Frage: Herr Neuville, Ihr Tor gegen Polen bei der WM, in der 93. Spielminute…
Oliver Neuville: … dieses Tor war, das hat auch Jürgen Klinsmann gesagt, das wichtigste für uns. Damit hat die WM so richtig angefangen. Das war das Tor, an das ich wohl ein Leben lang am häufigsten denken werde. Schade, dass mein Vater das nicht mehr erleben konnte. Er ist vor 16 Jahren gestorben, als ich 17 Jahre alt war. Ich bin sicher, er wäre stolz auf das, was ich erreicht habe.
Frage: War Ihnen sofort bewusst, was das für ein außergewöhnliches Tor war?
Neuville: Ja, das war wie eine Befreiung. Die Stimmung in Dortmund war die beste während der WM überhaupt. Als ich das Tor gemacht habe, war das wie eine Explosion. Ich dachte, das Stadiondach fällt herunter.
Frage: Und dann ist Michael Ballack mit seinen 80 Kilo auf das Leichtgewicht Neuville draufgesprungen.
Neuville: Das habe ich gar nicht gemerkt. Die anderen Spieler haben mich auch gefragt: Wie hast du das bloß ausgehalten? Aber in dem Moment war ich so glücklich, da habe ich gar nichts mehr gemerkt.
Frage: Helmut Rahn, der bei der WM 1954 das Siegtor geschossen hat, musste ein Leben lang dieses eine Tor nacherzählen.
Neuville: Von mir wollen die Leute immer wissen, wie das bei dem Pfostenschuss bei der WM 2002 im Finale war. Das muss ich immer wieder erzählen. Was wäre, wenn du nicht den Pfosten getroffen hättest? Wären wir dann Weltmeister geworden?
Frage: Jetzt sind Sie ein Held. Vorher galten Sie als tragische Gestalt. Sie sind zweimal bei der Nationalmannschaft ausgebootet worden, vor den Europameisterschaften 2000 und 2004.
Neuville: Das geht mir jetzt zu weit. Was heißt schon Held und was ist eine tragische Gestalt? Richtig ist, dass ich nicht die Lobby habe wie einige andere Spieler. Das bedeutet aber nicht, dass sie besser sind als ich. Ich bin einer der besten deutschen Stürmer, habe in 64 Länderspielen immer meine Tore gemacht und viele Tore vorbereitet.
Frage: Haben Sie sich nicht darüber geärgert, dass Sie diese Lobby nicht hatten, obwohl Sie Ihre Leistungen gebracht haben?
Neuville: Mich überrascht nichts mehr, seit mich Erich Ribbeck (der damalige Bundestrainer; d. Red.) vor der EM 2000 ohne jeden Grund ausgebootet hat. Ich habe als Stammspieler jedes Qualifikationsspiel mitgemacht, jedes Freundschaftsspiel. Da war ich wirklich sehr überrascht und enttäuscht. Erst vor kurzem habe ich gehört, dass Ribbeck zugegeben hat, dass es ein Fehler war, mich nicht zu nominieren. Bisschen spät, aber immerhin. Jeder macht Fehler.
Frage: Werden Sie auch mal laut und sagen dem Trainer: Das ist ungerecht?
Neuville: Nein, das ist nicht meine Art. Ich suche keinen Ärger. Ich habe auch nie in der Schule gerauft. Das bringt doch nichts. Ich bin schnell, das ist ein Vorteil in manchen Situationen. Auch diese Schlägerei gegen Argentinien im Viertelfinale der WM: Wenn du da was machst, dann kriegst du eine Sperre.
Frage: Sie bleiben ruhig und fressen alles in sich rein?
Neuville: Ich habe manchen Trainern schon zweitausend Mal gesagt, dass ich kein Rechtsaußen bin. Ich weiß nun mal, dass ich als zweite Spitze besser spiele. Wenn ich trotzdem auf dem Flügel spielen muss, muss der Trainer das verantworten. Man soll sich dann aber nicht wundern, wenn die Torquote sinkt.
Frage: Sie fühlen sich unterschätzt?
Neuville: Vielleicht bin ich doch zu leise und zu klein.
Frage: Der TV-Moderator Reinhold Beckmann hat mal gesagt, dass Sie immer so traurig wirkten, dass man Sie an der Hand nehmen und Ihnen ein Eis kaufen möchte. Sind Sie so melancholisch?
