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09.11.2006
 

Bayern-Krise

Dussel statt Dusel

Von Peter Unfried

Der FC Bayern schafft es immer seltener, einen Rückstand umzudrehen - und verliert jetzt sogar zu Hause. Trotzdem ist man sich im Verein einig, dass es keinen weiteren Ballack-Ersatz braucht. Ganz anders die Lage in Bremen: Dort ist ein einziger Spieler fast so gut wie alle Bayern zusammen.

Wie schlimm es in dieser Saison um den VfL Bochum steht, sieht man schon daran, dass er sogar sein Heimspiel gegen den FC Bayern München verloren hat. Das ist zu diesem Zeitpunkt der Bundesliga-Saison sonst niemandem passiert. Und wie schlimm es um den FC Bayern steht? Sagen wir so: Nicht so schlimm, als dass eine Notoperation durch Christoph Daum unmittelbar bevorstünde. Aber dass man nach den Auswärtspielen nun auch Heimpartien gegen Tabellenletzte verliert, hat sogar Uli Hoeneß sprachlos gemacht. Zumindest unmittelbar nach dem gestrigen 0:1 gegen Hannover 96 sprintete der Manager an den Medien vorbei wie einst im Herbst 1973 bei seinem größten Auftritt als Bayern-Außenstürmer an seinem Gegenspieler Eduard Geyer von Dynamo Dresden.

Bayern-Verantwortliche Hoeneß (l.), Magath (r., daneben Co-Trainer Eichkorn): Mir san mir
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DPA

Bayern-Verantwortliche Hoeneß (l.), Magath (r., daneben Co-Trainer Eichkorn): Mir san mir

Aber was sollte Hoeneß auch Neues sagen? Fakt ist, dass Bayern Meister ist und am Ende der Saison Meister sein wird "wie immer". Das hat Hoeneß ja bereits Anfang der Woche so festgelegt. Alles andere sei Schmarrn und gehe ihm auf den Sack. Manche halten Hoeneß ja für einen großen Medien-Strategen und Spin Doctor. Dieses Gebrülle freilich föhnte zwar immerhin den Richtigen (den scheinheiligen DSF-Dahlmann) und sollte den üblichen Bayern-Habitus ("Mir san mir") transportieren. Man muss auch nicht gleich so weit gehen wie der Psychologe Klaus Allofs, der Hoeneß' Aussagen als "Hilfeschrei" wertet. Aber man darf vermuten: Er, Hoeneß, ist eben nicht begeistert von dem, was ist, und sublimiert den Unmut, in dem er seine Agressivität auf die Medien umleitet.

Auch wenn Hoeneß nicht hören mag, dass früher alles besser war: Was das nationale Geschäft angeht, stimmt das einfach. Sicher hat die physisch und emotional aufwendige WM die Vorbereitung der Bayern negativ beeinflusst. Aber nun ist November, und als Ergebnis steht der schlechteste Saisonstart seit anno Tobak. Gegen Hannover war die schöne, neue, rot in den Nachthimmel leuchtende Arena erstmals nicht ausverkauft. Und man verliert nicht nur auswärts gegen Bundesliga-Fußvolk, sondern sogar zu Hause. In den vergangenen Jahren hatten die Bayern zwar international nicht mehr ganz oben mithalten können, waren aber dem Ligamittelmaß so haushoch überlegen, dass dieses höchstens mal in einem Heimspiel ein Pünktchen organisiert bekam.

Und nun? 1:2 in Bielefeld, 0:1 in Wolfsburg, 1:3 in Bremen, 0:1 gegen Hannover. Was ist da los? Diese Frage sei sehr wohl gestattet, sagte der im Gegensatz zu Hoeneß weiter auf Umgangsformen bedachte Trainer Felix Magath einem ARD-Reporter: "Das fragen sich nicht nur Sie." Das Problem: Die Bayern geraten oft in Rückstand und können dann ihre Überlegenheit, also höhere Ballbesitzanteile und mehr gewonnene Zweikämpfe, nicht in Tore umwandeln. Genau das aber - häufig als "Bayern-Dusel" verkannt - macht sie aus, eigentlich.

Selbstverständlich sollte man sich auch einen Fehler verkneifen, wie Martin Demichelis ihn vor Husztis 0:1 (43.) gegen Jiri Stajner beging. Aber es geht darum, die individuellen und taktischen Mittel zu besitzen, um einen solchen Fehler zur Fußnote zu machen und nicht zum spielentscheidenden Faktor. Sicher: Einigermaßen gut organisiert und kompakt stehen fast alle Bundesligateams. Diese Festungen zu knacken, ist die Stärke des Tabellenführers SV Werder Bremen. Und da hapert es bei den Bayern, egal ob mit zwei oder drei Spitzen, ob mit Kreativspieler Roque Santa Cruz oder/und Ali Karimi. Was die bei Bayern stets wichtigen und gepflegten Standards betrifft, so ist van Buyten zwar kopfballstark, hat aber bisher keinen Treffer geschafft - wie überhaupt die Standards von Bastian Schweinsteiger jede Effizienz vermissen lassen.

Je mehr man nachsinnt, desto mehr verfällt man in die von Hoeneß tabuisierte "Negativität, wenn Bayern mal nicht vorn steht". Und von da ist es nur ein klitzekleiner Schritt, bis man an den ehemaligen Mittelfeldspieler erinnert, der bekanntlich hinten alles organisierte, die Bälle aus der Zentrale vor der Abwehr nach vorn schlug, von den Seiten reinflankte und dann selbst einen nach dem anderen reinköpfte. Sein Name war Ballack. Michael Ballack. Aber schweigen wir darüber. Das wäre doch geradezu Dahlmannscher Populismus. Reden wir auch nicht von Werder Bremen, das den unersetzbaren Micoud ja auch nicht ersetzt hat, bloß einen Ersatzspieler des FC Porto namens Diego verpflichtet, der die Scorer-Liste der Liga mit 15 Punkten anführt (sechs Tore und neun torvorbereitende Pässe). Das heißt, er war an fast so vielen Toren beteiligt wie der gesamte FC Bayern bisher erzielt hat.

Doch Magath und Hoeneß haben sich ganz klar geeinigt, dass es ohne Ersatz für Ballack funktionieren wird. Danach haben sie sich geeinigt, dass Mark van Bommel aus Barcelona geholt wird und dann aber keiner mehr. Nun hat Franz Beckenbauer gestern gesagt, wenn er was zu sagen hätte, würde er weitere Nachkäufe "bewilligen", ja sogar "gut finden". Beckenbauer hat offenbar die Müdigkeit nach der anstrengenden WM überwunden. Das sollte etwaigen anderen WM-Müden Ansporn sein. Und Warnung.

Uli Hoeneß sagte vor dem Spiel, man habe "alberne drei Punkte Rückstand" auf Werder. Nun liegt man halt alberne sechs Punkte zurück. Dafür hat man einen klaren Punkt Vorsprung vor Arminia Bielefeld und dem VfL Wolfsburg. Das ist doch was.

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