Mittwoch, 10. Februar 2010

Sport



Fußball-WM 2006

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
13.07.2006
 

Zidane-Affäre

Der Beleidigte hat gesprochen

Von Ullrich Fichtner, Paris

Es schien, als wollte der zum Fußballgott Erhobene daran erinnern, dass auch er nur ein Mensch ist: Zinedine Zidane hat erklärt, warum er seinen Gegenspieler umköpfte. Marco Materazzi habe seine Mutter und seine Schwester beleidigt - doch schon widerspricht der Italiener.

Den ganzen Tag über ging die Kunde von Zidanes abendlichem Auftritt durch Radio und Internet-Seiten, von Mund zu Mund ging die Meldung, und die Franzosen stellten den Wecker auf 19.30 Uhr: Im populären Bezahlsender Canal plus, wo sich um diese Zeit normalerweise die großen und kleinen Sternchen des Amüsierbetriebs zur Talkshow einfinden, würde Zidane sich erklären, endlich. Aber was dann folgte, war inhaltlich verwirrend.

Ja, Zidane entschuldigte sich. Es tue ihm leid, sagte er, für die Millionen Kinder, die ihn so hätten sehen müssen, es tue ihm leid für die Lehrer und Trainer, die den Nachwuchs zum Fairplay erziehen wollten, "ich habe selbst Kinder, ich weiß, worum es geht". Aber Reue? Über das eigentliche Foul? Über den Kopfstoß? "Ich bereue mein Verhalten nicht", sagte Zidane, um danach Materazzi als den eigentlichen Täter zu verhaften.

"Ich habe reagiert, und alle reden über diese Reaktion. Aber ohne die Provokation vorher hätte es die Reaktion nicht gegeben. Der Schuldige hier, das ist der, der provoziert. Es muss Schluss damit sein, dass immer der bestraft wird, der reagiert", sagte Zidane, er sprach ruhig und klar, er war ganz der Mann, den alle lieben, sympathisch, einnehmend, unverstellt.

Über seinen Schultern hing eine schmutzbraune Militärjacke, als hätte er sich panzern wollen, auch gegen die eine, entscheidende Frage, was in aller Welt Materazzi denn nun gesagt hatte.

Die Frage wurde gestellt, natürlich. Aber Zidane lieferte die Antwort nicht. Der Italiener, dessen Namen Zidane nicht in den Mund nahm, habe "Dinge gesagt, sehr harte Dinge, und er hat sie mehrmals wiederholt, Worte schlimmer als Schläge, Worte, die mich im tiefsten Inneren beleidigt haben".

Unruhig hakte Michel Denisot, ein eher blasser Interviewer, nach. Worum es denn, ungefähr, gegangen sei? "Das betrifft meine Mutter, meine Schwester. Wissen Sie, das waren wirklich harte Worte, ich hätte lieber eine Faust in die Fresse genommen als das zu hören." Zidane sagte Fresse, "gueule", er sagte nicht Gesicht. Und überhaupt schien es so, als wollte er, der von aller Welt zum Fußballgott Erhobene, von seinem Sockel herabsteigen. Als wollte er daran erinnern, dass auch er nur ein Mensch ist, ein Junge von der Straße, und dazu noch ein Kind aus einem Beton-Ghetto im Norden von Marseille.

Dies wurde noch deutlicher im zweiten Interview, das der Privatsender TF1 mit ihm führen durfte. Zidane entwickelte im Gespräch einen Ehrbegriff, wie er in der Banlieue, in der Vorstadt, zu Hause ist. "Ich werde meine Kinder immer dazu erziehen, sich nie auf den Füßen herumtreten zu lassen", sagte er, und seine Stimme klang nach Trotz und Stolz und verletzter Ehre.

Es ging dann auch um den Rassismus, mit dem ein Einwandererkind, und sei es noch so erfolgreich, lebenslang kämpfen müsse. Der Fußball-Weltverband Fifa, sagte Zidane, habe dem Rassismus den Kampf angesagt, "aber dann müssen Sie lesen, was der Vizepräsident des italienischen Senats gesagt hat (Roberto Calderoli, Politiker der Lega Nord, d. Red.). "Er hat erklärt", sagte Zidane, "dass Italien mit den Franzosen eine 'Mannschaft‚ von Schwarzen, Islamisten und Kommunisten' geschlagen hat. Das ist so hart, so schwerwiegend, das schockiert mich", sagte Zidane.

Währenddessen gibt auch Materazzi Interviews. Gleich zwei sind heute erschienen, eins in der "Gazzetta dello Sport", eins im "Corriere della Sera". Der Verteidiger verteidigt sich durch Dementieren. Er habe zu Zidane nichts gesagt, was mit dessen Mutter, mit Politik, mit Terrorismus oder Religion zu tun hätte. "Ich habe meine Mutter verloren als ich 15 war", wird Materazzi zitiert, "ich habe Hochachtung vor allen Müttern, ich käme nie auf die Idee eine Mutter zu beleidigen". Und über Zidane sagt der Mailänder Fußballspieler: "Ich verehre ihn. Er ist immer mein Idol gewesen." Was ist geschehen und vor allem gesagt worden in jener 108., 109., 110. Spielminute des WM-Finales von Berlin? Niemand, so scheint es, wird es je erfahren.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



FORUM

Zidane - Genie oder Wahnsinn? Diskutieren Sie mit anderen Lesern!










Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern