Von Thomas Hüetlin, London
Als das Spiel begann, verbarrikadierten sich mein Freund David und ich im Spielzimmer seiner Söhne. Dort steht der zweite Fernseher und Davids Frau duldet auf dem Hauptfernseher keine Sportarten, bei denen die Beteiligten die ganze Zeit auf den Fußboden spucken - als sei ihnen schlecht oder, noch schlimmer, als seien sie schlecht erzogen.
Nach dem schnellen 1:0 durch Klose wurde David mutig. "Komm, lass uns ein Bier trinken", sagte er. Ich stimmte dagegen. Zwar hatte Davids Frau gestern mit Fergie, Herzogin von York und frühere Ehefrau von Prinz Andrew, und dem Modedesigner Tom Ford zu Abend gegessen und war deshalb halbwegs gut gelaunt, aber ich hatte meine Zweifel, ob ihre Stimmung zwei Bier trinkende Fußballfans im Kinderzimmer überdauern würde. Ich hatte Erfahrung, wie so etwas endet. Im Pub an der Ecke, wo uns wieder ein paar Spaßvögel die Fortsetzung eines Krieges vorschlagen, der für den Rest der Menschheit vor 61 Jahren zu Ende gegangen ist.
Wir tranken also Wasser und sprangen trotzdem herum, dass das Haus wackelte. Unser Team spielte so, wie wir es uns nur wünschen konnten: schnell, mutig, offensiv, den geraden Weg zum Tor, so als sei das Spielfeld die Zielgerade in Monza oder Monte Carlo und nicht wie unter Vogts, Ribbeck und Völler ein riesiger, grüner Todesstreifen im Thüringer Wald.
Davids Blackberry klingelte, irgendwelche New Yorker waren dran. Ich tippte mir an die Stirn, von wegen anrufen während des Spiels kann nur Aliens einfallen oder New Yorkern. Aber David, der sein Geld als Investmentbanker verdient, sagte sowieso dauernd nur "yes" und dann wieder "yes" und dann sagte er "Take care" und legte auf. Dann murmelte er: "Kaum zu glauben, aber die Amis sind begeistert. Der Typ wollte gratulieren zur WM, zum Spiel der Mannschaft, zu dem, was er den 'Brand', die Marke Deutschland, nennt, der jetzt endlich vom Staub aus Angst, Zaghaftigkeit und Misstrauen befreit werde." Ich nickte. Das einzige Geschäft, von dem ich ein bisschen was verstehe, heißt Schreiben. Aber er würde schon recht haben.
Es ist schon merkwürdig, dass unser deutsches Team zurzeit sogar den Puls von Bankern schneller schlagen lässt, aber andererseits ist es das auch wieder nicht. Denn unser deutsches Team ist genau aus jenem Stoff, den Börsenzocker und andere Hasardeure lieben: ein Außenseiter, der aus dem Dunkel der Tribüne kommt; ein schwarzes Pferd, das an sich glaubt und so Dinge möglich macht, die nur gelingen, wenn man im Zentrum seiner Leidenschaft steht und gut drauf ist. Das ist, nebenbei gesagt, auch der Stoff aus dem Profit gewonnen wird.
Man muss es sich bitteschön noch einmal vor Augen halten: Mit Ausnahme von Ballack und Lehmann spielen hier Jungs aus der Provinz des Weltfußballs ganz groß auf. Es spielen die, die auf den Einkaufslisten der globalisierten Superclubs in Mailand, in London, in Madrid oder in Barcelona nicht einmal als Füllnamen aufgetaucht sind. Und gerade weil sie als Mannschaft vielleicht mehr sein können als die Summe so manch umfangreicheren Shoppingzettels, kreieren sie eine Begeisterung, die ansteckend ist – auch, weil sie nach dem Spiel den Ball flach halten und nicht wie Angeber rüberkommen.
Alle sind wichtig, aber keiner verkörpert diesen Spirit besser als Bernd Schneider, der Mann, dessen Gesicht man auf keinem Adidas-Poster findet; jener Bursche, der in diesem Turnier spielt wie ein ostdeutscher Pelé, auf den ersten Blick spröde, auf den zweiten brillant. Die Art, wie er Podolski jenes Tor auflegt, das dieser so dringend brauchte, werde ich so schnell nicht vergessen. Diese Aktion allein war im Kern das neue, coole Deutschland.
Einen Abend später telefonierte ich mit den Freunden in der Heimat. Sie klangen happy, aber tief hinten hörte ich wie sich schon wieder klamme Angst anschlich. Autsch, diese Schweden am Samstag, und dann vielleicht Argentinien in einer Woche. Wie sollen wir es gegen die Südamerikaner schaffen?
Ehrlich gesagt, nicht indem wir zurück gehen zu Vogts und Ribbeck und Völler und wieder anfangen, Blockade-Fußball zu spielen, uns hinten reinstellen, darauf lauern, dass die andern einen Fehler machen, und trotzdem so oft verlieren, dass wir wie heute auf Platz 17 der Fifa-Weltrangliste stehen. Der Spirit unseres Teams ist jetzt positiv und ich sehe es lieber nach einer mitreißenden Leistung gegen Argentinien ausscheiden, als sich mit eingezogenem Schwanz ins Finale zu schummeln wie vor vier Jahren.
Der vermeintliche Triumph von damals kostete den deutschen Fußball drei wichtige Jahre, die grandiose Niederlage von 1970 im Halbfinale gegen Italien dagegen bescherte uns den Anfang eines goldenen Fußballzeitalters in Deutschland, mit Rambazamba Europameister 1972 und Weltmeister 1974. In diesem Sinne - lieber Schneider, liebe Jungs, spielt weiter nach vorne. Selbst wenn ihr verliert, ihr und unser Land werdet gewinnen: Let it rock.
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