 40 years ago". Die Angst machte sie stumm, 40 Jahre hatten sie bei einem WM-Turnier nichts mehr gerissen.

Man muss das verstehen: Seit am Hofe von König Heinrich dem Achten ein paar Jungs hinter einer aufgeblasenen Schweinsblase herrannten, betrachtet sich diese kleine Insel in der Nordsee als Mutterland des Fußballs und trotzdem haben sie die wichtigste Trophäe dieser nationalen Leidenschaft nur einmal gewinnen können. In den siebziger Jahren schafften sie zweimal nicht die Qualifikation, dannach ging die Quälerei weiter - schwache Nerven, schwache Beine und Trainer, die Geisterheiler anschleppten. Dieses Mal sagt nun der Coach schwedischer Abstammung, ein Mann, den hier alle nur Sven nennen : "We will win the World Cup" und die Tatsache, dass der letze Bursche, der solch eine Voraussage wagte, Weltmeistertrainer Sir Alf Ramsey war, lässt die Hoffnungen in den britischen Sommerhimmel rasen. Sogar Lord Nelson auf dem Trafalgar Square trägt zur Zeit einen England-Schal um den Hals.

Aber mit der Hoffnung auf die "Goldene Generation" um Steven Gerrard, Joe und Ashley Cole, Frank Lampard, John Terry und David Beckham wächst auch die Sorge, es wieder nicht zu schaffen. "Wenn diesmal nicht, wann dann", schnaufte mein Pub-Nachbar, als das Spiel begann. Das Bier lief in meine Schuhe, aber um mich herum wurde es so still wie in einem Schweizer Bankschließfach. Als nach zwei Minuten das 1:0 fiel, durch ein Eigentor der anderen, erschrak die Fußballwalze fast. Dann, nach gewaltigem Jubel, kamen 88 Minuten Krampf und Zittern.

Es war kein Zufall, dass den heftigsten Applaus in der zweiten Halbzeit dieser Junge mit dem Pausbackengesicht erhielt, den sie hier nur "Shrek" nennen. Wayne Rooney saß auf der Bank und das war außer den drei Punkten die vielleicht wichtigste Botschaft des Tages, denn ohne ihn im Sturm wird das nichts. Außerdem ist das Rooney-Spektakel eine Story, wie sie wir, sentimentale Fußball-Fans, natürlich lieben. Der verletzte Krieger, der sich gegen die Gesetze der Medizin und gegen den Willen seines Club-Trainers Alex Ferguson, ein Mann so sympathisch und offen, wie der Kreml unter Breshnew, dorthin zurückkämpft, wo sein Herz gerade im gleichen Takt schlägt mit dem Rest der Welt. Der Junge, der sich gegen sein Schicksal auflehnt und zurückkommt, gehört zu unseren größten Urmythen: Jesus, Odysseus, Hollywood. Aber es ist oft auch eine Story, die kein Happy End kennt, wie bei Beckham, der durch die WM 2002 schleichen musste und Ronaldo, der vier Jahre vorher unmittelbar vor dem Finale zusammenbrach, trotzdem auflief und spielte wie ein Zombie.

Ich ging nach Hause und dachte, dass es immer so eine Sache ist mit diesen Leuten, die als Stars dazu auserwählt sind, eine WM zu erleuchten. Jene Ronaldinhos und Messis, und wem es dieses Mal beschieden sein wird, eine Milliarde Zuschauer zum Träumen zu bringen. Ich schaltete den Fernseher ein und sah, wie das Team der Elfenbeinküste vom deutschen Publikum in Hamburg gefeiert wurde. Ich dachte an Bad Kissingen, diese kleine Stadt in der unterfränkischen Provinz, wo in den Schulen noch schnell Crashkurse in Spanisch veranstaltet wurden, damit sich die Fußballer aus Ecuador wohl fühlen, und ich fand, dass der erste Star diese Turniers bereits feststeht : das deutsche Publikum. Freundlich, zivilisiert, weltoffen. Ich überlegte kurz, ob ich mir unsere Fahne doch kaufen sollte, unten am Portobello Market, wo sie ein paar unter dem Ladentisch verstecken. Ich ließ es bleiben. Aber tief drinnen war ich stolz: Let's go, Deutschland.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles aus der Rubrik Fußball

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP