Von Achim Achilles
Wenn wir Deutschen Experten für etwas sind, dann für schlechtes Gewissen. Erinnern wir uns an die Interrail-Zeit vor ungefähr 30 Jahren. Man saß irgendwo in Griechenland am Strand, die Sterne funkelten, der Wein floss, und jeder sang seine Lieder. Nur wir Deutschen nicht. Wir kannten keine. Außerdem hatten wir Angst, dass die anderen "Nazi" zu uns sagten, spaßig gemeint, aber doch nicht zum Lachen. Also sangen wir: "He's a jolly good fellow." Das war unverdächtig, machte das schlechte Gewissen aber auch nicht besser.
Deutsche Zuneigung: Stolz aufs Team
Ähnlich war es auch 1990. Nur durch einen zweifelhaften Elfmeter gewonnen. Und dann noch das Großmaul Beckenbauer ("Dieses Team ist auf Jahre unschlagbar"). Wir hatten ein schlechtes Gewissen. So wie vor vier Jahren, als wir uns so durchs Turnier gemogelt haben. Auf den Titel des Vize-Weltmeisters waren wir 2002 nicht so richtig stolz. Wir hatten lieber ein schlechtes Gewissen, weil wir es nicht so schwer hatten wie die anderen.
Bei dieser WM gab es zum ersten Mal seit langer Zeit beim besten Willen keinen Grund, ein schlechtes Gewissen zu entwickeln, nicht mal für uns Gräm-Profis. Unsere Mannschaft ist fit, sie spielt tollen Fußball, sie hat starke Mannschaften besiegt, mit Argentinien womöglich die beste Elf im ganzen Turnier. Und vor allem: Es sind keine Unsympathen im Team. Kein Breitner, kein Effenberg, kein Matthäus, kein Schumacher, kein Basler, niemand, für den man sich schämen müsste.
Es ist ein Wunder. Zum ersten Mal seit Generationen können unsere Kinder auf ihre Interrail-Tour gehen und müssen sich nicht entschuldigen für ihre Nationalmannschaft. Das übernehmen in diesem Sommer die Briten und Holländer. Ein herrlich befreiendes Gefühl.
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