Frage: Herr Neuville, in Deutschland hält sich immer noch das Gerücht, dass Sie nicht richtig gut deutsch sprechen können.
Oliver Neuville: Wer das behauptet, hat nicht Unrecht. Aber ich verstehe alles, das ist mir wichtiger, als perfekt sprechen zu können. Ich habe Deutsch so nebenbei gelernt, ich hatte nie Unterricht in der Schule. Nur in Rostock hatte ich mal eine Stunde Deutschunterricht.
Frage: Ihr Vater war Deutscher, Ihre Mutter ist Italienerin, Sie sind in der französischen Schweiz aufgewachsen. Hat es manchmal Nachteile, wenn man so vielen Kulturen angehört? Wissen Sie, wo Sie hingehören?
Neuville: Ich muss sagen, dass ich mich überall wohlgefühlt habe. Ich habe 22 Jahre in der Schweiz gelebt und habe mich dort wohlgefühlt. Danach habe ich in Spanien gelebt, auch da habe ich mich wohlgefühlt. Und danach in Deutschland. Anscheinend kann ich mich überall wohlfühlen.
Frage: Auch in Leverkusen?
Neuville: Ja, deshalb wohne ich immer noch da.
Frage: Leverkusen ist nicht gerade eine schöne Stadt.
Neuville: Es gibt sicher schönere Städte als Leverkusen, aber da wo ich wohne ist es gut, es ist schön ruhig da. In zwanzig Minuten bist du in Köln, in zwanzig Minuten in Düsseldorf. Was will man mehr?
Frage: Was haben Sie von der italienischen Mentalität, was mögen Sie daran?
Neuville: Die Italiener sind offener. Und lustiger. Die Küche ist überragend in Italien. Die Deutschen sind immer diszipliniert. Das ist auch wichtig, aber nach der Arbeit sollte man lockerer sein. Bei der WM haben die Deutschen gezeigt, dass sie auch mal locker sein können. Da waren die Deutschen wie die Italiener.
Frage: Was überwiegt denn bei Ihnen?
Neuville: Ich muss sagen, ich habe eine gute Mischung. Ich bin immer pünktlich. Ich bin oft schon vor dem verabredeten Zeitpunkt da. Aber sonst muss man locker bleiben und nicht immer alles so ernst nehmen.
Frage: Wo möchten Sie später mal leben. Wieder in Ascona, im Tessin?
Neuville: Von Ascona bin ich seit 14 Jahren weg. Ich bin nur noch zwei Wochen im Jahr dort. Diesen Sommer waren es sogar nur zwei Tage.
Frage: Ist die Schweiz trotzdem so etwas wie Heimat für Sie?
Neuville: Was ist Heimat? Meine Schwester und mein Sohn wohnen dort, meine Mutter lebt im Tessin und in Kalabrien. Ich muss sagen, da ist es am schönsten. Wenn ich in die Schweiz fahre, dann wegen der Familie. Alte Freunde habe ich gar nicht mehr so viele dort.
Frage: Vielleicht bleiben Sie sogar in Leverkusen?
Neuville: Ja, im Moment sieht es so aus.
Frage: Dort lebt auch Nationalspieler Bernd Schneider, ein sehr ruhiger Geselle, mit dem Sie befreundet sind und mit dem Sie in Leverkusen das Zimmer geteilt haben.
Neuville: Das ging immer gut. Bernd kommt aus Jena, wie Jörg Böhme, mit dem ich auch schon im Zimmer geschlafen habe. Mit Männern aus Jena kann man es gut aushalten.
Frage: Sie machen öfter Urlaub in Saint-Tropez.
Neuville: Ich war die letzten zehn Jahre dort, nur dieses Jahr nicht. Irgendwann habe ich angefangen, dort Urlaub zu machen, immer für vier, fünf Tage. Ich finde es schön dort, auch wenn es ein bisschen teuer ist.
Frage: Was machen Sie da? Ausruhen, lesen?
Neuville: Wenn ich abends lese, fallen mir nach zwei, drei Seiten die Augen zu. Wenn ich nicht einschlafen kann, brauche ich mir nur ein Buch zu nehmen. In Saint-Tropez fahre ich manchmal Jet-Ski. Oft mache ich gar nichts oder spiele ein bisschen Backgammon.
Frage: Sie sammeln Trikots Ihrer Gegenspieler. Wie viele haben Sie?
Neuville: 300 bestimmt.
Frage: Hängen die an der Wand und Sie gehen morgens dran vorbei und grüßen Ronaldinho & Co?
Neuville: Nein, das nicht. Die meisten Trikots habe ich zu Hause in ein paar Sporttaschen aufbewahrt.
Frage: Sind die Trikots der Stars wertvoller?
Neuville: Nein, das ist egal. Von Matthäus habe ich eins, von Zidane auch.
Frage: Das ist mehr wert.
Neuville: Matthäus war auch ein Großer. Er hat 150 Länderspiele bestritten. Das schafft so schnell keiner mehr in Deutschland.
Frage: Es heißt, dass jeder Mensch einem Tier ähnlich sieht. Wir finden, dass Sie dem Frettchen ähneln, einer possierlichen Marderart, die gerne lange schläft und sehr verspielt ist.
Neuville: Ich weiß nicht. Ich kenne dieses Tier nicht. Ich bin schon lange kein Langschläfer mehr. Ich muss immer um sieben Uhr aufstehen, wenn ich rechtzeitig zum Training kommen will. Ich brauche normalerweise so 40 Minuten, aber man weiß nicht, ob Stau ist. Deswegen fahre ich immer eineinhalb oder sogar zwei Stunden vorher los.
Frage: Das ist aber sehr deutsch.
Neuville: Vielleicht. Ich wache auch an trainingsfreien Tagen so früh auf. Aber dann drehe ich mich um und schlafe weiter.
Frage: Sie sind seit kurzem tätowiert.
Neuville: Ich habe den Namen und das Geburtsdatum meines Sohnes Lars-Oliver auf den Unterarm stechen lassen. Er wird bald neun. Ich habe lange damit gezögert, wegen der Schmerzen. Aber der Sverkos (Vaclav Sverkos ist Neuvilles Teamkollege in Gladbach; d.Red.) hat gesagt, dass es nicht weh tut, wenn man die richtige Salbe nimmt. Und er hatte Recht.
Frage: Ihr Sohn lebt im Tessin, Sie sehen ihn nicht häufig.
Neuville: Das ist nicht einfach für mich, aber nicht zu ändern. Immer wenn er Ferien hat, kommt er zu mir. Dann spielen wir zusammen Fußball. Er ist auch klein und schnell.
Das Interview führten Sven Bremer und Rainer Schäfer
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