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12.11.2006
 

Bundesliga-Kommentar

Auf gute Tabellen-Nachbarschaft

Von Philipp Köster

Was unterscheidet den FC Bayern von Arminia Bielefeld? In der aktuellen Bundesliga-Tabelle lediglich ein Punkt und ein Platz. Doch der wirkliche Unterschied ist größer: Dem Krösus aus München fehlt in dieser Saison das, was das Low-Budget-Team von der Alm auszeichnet.

Der Online-Redakteur des Fußballmagazins "Kicker" hatte es ein bisschen zu gut gemeint mit Arminia Bielefeld. "Arminia vor den Krisen-Bayern" titelte er noch eine Viertelstunde nach dem Spiel. Die letzten zehn Minuten des Bayern-Spiels in Leverkusen hatte er noch nicht auf die Seite bekommen.

Münchens Santa Cruz gegen Bielefelds Borges: "Arminia vor den Krisen-Bayern"
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Getty Images

Münchens Santa Cruz gegen Bielefelds Borges: "Arminia vor den Krisen-Bayern"

Doch auch wenn die Bayern durch zwei späte Tore doch noch an den Bielefeldern vorbeizogen, die ungleichen Tabellennachbarn auf den Plätzen 4 und 5 sind wohl die erstaunlichste Geburt des 12. Spieltags . Denn wenn es nach den vermeintlichen Experten geht, haben beide Mannschaften hier nichts verloren. Nicht der FC Bayern, der wie in den vergangenen Jahren als klarer Favorit auf die Meisterschale gehandelt wurde. Und erst recht nicht Arminia Bielefeld, der allenfalls zugetraut wurde, wieder einmal mit größter Mühe und reichlich Glück die Klasse zu halten.

Sicher, nur eine Momentaufnahme. Am Ende der Saison werden sich schon noch ein paar Plätze zwischen den Platzhirschen aus München und dem Underdog aus Bielefeld geschoben haben. Und dennoch hat die Arminia derzeit möglicherweise genau das, was den Bayern so sehr fehlt – eine Idee davon, was sie als Mannschaft auf dem Platz darstellen möchte.

Dass dem FC Bayern diese Idee fehlt, wurde auch in Leverkusen trotz des glücklichen Siegs wiederum deutlich. So sehr Trainer Felix Magath hinterher die Spieler ob der großartigen Moral lobte, so sehr war das 3:2 ein Produkt der Brechstange und der individuellen Klasse der an den Toren beteiligten Spieler. Im Spielaufbau, in der Kontrolle des Geschehens offenbarte der Rekordmeister hingegen altbekannte Schwächen. Die Angriffsbemühungen gerieten wie schon so oft statisch und ausrechenbar. Zwar übertünchte der nach der Heimniederlage gegen Hannover 96 verständliche Siegeswille diesmal die Ideenlosigkeit im Spiel nach vorne, woher aber Magath die optimistische Erkenntnis nahm, man sei wieder auf dem Weg, die "alten Bayern" zu werden, bleibt sein Geheimnis.

Denn zur Erinnerung – mit dem Schlagwort der "alten Bayern" verbindet der Fußballzuschauer eine Mannschaft voller starker Charaktere, die durch schiere physische und spielerische Präsenz den Gegner auf die Knie sinken lässt. Deren Habitus von der Überzeugung durchdrungen ist, stets und ständig die Nummer Eins zu sein. Von alledem ist derzeit wenig zu sehen, im Jahr Eins nach Michael Ballack sucht der FC Bayern nicht nur nach einer spielerischen Identität, sondern auch nach einer belastbaren Hierarchie. Doch woher nehmen? Aus der gegenwärtigen ersten Elf drängt sich außer Oliver Kahn niemand als Leitwolf auf, weder Jungstar Bastian Schweinsteiger, noch der mit großen Hoffnungen verpflichtete Mark van Bommel, noch der große Schweiger Roy Makaay.

Wozu eine Mannschaft hingegen fähig ist, wenn sie nur genau weiß, was sie kann und was sie will, zeigt der Tabellennachbar aus Bielefeld. Denn so bescheiden das Budget Jahr für Jahr für den Spielerkader ausfällt, so innovativ und konsequent ist mit diesen Geldern in den letzten Spielzeiten gewirtschaftet worden. Bereits unter Thomas von Heesens Vorgänger Uwe Rapolder wurde dabei ein Stil entwickelt, der eben nicht auf überragende Individualisten setzt, die man sich in Bielefeld (Etat 13 Millionen Euro) ohnehin nicht leisten kann. Sondern auf taktische Disziplin, einstudierte Passfolgen, intensive Laufarbeit und Überraschungsmomente beim finalen Pass.

Von Heesen hat diese taktische Ausrichtung verfeinert und institutionalisiert, zudem hat er durch eine geschickte Transferpolitik Spieler wie Jörg Böhme, Thorben Marx oder Jonas Kamper nach Bielefeld geholt, die diesen technisch anspruchsvollen Fußball auch spielen können. Wohin das führt, war am Samstag in Frankfurt zu bestaunen. Obwohl durchaus bemüht, wurde die Eintracht über neunzig Minuten kontrolliert und abgebrüht ausgekontert, so dass auch Frankfurts Coach Friedhelm Funkel nur die Erkenntnis blieb, man habe gegen die bessere Mannschaft verloren.

Solche Äußerungen lassen erkennen, dass die Leistung der Bielefelder inzwischen in der Branche gewürdigt wird. Nicht ganz zu Unrecht hatte sich Torwart Matthias Hain noch unlängst beklagt: "Stets waren unsere Gegner so schwach, wenn wir erfolgreich waren. Es wurde nie richtig hinterfragt, warum wir die Bayern geschlagen oder warum wir zweimal das Pokal-Halbfinale erreicht haben."

Von der internationalen Bühne träumt man in Bielefeld allerdings noch nicht, auch wenn die Anhänger auf die Melodie des Kinderreims "Tomatensalat" bereits vom "Europapokal" singen. Angesichts der gegenwärtigen Verfassung sowohl der Bielefelder als auch der Münchner erscheint es allerdings nicht ganz unwahrscheinlich, dass die vorwitzige Schlagzeile des "Kicker"-Redakteurs demnächst doch noch gebraucht wird.

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