Von Dirk Brichzi
Frankfurt - Es war fast wie bei der WM 1998. Frankreich hatte soeben Brasilien geschlagen, die Tribünen waren voll von jubelnden Menschen in strahlend blauen Shirts, und unten auf dem Rasen drehte Zinedine Zidane mit Fabien Barthez und Lilian Thuram eine Ehrenrunde. Acht Jahre später haben die Weltmeister von damals mittlerweile die 30 deutlich überschritten, doch an diesem Abend sprach niemand mehr über Geburtsdaten, der Spott gegen die "Rentner-Combo" war nach dem Viertelfinal-Erfolg gegen Brasilien verpufft.
Vergessen waren auch die schwachen Auftritte der "Equipe tricolore" zu Beginn des Turniers: ein enttäuschendes 0:0 gegen die Schweiz, das wenig bessere 1:1 gegen Südkorea. Mit diesen Leistungen hätten die Franzosen nicht einmal bei einer Altherren-WM die nächste Runde erreicht. Vor allem Zidanes Auftreten war ein Spiegelbild des kompletten französischen Spiels: Kein Tempo, null Ideen, fehlende Leidenschaft.
Gegen Togo war der Kapitän gesperrt, ohne ihn erreichte das Team durch ein 2:0 das Achtelfinale. Seitdem ist es das oberste Ziel der Gegner, Zidane "in Rente zu schicken". Doch die spanischen Jungspunde bissen beim 1:3 im Achtelfinale ebenso auf Granit wie die überheblichen Brasilianer beim 0:1 eine Runde später. Frankreich steht im Halbfinale, Zidane wird wieder zärtlich "Zizou" genannt, führt Regie, schießt Tore, bereitet sie vor und tänzelt die Gegner aus.
Dabei hatten den 34-Jährigen viele Kritiker - auch SPIEGEL ONLINE - schon abgeschrieben. Nach der verkorksten EM 2004 in Portugal gab Zidane seinen Rücktritt bekannt, ließ sich aber noch einmal zu einem Comeback überreden, als es bei Frankreich in der WM-Qualifikation nicht lief. Ein falscher Schritt, so schien es, bis zum Spiel gegen Spanien. Zunächst verwandelte Vieira einen Freistoß Zidanes zum 2:1, in der Nachspielzeit erzielte der Kapitän höchstpersönlich das 3:1.
Im Viertelfinale steigerte er sich noch. Ronaldinho und Kaká, die brasilianischen Superstars, sollten dem Turnier und auch diesem Spiel endlich ihren Stempel aufdrücken. Was an Erinnerungen bleibt an diesen Abend in Frankfurt, war allein Zidanes Auftritt. Der eingesprungene Draufsteiger mit Drehung mag nicht mehr ganz so elegant aussehen wie noch im WM-Finale vor acht Jahren, er reicht aber immer noch aus, um die Gegenspieler ins Leere laufen zu lassen.
Wenn es um Standardsituationen geht, macht Zidane sowieso niemand etwas vor. Beim Freistoß zu Beginn der zweiten Halbzeit verharrte gleich ein halbes Dutzend Brasilianer vor Ehrfurcht an der Strafraumgrenze. So hatte Thierry Henry viel Platz und wenig Mühe, das einzige Tor des Abends zu erzielen. Ganz nebenbei feierte das Duo noch eine Premiere. Im 60. gemeinsamen Länderspiel für Frankreich erzielte der Stürmer vom FC Arsenal erstmals einen Treffer nach Zuspiel von Zidane.
"Ich war nicht überrascht über die Leistung von Zidane, denn ich weiß, was er kann", sagte Frankreichs Trainer Raymond Domenech nach der Partie. Carlos Alberto Parreira fand schlichte Worte des Lobes: "Er hat eine wunderbare Vorstellung geboten", sagte Brasiliens Trainer, "er ist eben ein ganz außergewöhnlicher Spieler."
Nun steht Frankreich mit Zidane im Halbfinale, und die Franzosen wissen, wem sie das zu verdanken haben. "Zidane wie zu seinen besten Zeiten" und "Er ist der größte Magier von allen", jubelte die heimische Presse. Portugal heißt der Gegner, wieder gibt es viele Jungspunde, die den dreimaligen Weltfußballer in Rente schicken wollen. "Ich habe aber keine Lust, jetzt noch aus dem Turnier auszuscheiden", sagte Zidane mit dem Trotz eines kleinen Jungen.
Ob er sich das mit dem Rücktritt nicht noch einmal überlegen wolle, jetzt, wo er gerade so gut drauf sei, wollte ein Reporter von Zidane nach der Partie gegen Brasilien wissen. "Zizou" überlegte kurz, grinste und sagte, er habe doch noch zwei Spiele. Es hörte sich so an, als habe er noch Großes vor.
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