Es war eine jener Szenen, bei der man noch an das Gute im Fußball(er) glauben möchte, selbst wenn es um den HSV geht: Als der Albaner Besart Berisha den Ball in der 28. Minute mit einem Ausfallschritt in das Moskauer Tor gewuchtet hatte, rannte er wie ein Wahnsinniger in Richtung Trainerbank, fiel Thomas Doll um den Hals und winkte aufgeregt seine Mannschaftskameraden herbei. Die ließen sich nicht lange bitten und drückten und herzten ihren Coach so lange, bis auch der letzte unter den 50.000 Zuschauern in der AOL-Arena begriffen hatte: Hier wird kein Tor gefeiert, hier wird zur besten Sendezeit eine spontane Demonstration für einen Übungsleiter veranstaltet, der längst demontiert schien. In einem Spiel, in dem es um nichts mehr ging, weil der HSV alle Chancen auf ein Weiterkommen in der Champions League oder den Einzug in den Uefa-Cup längst verspielt hatte.
Die Szene wirkte umso unglaublicher, weil bis dahin längst die übliche Tragödie ihren Lauf genommen hatte, die immer dann aufgeführt wird, wenn der HSV die europäische Bühne betreten muss: Das Team begann engagiert, erspielte sich Chancen, wirkte vor dem Tor aber völlig hilflos - und ermöglichte einem cleveren Gegner durch unglaubliche Dummheit die Führung. In diesem Fall hatte sich der angeschlagene Timothee Atouba entschlossen, im eigenen Strafraum seinem Gegenspieler ohne Not einfach mal ein Bein zu stellen. Leider hatte Schiedsrichter Stefano Farina genau hingeschaut, den fälligen Elfmeter verwandelte Olic trocken zum 0:1 für ZSKA Moskau.
Doch als selbst die treuesten HSV-Anhänger vor dem Fernseher wohl langsam nach der Fernbedienung tasteten, um sich vom parallel ausgestrahlten WM-"Sommermärchen" trösten zu lassen, da schlug Berisha zu. Ausgerechnet Atouba, der zur tragischen Figur des Abends avancieren sollte, verlängerte eine Ecke per Kopf auf den zweiten Pfosten, dort stand der 21-jährige Albaner, den Doll angesichts der ewig langen Verletztenliste und der chronischen Formschwäche aller Stürmer als letztmögliche Offensivkraft aus dem Hut gezaubert hatte. Nach 28 Minuten stand es 1:1.
Bis zur Halbzeit zeigte der HSV dann mit einem zwar wenig überlegten, aber dafür couragierten Sturmlauf vielleicht die besten 17, 18 Minuten der bisherigen Champions-League-Saison, begünstigt durch einen fast völlig harmlosen Gegner, der sich auf sein feines Kurzpass-Spiel und den schnellen Außenstürmer Krasic verließ. Das Schlimme daran: Das reichte, um den HSV in der zweiten Hälfte zunächst zu düpieren.
Begünstigt wurde der Rückstand durch eine schlimme taktische Fehleinschätzung des Hamburger Trainerduos. Obwohl Atouba völlig überfordert war mit Krasic, entschieden sich Doll und sein Assistent Ralf Zumdick, den Kameruner auch nach der Pause auf der linken Abwehrseite weiterhumpeln zu lassen. Wie kaum anders zu erwarten, produzierte der arme Verteidiger Fehler auf Fehler und brachte die gesamte HSV-Defensive so durcheinander, dass Zhirkov nach 65 Minuten Richtung HSV-Tor spazieren konnte, als gebe es gar keine Gegenspieler. Am Ende des Alleinganges ging Atouba noch rücksichtsvoll zur Seite und ermöglichte dem Russen einen perfekten Abschluss.
Nach dem 1:2 drohte das Spiel sowohl zu kippen als auch zu eskalieren. Zuschauern wie Spielern gingen die Nerven durch. So wurde Atouba gnadenlos von den eigenen Fans niedergepfiffen. Als er sich kurz darauf auswechseln ließ, zeigte er dem Publikum vor Wut mehrfach den gestreckten Mittelfinger. Schiedsrichter Farina zeigte ihm daraufhin - nach der Auswechslung - die Rote Karte. Angesichts der folgenden Tumulte hätte man sich allerdings gewünscht, dass jene pöbelnden Zuschauer, die auch noch ihre Bierbecher in Richtung Atouba schmissen, gleich mit ihres Sitzes verwiesen worden wären.
Doll kommentierte den Ausraster nach dem Spiel: "So eine Reaktion wie von Timothee Atouba ist nicht zu entschuldigen, darüber werden wir reden. Es ist aber auch nicht schön und tut weh, wenn man als einzelner Spieler vom eigenen Publikum gnadenlos ausgepfiffen wird. Es bringt nichts, ihn jetzt an die Wand zu nageln. Er wird weiter für uns spielen."
Dass es der HSV nach diesen Szenen, als wieder einmal Verzweiflung und Disziplinlosigkeit eine gute Leistung hinweg zu fegen drohten, noch einmal schaffte, das Spiel zu drehen, spricht in hohem Maße für die Mannschaft samt Doll. Vor allem der enorme Wille, den der agile Berisha und Kapitän Rafael van der Vaart demonstrierten, sorgte für den ersten Sieg im sechsten Champions-League-Spiel.
Van der Vaart traf mit einem platzierten Flachschuss von der Strafraumkante zum Ausgleich und zauberte bald darauf einen prächtigen Pass auf den eingewechselten Boubacar Sanogo aus dem Fußgelenk, der den Ball in der 90. Minute mit Wut und der Fußspitze unter die Latte des Tores knallte. Ein dramatisches Spiel ohne große Klasse hatte sich am Ende in ein kleines HSV-Herbstmärchen gewandelt.
Ein aufgelöster Thomas Doll schwärmte: "In diesem Spiel war alles drin. Wir haben gelitten, dann wieder gehofft und sind am Ende glücklich, dass wir mal wieder gewonnen haben. Es ist schön, dass die Mannschaft mal wieder gespürt hat, wie sich ein Sieg anfühlt." Ob der Sieg auch eine Kehrtwende beim HSV einleitet, wird aber erst das nächste Bundesligaspiel am Samstag gegen den 1. FC Nürnberg zeigen.
Hamburger SV - ZSKA Moskau 3:2 (1:1)
0:1 Olic (23./Foulelfmeter)
1:1 Berisha (28.)
1:2 Zhirkov (65.)
2:2 van der Vaart (84.)
3:2 Sanogo (90.)
Hamburger SV: Wächter - Mahdavikia, Reinhardt, Mathijsen, Atouba (69. Feilhaber) - Laas - Jarolim (83. Sanogo), Trochowski - van der Vaart - Ljuboja (75. Guerrero), Berisha
ZSKA Moskau: Akinfejew - Wassili Beresuzki, Semberas, Alexej Beresuzki - Taranow (77. Odiah (86. Kotschubej), Aldonin - Krasic, Dudu (9. Grigoriew), Schirkow - Olic, Carvalho
Schiedsrichter: Farina (Italien)
Zuschauer: 49.649
Gelbe Karten: Atouba / Wassili Beresuzki, Dudu
Rote Karte: Atouba (HSV, 70.) wegen Unsportlichkeit
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