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05.07.2006
 

Bundestrainer-Debatte

Klinsmanns langsamer Abschied

Von Christian Gödecke

Jürgen Klinsmanns Bilanz ist erstklassig: Er hat aus einer Kloppertruppe ein Weltklasseteam mit Zukunft geschaffen. Trotzdem ist sein Abschied als Bundestrainer wahrscheinlich.

Wie zerbrechlich ist Fortschritt? Diese Frage stellte sich Jürgen Klinsmann vor dem Viertelfinale dieser WM, und seine Antwort war eindeutig. Der Bundestrainer hatte Angst um sein Werk, im Falle einer Niederlage gegen Argentinien würden "reaktionäre Kräfte" auf den Plan treten, vermutete er. Das Spiel wurde gewonnen, die Niederlage folgte im dramatischen Halbfinale gegen Italien. Ist der Fortschritt nun, etwas später, weniger zerbrechlich?

Bundestrainer Klinsmann: Mauern einreißen
AFP

Bundestrainer Klinsmann: Mauern einreißen

Es gibt sie immer noch, diese "reaktionären Kräfte", auch wenn sie momentan schweigen. Im Deutschen Fußball-Bund (DFB), wo man die Umstrukturierungen des Bundestrainers seit Anbeginn skeptisch sah und sich nur mit Blick auf die Weltmeisterschaft im eigenen Land zurückhielt. Auch die Kritikerriege um die Altvorderen Franz Beckenbauer und Paul Breitner wurde immer ruhiger. Wer will schon eine nationale Aufgabe torpedieren? Wer als Nestbeschmutzer gebrandmarkt werden?

Nur zaghaft gab es Kritik, zwischenzeitlich. Klar, die Nationalmannschaft sei erfolgreich, raunten die Funktionäre aus dem zweiten Glied, aber Klinsmanns Betreuerstab verursache unverhältnismäßig hohe Kosten. Ein Physis-Coach aus Amerika? Hierzulande müsste es doch auch fitte Sportlehrer geben. Und dann noch Klinsmanns Flüge über den Atlantik zu seinem kalifornischen Wohnort Huntington Beach. So viel müsse man für das Unternehmen Titel nun wirklich nicht ausgeben.

Klinsmann, der die früher im Mannschaftshotel logierenden DFB-Oberen ausquartiere, glaubte, dass er nur dauerhaft in Ruhe arbeiten könne, wenn er tatsächlich den WM-Titel gewinnen würde. Dass nur der maximale Erfolg unantastbar mache - und womöglich hat er sogar Recht. Fußball ist schnelllebig, ein Halbfinale oder ein dritter Platz sind mit ein paar Wochen Abstand wahrscheinlich nur noch ein überraschend gutes Ergebnis. Auch Südkorea vor vier Jahren hatte ja als Gastgeber das Halbfinale erreicht. Die ersten Deutschland-Fahnen wurden schon in der Nacht der Niederlage abmontiert. Teilzeitpatrioten vergessen schnell, die gibt es auch im DFB.

Der Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, will von einem Intrigantenstadl nichts wissen. "Innerhalb des DFB gibt es keinen mehr, der an der Arbeit von Jürgen Klinsmann zweifelt", urteilt der ehemalige Sturmpartner des Bundestrainers. Klinsmann, dessen Vertrag am 31. Juli endet, will sich jedoch nicht schnell locken lassen. "Ich werde die WM erst einmal ein paar Tage sacken lassen, alles mit meiner Familie besprechen."

Klinsmanns Bilanz ist erstklassig. Er hat in den zwei Jahren, die er Bundestrainer ist, eine junge Mannschaft mit Zukunft aufgebaut, die so anders ist als die vorherigen Teams. Sie spielt - auch dank Assistenzcoach Joachim Löw - frech, schnell, direkt, und wenn es sein muss auch mal mit Bedacht. Sie konnte den Argentiniern Paroli bieten und auch den Italienern, von denen keiner jünger als 28 Jahre war. Für die DFB-Elf, die Anfang September in die EM-Qualifikation startet, liefen fünf Spieler auf, die noch in der U21 spielen könnten. Europäische Topclubs stehen Schlange wegen dieser neuen Generation, auch das ist ein gutes Zeichen.

Klinsmann hat in Guru-Manier so lange den Teamgeist und den Glauben an die eigenen Stärken beschworen, bis aus zweifelnden, unsteten Spielern eine Turniermannschaft wurde. Vor allem aber hat der 41-Jährige einen Imagewandel hinbekommen. Aus einer Kloppertruppe ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein modernes Team geworden, das die neuesten Erkenntnisse aus der Trainingswissenschaft nutzt und deshalb so fit ist wie kein zweites. Ein Team, auf das Deutschland stolz ist. Er hat eine Menge verändert, so viel, dass man ihn nicht mal mehr einen Reformer nennen dürfte, sondern einen Revolutionär.

Doch die Revolution hat viel Kraft und Nerven gekostet. Oft stand Klinsmann vor der Wand DFB und rannte gegen sie an. Manchmal riss er erfolgreich Löcher, doch ganz zum Einstürzen bringen konnte er sie bis heute nicht. Und wenn der Mann mit Wohnsitz Kalifornien am Ende kapitulieren sollte, wird der Hauptgrund dafür schon Monate zurückliegen. Im Februar dieses Jahres lehnte das DFB-Präsidium den von Klinsmann als Sportdirektor favorisierten Bernhard Peters ab. Ein Hockeytrainer beim größten Fußballverband der Welt? Niemals.

Stattdessen boxten die Granden den früheren Nationalspieler Matthias Sammer durch, einen wenig innovativen, fast schon biederen Coach, der allerdings pflegeleicht ist und Stallgeruch hat. Schon Papa Klaus war beim DFB beschäftigt, als Jugendtrainer. In diesem Moment wurden Klinsmann die Grenzen aufgezeigt, er kann zwar die Nationalmannschaft verändern, aber er bleibt doch Teil eines großen, starren Ganzen. Etwas, das nicht so zerbrechlich ist wie der Fortschritt. Oder wie der Bundestrainer.

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