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12.07.2006
 

Bundestrainer Löw

Schweiger in der Dynastie

Von Stefan Osterhaus

Jürgen Klinsmann ist Vergangenheit, der neue Bundestrainer heißt Joachim Löw. Er gilt als Freund der Spieler. Dass Löw vor allem auch ein Freund des guten Fußballs ist, geriet angesichts mancher unglücklicher Engagements in Vergessenheit.

Es gab einmal Menschen, die behaupteten, der Deutsche Fußball-Bund sei kein Verband, sondern eine Dynastie, in der nur überleben könne, wer sich bedingungslos der Vergangenheit verpflichtet fühlt. Manche glaubten, mit Jürgen Klinsmann, dem Bulldozer unter den Reformern, sei alles anders geworden, doch jetzt ist Klinsmann weg und Joachim Löw im Amt.

Bundestrainer Löw: Er wirkt zu still
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AP

Bundestrainer Löw: Er wirkt zu still

Und siehe da, der neue Mann steht in einer neuen Tradition der Erbfolge, wie sie es im DFB schon lange nicht mehr gab: Sepp Herberger beerbte Otto Nerz, Helmut Schön beerbte Herberger, Jupp Derwall wiederum Schön - bis Franz Beckenbauer mit der Tradition der diplomierten Sportlehrer brach. Jetzt folgt Löw auf Klinsmann, Sportlehrer auf Sportlehrer. Die Tradition kehrt zurück. Klinsmann bezeichnete die Entscheidung als folgerichtig und wollte keinen anderen für den Job des Bundestrainers empfehlen.

Denn Klinsmann will viel von seinem Assistenten gelernt haben. Das klingt sogar glaubhaft. Dynastiker Löw und nicht Klinsmann war der Fachmann unter den beiden, der Mann, der Spieler herbeizitierte und sie einstimmte auf ihre Aufgaben, der sich auf dem Trainingsplatz Gehör verschaffte und so lange die Feinjustierung in der Defensive übernahm, bis aus Jens Lehmann ein beinahe arbeitsloser Weltklasse-Keeper geworden war.

Viel besser kann der Arbeitsnachweis eines Assistenten nicht ausfallen. Doch Löw, mit 46 nun einer der jüngeren Cheftrainer, muss mit dem Makel dessen leben, der zuvor viel Misserfolg hatte. Dabei war seine Arbeit als Cheftrainer zumindest streckenweise besser, als sie vielen in Erinnerung geblieben ist: Mit dem VfB Stuttgart gewann er 1997 den DFB-Pokal und scheiterte im Cupsieger-Finale erst am FC Chelsea. Innsbruck führte er in der österreichischen Liga zum Titel, ein Ausflug nach Istanbul zu Fenerbahce endete immerhin mit einem passablen zweiten Platz. Und das sogenannte "magische Dreieck" beim VfB – Balakow, Bobic, Elber – spielt auch unter Löw exzellenten Fußball.

Gescheiterte Engagements bei Adanaspor, dem Karlsruher SC und Austria Wien aber prägten sich mehr ein als sein Bekenntnis zum Offensivfußball, weswegen manche nun laute Zweifel an der Befähigung Löws für den Job in der ersten Reihe anmelden.

Zu still wirkt er. Er gehört zu jener Kategorie von Trainern, über die niemand ein böses Wort sagt; manche meinen, genau das sei das Problem. Ein geborener Assistent, glauben die Skeptiker, dem es an Charisma mangele, den Kader binnen kürzester Zeit zu Höchstleistungen anzustacheln. Genau das war Jürgen Klinsmann: kein Fachmann wie Löw, sondern ein begnadeter Anstachler, ein Mann, der Tore noch heftiger zelebrierte als die Schützen selbst.

Vielleicht die bessere Wahl

Löw sind solche Eruptionen nicht fremd. Aber sie kommen viel seltener vor. Und er dürfte seinem alten Chef zumindest die Alltagstauglichkeit voraushaben. Löw weiß, wie es ist, tagtäglich auf dem Trainingsplatz erscheinen zu müssen. Er weiß auch, wie es ist, in Etappen denken zu müssen. Vielleicht entpuppt sich Löw als viel bessere Wahl, als viele nun annehmen, sein Vertrag ist erst einmal bis 2008 datiert.

Und noch entscheidender als alle fachlichen Fragen dürfte sein, wie Joachim Löw die Emanzipation von seinem alten Image gelingt. Klinsmann, dessen dröhnende Motivations-Rhetorik bisweilen sogar Wohlgesinnte nervte, war gewissermassen die Umkehrung des Prinzips Löw. Sagt Löw an der Pressekonferenz zur seiner Installierung in Frankfurt, dass er Europameister werden will, dann klingt es etwa so, als erbete er sich in einem Gourmet-Tempel die Weinkarte.

Das ist die andere Seite des Fachmanns Löw: ein überaus freundlicher Mensch, der selbst in der Vorbereitung auf Länderspiele Interviewwünschen zum türkischen Fußball in aller Ausführlichkeit nachkommt – und der gelernt haben will, dass die Hektik der Bundesliga nichts ist im Vergleich zum Konkurrenzdruck am Bosporus. Damals, sagte er einmal, wurde er nach einem Remis zum Vorstand zitiert, der eine Erklärung für das Unerklärliche verlangte. Seine Mannschaft hatte zuvor eine lange Siegesserie hingelegt. Schwarz-weiß-Denken ist ihm also bestens bekannt, Absurditäten aus seiner Zeit in Stuttgart unter Gerhard Mayer-Vorfelder, der einen langen Demontageprozess gegen Löw führte, sowieso.

Und klar ist auch, dass es im DFB nicht nach der Devise Friede, Freude, Eintracht zugehen dürfte: Mit dem Sportdirektor Matthias Sammer sitzt ihm ein Antipode bei der Auswahl um den Job des Bundestrainers im Nacken. Sammer, zuständig für die Nachwuchsarbeit als Sportdirektor, steht für jenen Verwalterfußball, den sich der Verband von Löw verbittet. Rechenschaft aber hat er Sammer nicht abzulegen, Oliver Bierhoff, Manager des Nationalteams, ist die wichtigste Figur für Löw, der noch nach einem Mann für seinen alten Posten fahndet. Bierhoff wird sich den Kritikern entgegenwerfen müssen. Ein Mann fürs Grobe - zumindest noch, solange der "Jogi" allen als Feingeist gilt.

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