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01.07.2006
 

DFB-Gegner Italien

Weltmeister der Verdrängung

Von Christian Gödecke

Welch ein Halbfinale: Deutschland gegen Italien, das Duell der dreimaligen Weltmeister und eines mit offenen Rechnungen. Zuletzt ging die DFB-Elf in Florenz unter. Die Azzurri spielen eine starke WM, der Fußballskandal der Serie A scheint das Team sogar zu motivieren.

Bis gestern war man sich noch ziemlich sicher, dass Luca Toni nicht wie Paolo Rossi ist. Toni ist 29 Jahre alt und sehr groß, Rossi schon 49 und immer noch sehr klein. Toni ist aktueller italienischer Nationalstürmer, Rossi ein ehemaliger, der sein Land 1982 mit sechs Treffern zum WM-Titel schoss. Doch nun kamen Toni offenbar doch Zweifel. "Ich wie Paolo Rossi? Ich weiß es nicht, aber hoffen wir es mal", sagte er.

Womöglich haben die beiden doch mehr gemeinsam als man denkt. Beim 3:0 (1:0)-Sieg im Viertelfinale gegen die Ukraine schoss der Stürmer Toni in Rossi-Manier zwei Treffer aus kurzer Entfernung, seine ersten bei diesem Turnier. Und auch wenn er wohl nicht Torschützenkönig wird, mit dem Weltmeistertitel kann es noch klappen. Vorher muss aber erst einmal das Duell am Dienstag (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Gastgeber Deutschland gewonnen werden. Die Zeichen stehen gar nicht so schlecht. Dafür sprechen die Fähigkeit der Verdrängung, die aktuelle Form und ein paar beeindruckende Zahlen.

Noch nie hat eine italienische Mannschaft bei einer WM gegen Deutschland verloren. Zuletzt trafen sich beide Teams in Florenz: Italien, das letztmalig 1995 der DFB-Auswahl unterlegen war (0:2), gewann am 1. März 4:1. Für Deutschland und Jürgen Klinsmann war es eine Demütigung, der Tiefpunkt der Reformarbeit. In Italien hat diese Demontage sogar die üblichen Deutschland-Assoziationen (Ordnung, Adria-Urlaub und blonde Frauen) abgelöst. Germania? Ah, Firenze, 4:1.

Das Team von Trainer Marcello Lippi hat seine gute Form bis zur WM konserviert. Gianluigi Buffon zeigte gegen die Ukraine, dass er der beste Torwart dieses Turniers ist, er hielt in der zweiten Halbzeit dreimal aus kürzester Entfernung. Oft kann sich der Keeper jedoch zurücklehnen, vor ihm agiert eine Viererkette mit den Innenverteidigern Alessandro Nesta (AC Mailand) und Kapitän Fabio Cannavaro, der wie Buffon für Juventus Turin spielt. Und wenn Nesta mal verletzt ist und sein Ersatz Marco Materazzi rotgesperrt, spielt eben der Ersatz des Ersatzes, Fabio Barzagli aus Palermo, fehlerlos - zum Schrecken jedes Stürmers.

Vor der Abwehr bestimmt mit Andrea Pirlo ein unscheinbarer, aber technisch begabter Spieler den Rhythmus des Teams. Seine Freistöße sind so gefährlich wie die langen Pässe, nur die Lethargie steht dem Milan-Profi manchmal im Weg. Für die deutsche Mannschaft gilt: Pirlo ist so wichtig für Italien wie Juan Roman Riquelme für Argentinien - und der wurde von Torsten Frings ausgeschaltet. Ausgeglichenheit und Organisation, das sind die Hauptstärken des italienischen Teams. Beim 1:1 im Gruppenspiel gegen die USA gab es den bisher einzigen Gegentreffer - und den erzielte mit Christian Zaccardo auch noch ein Italiener.

Eine Schwachstelle ist der international unerfahrene Fabio Grosso (Palermo) links hinten, Gianluca Zambrotta (Juventus Turin) auf rechts hingegen deutete mit einem Tor und einer Vorlage gegen die Ukraine seine Qualität an. In der Offensive kann Trainer Lippi nach Belieben variieren, neben Alberto Gilardino (AC Mailand) und Toni hat auch Ersatzmann Vincenzo Iaquinta (Udine) schon getroffen. Gegen die Ukrainer spielte der lange verletzte Mittelfeldspieler Francesco Totti (AS Rom) neben Toni - und bereitete prompt das 2:0 vor. Alessandro del Piero (Juventus) und Gilardino blieben 90 Minuten auf der Bank. Man kann es sich ja leisten.

Dabei musste man vor dieser WM befürchten, dass all die Stärken der Squadra ad absurdum geführt würden durch den Manipulationsskandal in der Heimat. Die wichtigsten Akteure spielen bei Serie-A-Teams, die derzeit im Mittelpunkt von staatsanwaltlichen Ermittlungen stehen und denen im Fall von Rekordmeister Juve sogar der Zwangsabstieg in die dritte Liga droht. Dessen Spieler Buffon, Cannavaro, Zambrotta, del Piero und Mauro Camoranesi wissen alle nicht um ihre berufliche Zukunft. Aber von Nervosität ist deshalb bislang während des Turniers nie etwas zu spüren gewesen.

Es scheint, als habe der Skandal genau das Gegenteil bewirkt und die gesamte Mannschaft zusätzlich motiviert. Fast jeden betrifft er ja irgendwie, nicht nur die Juve-Profis. Auch dem AC Mailand (Pirlo, Gilardino, Nesta, Gennaro Gattuso und Filippo Inzaghi) und dem AC Florenz (Luca Toni) droht Ärger in Form von Punktabzügen. Da hilft die hohe Kunst der Verdrängung, der Zusammenhalt wird gestärkt. Ausdruck dessen war gestern Abend das Plakat, das Cannavaro und Zambrotta über den Platz trugen. "Pessotino, siamo con te" ("Lieber Pessotto, wird sind bei dir") stand darauf, es galt dem Juve-Manager Gianluca Pessotto, 36: Der frühere Nationalspieler hatte sich am Dienstag vom Balkon der Turiner Geschäftsstelle gestürzt und schwebt noch immer in Lebensgefahr. Auch Lippi widmete den Sieg gegen die Ukraine jenem Pessotto. Lippi war lange Jahre Trainer von Juventus.

Womöglich dachte auch Toni an die Wirkung des Wettskandals auf die Leistung des Teams, als er von Paolo Rossi sprach. Der kam 1982 problembelastet zur WM nach Spanien, nachdem er gerade erst eine zweijährige Sperre abgesessen hatte. Der Grund: 1978 war das Ligaspiel zwischen Perugia und Avellino geschoben worden, angeblich unter tätiger Mithilfe des Nationalstürmers. Dieser beteuerte stets seine Unschuld. Bei der WM reiste Rossi dann mit wenig Spielpraxis an und wurde zum Nationalhelden - er traf beim 3:1-Finalerfolg über Deutschland zur Führung.

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