Von Jens Todt
Frankfurt – Was gegen schwächere Gegner bisher noch gut funktioniert hatte, wurde für Brasilien im Viertelfinale gegen Frankreich zum Fiasko. Das mit Superstars gespickte Team war gegen eine französisches Elf, die sich in taktischer und kämpferischer Hinsicht als geschlossene Einheit präsentierte, deutlich unterlegen und musste sich nach 90 Minuten 0:1 geschlagen geben.
"Wir sind nicht verfrüht ausgeschieden, aber wir haben auch noch nicht damit gerechnet", sagte Brasiliens Trainer Carlos Alberto Parreira. "Wir haben dumme Fehler gemacht und sind deswegen sehr enttäuscht", so Parreira weiter, "wir sind leider nicht wieder ins Finale gekommen, aber damit müssen wir jetzt fertig werden".
Frankreichs Trainer Raymond Domenech, der eigentlich für seine Zurückhaltung bekannt ist, suchte nach dem Triumph nach Worten: "Ich bin völlig erschöpft vor Glück, es gibt für unser Glück überhaupt keine Worte. Dieses Gefühl wird uns weiter tragen", so Domenech, "die Alten sind noch da".
Man wusste vor dem Spiel nicht so recht, wie man die Brasilianer einschätzen sollte. Zwar hatten sie alle Vorrundenspiele gewonnen und Ghana im Achtelfinale 3:0 besiegt, besonders viel Glanz hatte die Seleção auf ihrem Weg ins Viertelfinale allerdings nicht versprüht. Beobachter rätselten während des Turniers, ob das Team einfach nicht besser spielen kann oder einfach nur so viel Eifer an den Tag legt, wie nötig ist, um weiterzukommen.
Es dauerte 37 Minuten, bis die 48.000 Zuschauer in Frankfurt die erste Torchance des Spiels sahen, Frankreichs Florent Malouda setzte einen Kopfball knapp über das Tor. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Geschehen im Wesentlichen im Mittelfeld abgespielt, wobei auf brasilianischer Seite weder Ronaldinho noch Kaká Akzente setzen konnten. Mit ihrem statischen Spiel hatten die Brasilianer keine Chance, gegen das gut organisierte Team von Trainer Domenech zum Durchbruch zu kommen.
Die Franzosen um ihren Spielmacher Zinedine Zidane waren zwar die aktivere Mannschaft, kamen jedoch ebenfalls nur selten bis vor das gegnerische Tor. Erst in der Nachspielzeit der ersten Hälfte wurde es brenzlig vor Didas Tor, als Frankreich zwei Freistöße in Strafraumnähe zugesprochen bekam, doch Zidane vergab.
Zu Beginn der zweiten 45 Minuten hielten die Franzosen den Druck aufrecht. Dies wurde in der 57. Minute belohnt. Thierry Henry kam nach einem Freistoß von Zidane am langen Pfosten völlig frei zum Torschuss und verwandelte direkt zum 1:0 für "Les Bleus". Dida hatte keine Abwehrchance.
Doch obwohl Brasiliens Trainer Parreira mit Adriano und Robinho zusätzlich zum schwachen Ronaldo zwei weitere Stürmer einwechselte, reichte es nicht mehr zum Ausgleich. Zwar kam die Elf in der Schlussphase des Spiels noch einige Male gefährlich in den Strafraum von Fabien Barthez, es waren jedoch die Franzosen, die mit klug gespielten Kontern die klareren Torchancen hatten.
Das Domenech-Team bewies eindrucksvoll, wie man die nach Einzelspielern beste Mannschaft der Welt durch kluge Organisation und großen läuferischen Einsatz besiegen kann. "Das war kein geschenkter Sieg", sagte Matchwinner Henry nach der Partie.
Die Dominanz des französischen Mittelfelds mit dem starken Defensiv-Duo Patrick Vieira und Claude Makelele sowie einem hervorragend aufgelegten Zidane war an diesem Abend spielentscheidend. Der französische Kapitän, der nach der WM seine Karriere beenden wird, war Dreh- und Angelpunkt des Spiels.
Am Ende rissen die über weite Strecken der Partie überlegenen Franzosen die Arme hoch. Acht Jahre nach ihrem 3:0-Erfolg im WM-Endspiel gegen Brasilien konnten sie die Südamerikaner abermals schlagen.
Mit Brasiliens Ausscheiden ist die Weltmeisterschaft eine rein europäische Angelegenheit geworden. Frankreich trifft am Mittwoch im Halbfinale auf Portugal, das England im Elfmeterschießen aus dem Turnier geworfen hatte. Deutschland spielt am Dienstag gegen Italien.
So bitter das Aus des Titelverteidigers für die brasilianischen Fans auch ist, so bietet es den Anhängern zumindest die Gelegenheit, einem der größten Spieler aller Zeiten zwei weitere Male bei jener Tätigkeit zuzusehen, die eigentlich aus harter Arbeit besteht. Es gibt jedoch nur ganz wenige, die Fußballspielen so leicht aussehen lassen wie Zinedine Zidane.
Brasilien - Frankreich 0:1
0:1 Henry (57.)
Brasilien: Dida - Cafú, Lucio, Juan, Roberto Carlos - Zé Roberto, Gilberto Silva, Ronaldinho, Kaka (79. Robinho), Juninho (63. Adriano), Pernambucano - Ronaldo Trainer: Parreira
Frankreich: Barthez - Gallas, Abidal, Thuram, Sagnol - Malouda, Viera, Makelele, Zidane, Ribéry (77. Gouvou) - Henry (86. Saha) Trainer: Domenech
Schiedsrichter: Cantalejo (Spanien)
Zuschauer: 48.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Ronaldo, Juan, Cafú, Lucio / Sagnol, Saha, Thuram
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