Frage: Herr Rost, Sie sind seit 2002 bei Ihrem derzeitigen Club. Fühlen Sie sich inzwischen als eingefleischter Schalker?
Rost: Ich bin nicht hier groß geworden, deshalb kann ich auch schlecht sagen: Ich bin Schalker. Aber ich habe sehr viel Verständnis für die Leute hier, gerade was die Strukturen und das Umfeld angeht. Im Ruhrgebiet haben die Menschen vielleicht inzwischen genauso viele Probleme wie die Leute im Osten Deutschlands. Die Jugend wandert unwahrscheinlich ab. Die Industrie hat sich hier verdünnisiert. Auf Dauer muss man sich was einfallen lassen, wenn solche Städte wie Gelsenkirchen nicht zum Altersheim werden sollen.
Frage: Schalke 04 ist nun nicht mehr die traditionelle Kämpfermannschaft. Wie kam es zu diesem Wandel?
Rost: Schalke will mehr Fußball spielen. Man hat daher Leute geholt, die das Filigrane bevorzugen. Der Club hat sich weiter entwickelt, da muss man versuchen, diese Einheit, die man immer vorgibt zu sein, auch wirklich zu dokumentieren, jeden Tag.
Frage: Hat Schalke damit seinen ursprünglichen Charakter abgelegt und noch keinen neuen gefunden?
Rost: Als Schalke in der Zweiten Liga spielte, waren 35.000 Zuschauer da, und die waren auch mit Herz und Seele dabei. Jetzt haben wir viele andere Gäste, die vielleicht auch mal ein Schalke-Trikot und einen Schalke-Schal tragen. Aber wenn Schalke morgen absteigt, sind die weg. Darüber muss man sich im Klaren sein, aber das ist ein Spagat, den Schalke, wir Spieler und der Fußball an sich machen müssen. Viele kommen und wollen ein Spektakel sehen, am besten 90 Minuten auf ein Tor.
Frage: Hat Rudi Assauers Abgang den Club atmosphärisch verändert?
Rost: Natürlich ist einiges anders geworden. Ich hätte ihn hier gerne als Präsidenten gesehen. Bei allen zweifelhaften Dingen hat er einfach viele Verdienste um den Club. Er hat unglaublich viel Herzblut und Engagement hier reingesteckt. Vielleicht taucht er ja irgendwann wieder auf, hier ist alles möglich.
Frage: Bis auf Uli Hoeneß sind die großen charismatischen Manager wie Assauer oder Calmund verschwunden, mit dieser Weltmeisterschaft wurde die nun endgültige Einmottung des eigenwilligen, gradlinigen Stars vom Schlage eines Effenberg, Matthäus oder Sammer vollzogen. In der Bundesliga sind Sie und Oliver Kahn vielleicht die letzten Typen dieser Sorte. Wie finden Sie diese Entwicklung?
Rost: Es ist so, dass viele Spieler bearbeitet werden. Sie haben alle ihre Berater und die Promoter. Es wird versucht, ein Bild zu erzeugen, das eine bestimmte Zielgruppe anspricht. Besonders in der Nationalmannschaft. Das ist mittlerweile schon so ähnlich wie bei Popgruppen. Mir fehlt da manchmal so das Authentische. Gerade die streitbaren Charaktere sterben aus. Heutzutage gibt es immer weniger Leute, die kontroverse Meinungen haben.
Frage: Warum ist das so?
Rost: Weil es Stress bringt. Wer anders argumentiert als andere, dem werden mit aller Macht Knüppel zwischen die Beine geworfen.
Frage: Nutzen darum Fußballer ihre Popularität so selten, um häufiger einmal politische Aussagen zu machen?
Rost: Zunächst einmal sollte man seinen Sport nicht für die Politik missbrauchen. Sport ist kein politisches Machtinstrument.
Frage: Man muss ja nicht gleich Missbrauch treiben, wenn man die eigene Popularität zur Verbreitung der eigenen Überzeugungen nutzt.
Rost: Wir äußern unsere Meinungen durchaus. Wir gehen gemeinsam gegen Rassismus vor. Schalke unterstützt Kampagnen gegen Arbeitslosigkeit und steht zu seinem Ruhrgebiet. Es gibt Kampagnen gegen Überalterung und Verarmung, da macht Schalke sehr viel und nimmt sehr klar Stellung.
Frage: Man kann aber auch anders argumentieren: Wenn ein Sportler Schuhe von Nike trägt, muss er doch auch über die Produktionsbedingungen nachdenken, unter denen die Schuhe hergestellt wurden.
Rost: Dann hast du aber alle gegen dich, weil du zu sehr polarisierst. Es ist doch im Profisport viel wichtiger, dass du Everybody's Darling und gut zu verkaufen bist. Es wurde mir schon oft gesagt, dass wir die Wirtschaft brauchen. Wenn man zu sehr gegen die Kommerzialisierung und deren Folgen spricht, dann reagiert der eine oder andere allergisch. Darum wird ein Sportler in der heutigen Zeit vorsichtig sein.
Frage: Sie engagieren sich gegen Analphabetismus. Wie kam es dazu?
Rost: Ich wollte gerne etwas in Deutschland machen, ich möchte gerne hier etwas zurückgeben an meine Heimat. Das Problem bei diesen karitativen Dingen in Deutschland ist, dass alle Leute spenden, wenn irgendwo in der Welt wieder eine Naturkatastrophe war, aber mit den alltäglichen Leiden in Deutschland tun sich viele sehr, sehr schwer. Ich helfe "Herzenswünsche e.V." (der Verein unterstützt schwer erkrankte Kinder und Jugendliche; die Red.) und bin Schirmherr des Fußball-Alphabetisierungsnetzwerks F.A.N.
Frage: Haben Sie Erfahrungen mit dem Problem, eine eigene Lese- oder Schreibschwäche?
Rost: Nein, aber ich betrachte es als Grundübel, wenn man nicht lesen oder schreiben kann. Dann kann man sich nur schwer eine eigene Meinung bilden, man bekommt ja alles vorgegaukelt. Ich habe großen Respekt vor den Leuten, die sich outen und das im Nachhinein lernen. Ich sehe diese Probleme selbst: Manche E-Mails, die ich bekomme, sind sprachlich hart an der Grenze. In Deutschland besteht Schulpflicht - da sollte jeder Lesen und Schreiben können, das ist elementar für die Lebensqualität.
Die Fragen stellten Eberhard Spohd und Daniel Theweleit
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