Von Peter Ahrens
Man kann es sich auch relativ einfach machen. Der Hamburger SV hat zurzeit einfach Pech. Pech mit Pfostenschüssen, mit starken gegnerischen Torleuten, mit unbotmäßigen Schiedsrichtern, und immer wieder mit Verletzungen: van der Vaart, de Jong, Wicky, Kompany, Jarolim
und jetzt Sorin. Wenn das zusammenkommt, dann gewinnt man eben nicht, sondern ist nur 15. der Tabelle. So weit, so simpel. Den Absturz eines Titelfavoriten in die Niederungen des Abstiegskampfes erklärt dies allerdings nicht. Der Evangelist des europäischen Fußballs, Johan Cruyff, hat einmal gesagt: "Pech gibt es im Fußball nicht." Bumm, basta. Wie immer hat er Recht.
Deprimierter Hamburger Lauth: Harte Landung
Die Hamburger hatten eine berauschende Saison 2005/2006 hinter sich, und doch war hier schon der Keim für die jetzige Malaise gelegt. Die Käufe in der Winterpause von De Jong und Ailton stellten bereits eine Art Paradigmenwechsel in der Personalpolitik des Vereins dar. Hastige Starverpflichtungen statt langmütigen Werbens, mit dem man noch den niederländischen Mittelfeldstrategen van der Vaart aus Amsterdam an die Elbe gelockt hatte.
Die Führungsclique aus Boss Hoffmann, Manager Beiersdorfer und Trainer Doll wollte sich eine eigene Mannschaft nach ihren Vorstellungen im Zeitraffer erschaffen - dafür ließ man auch Leistungsträger wie Barbarez und Beinlich über die Klinge springen. Die haben zwar ihre besten Jahre hinter sich und wollten immer noch zu den Großverdienern im Team zählen. Aber erst jetzt, wo sie weg sind, fällt auf, welchen Stellenwert sie im Team einnahmen - Führungsspieler, die heute fehlen.
Ailton, der am letzten Spieltag der Vorsaison die direkte Champions-League-Teilnahme versemmelte, zeigte man daraufhin die kalte Schulter, den Weggang von van Buyten und Boulahrouz glaubte man verkraften zu können. Den zwar nicht überragenden, aber soliden Torwart Wächter stellte man ohne Not ins zweite Glied.
All das hat sich mittlerweile als dramatische Fehlkalkulation herausgestellt. Die teuren Zugänge Kompany und Matthijsen haben die Abwehr nicht stabilisiert, Torwart Kirschstein ist zwar jung und ein bisschen großmäulig, mehr aber auch nicht (am Samstag beim 0:1 in Wolfsburg durfte dann wieder einmal Wächter von Beginn an ran). Stammkräfte wie Mahdavikia oder Wicky wurden systematisch verunsichert. Trotz vier neuer Leute ist auch der Sturm nicht durchschlagskräftiger geworden, und die hektische Verpflichtung des Serben Daniel Ljuboja als Hoffnungsträger im Angriff hat wohl eher resozialisierenden als sportlichen Charakter und lässt allerhöchstens die Friseure der Hansestadt aufjubeln. Ein Verzweiflungsakt kurz vor Toreschluss der Transferliste.
In Hamburg wird seit eh und je gern mit den Geldscheinen gewedelt, aber, bitte schön, diskret und mit einem leisen Hüsteln, so mögen es die hanseatischen Kaufleute. Hoffmann und Beiersdorfer haben mit ihrem Aktionismus das Schlimmste getan, was Hamburgern nachgesagt werden kann: Sie haben extrem unhanseatisch gehandelt. Die Champions-League-Teilnahme ist allen Beteiligten rund um den Volkspark zu Kopf gestiegen.
Das gilt leider auch für Trainer Doll, dessen Durchhalteparolen mittlerweile reichlich hilflos wirken. Ein sympathischer, aufgeweckter, überaus engagierter Kerl, aber in der Krise zeigt sich, dass ein Trainer, der großteils von der Begeisterung lebt, das Feuer nicht dauernd am Leben halten kann. Doll ist wie Klopp in Mainz, wohl auch wie Klinsmann, wie wir Kinogänger jetzt alle wissen - einer, der grundsätzlich und immerdar lichterloh lodert, ein Heißmacher.
Solche Trainer sind bei den Fans, bei den Journalisten extrem populär, kein Zweifel, verkörpern sie doch die Emotionalität, die den Fußball ausmacht. Es fragt sich nur, wie langfristig ein solcher Effekt bei den Spielern vorhält. Irgendwann verkommt Erregung zur Pose, bei der sechsten Brandrede innerhalb von vier Wochen verdreht ein Profi nur noch genervt die Augen zur Kabinendecke. In Zeiten des Abschwungs täte einer, der ruhig bleibt und dessen Flamme auch mal nur auf 80 bis 90 Prozent brennt, dem Ganzen möglicherweise besser.
Einer wie Coach Veh in Stuttgart zum Beispiel, dem zugegeben auch ich nach seinem Amtsantritt im vergangenen Frühjahr nicht viel zugetraut habe. Der Ruhe nach außen als Phlegma verkauft, ein offenkundiger Langweiler, angemessen humorfrei, der aber seine Arbeit tut, sich den Verein genau anschaut, schlechte Schlagzeilen beharrlich aussitzt und offenbar die Fähigkeit besitzt, junge Spieler zu Höchstleistungen zu motivieren. Der Höhenflug des VfB ist auch der Verdienst seines sportlichen Übungsleiters.
Wenn am Dienstag (Liveticker SPIEGEL ONLINE) beim Spiel des VfB Stuttgart gegen den Hamburger SV diese beiden Trainerschulen aufeinandertreffen, kann die Fackel des Thomas Doll anschließend ganz schnell erloschen sein. Das wäre dann das 1:0 für das Prinzip Langeweile im deutschen Fußball.
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