Neuville: Der spinnt doch. Das war wieder mal so eine typisch witzige Anmoderation. Aber im Ernst: Diese Frage sollten meine Mitspieler beantworten. Ich bin fast nie traurig.
Frage: Das wirkt nur so?
Neuville: Ja, das kommt vielleicht in Interviews so rüber. In der Öffentlichkeit zu stehen, das gefällt mir nicht so. Aber wenn ich mit normalen Leuten zusammen bin, bin ich ganz anders.
Frage: Wie sind Sie denn?
Neuville: Ich bin nicht so kuschelig, wie alle denken. Wenn es mir zu bunt wird, wehre ich mich schon.
Frage: Denken Sie manchmal: Leute, ihr kennt mich doch gar nicht.
Neuville: Ja, ziemlich oft. Aber es ist egal. Man muss ja nicht ein Leben lang ein falsches Image haben. Alle denken, der ist so klein, sieht so jung aus, zumindest wenn ich rasiert bin. Da kommt dieses Kuschelimage her. Es ist überall das gleiche: Im Tessin haben sie mich Piccolino gerufen, unseren Kleinen.
Frage: Auf dem Platz, sagen Ihre Kritiker, fehle Ihnen die nötige Härte.
Neuville: Jetzt bin ich auch noch ein Weichei? Ich bin jemand, der auf dem Platz kämpft und immer läuft. Es gibt einige, die machen ihre Alibigrätschen, um Eindruck zu schinden. Aber das ist nicht mein Ding.
Frage: Bayer Leverkusen hat Sie anscheinend mit der Begründung aussortiert, dass Sie langsamer geworden seien und nicht mehr treffen würden. Dabei sollen Sie der schnellste Nationalspieler über 30 Meter sein.
Neuville: Schneller als David Odonkor? Das geht gar nicht. Aber ich bin der Zweitschnellste, ich bin sicher nicht langsamer geworden. Und als Rechtsaußen trifft man einfach nicht so häufig. Die Fitnesstrainer der Nationalmannschaft haben mir sehr gute Werte bescheinigt. Wenn ich so weitermache, dann kann ich noch drei, vier Jahre auf hohem Niveau spielen.
Frage: Merken Sie denn das Alter überhaupt nicht?
Neuville: Nach dem Spiel dauert die Regenerationsphase ein bisschen länger. Aber ich habe bei Gladbach fast alle Spiele gemacht. Nur meine Haare gehen schneller aus und jedes Jahr kommen mehr weiße dazu.
Frage: Die amerikanischen Fitnesstrainer werden von den Nationalspielern hoch gelobt. Haben Sie sich auch noch mal verbessert mit 33?
Neuville: Ja, jeder bei der Nationalmannschaft hat sich besser gefühlt als im Verein. Weil wir da individuelle Übungen machen, jeder hat sein eigenes persönliches Programm. Das ist wichtig. Deshalb sind die Trainer auch gut angekommen. Die sagen nicht: Ihr müsst alles zusammen machen.
Frage: Ist das im Verein anders?
Neuville: Ja, oft. Zum Beispiel machen wir einen Laktattest, und dann laufen wir alle zusammen. Aber ich kann nicht zusammen mit Peer Kluge laufen. Der hat vielleicht Puls 140 und ich habe 180. Und das ist genau das gleiche bei Sprinttests. Da kann man auch nicht sagen: Jeder soll so laufen wie ich. Wenn man das so macht, sind manche Abwehrspieler zwei Tage platt und bringen keine Leistung.
Frage: Haben Sie verstanden, warum Trainer Horst Köppel bei Gladbach nach der vergangenen Saison gehen musste?
Neuville: Das müssen Sie die fragen, die diese Entscheidung getroffen haben. Ich glaube, Zehnter zu werden war die beste Platzierung von Gladbach seit zehn Jahren. Das Präsidium hat gesagt, dass wir in der Rückrunde zu wenig Punkte geholt haben. Wir wollten nichts mit dem Abstieg zu tun haben, das haben wir geschafft. Deswegen glaube ich, die Saison ist gut gelaufen. Ich denke aber, wir können mit Jupp Heynckes auch eine gute Rolle spielen.
Das Interview führten Sven Bremer und Rainer Schäfer
Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Interviews, wo Neuville die 300 gesammelten Trikots seiner Gegenspieler aufbewahrt, warum auch Lothar Matthäus ein großer Spieler war und Leverkusen eine tolle Stadt ist.
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