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20.12.2006
 

Bayern-Pechvogel Görlitz

OP statt Fußball-WM

Von Steffen Dobbert

Nationalspieler Andreas Görlitz erlebte die Fußball-WM diesen Sommer nur vor dem Fernseher. Der Bayern-Profi wurde in den vergangenen zwei Jahren fünfmal am linken Knie operiert. Jetzt steht er kurz vor dem Comeback. Das Magazin RUND beobachtete den erneuten Anlauf.

Als die Fans brüllen: "Görlitz, du Judas! Görlitz, du Sau! Zurück zum TSV!", ist für Andreas Görlitz die Welt in Ordnung. Er sprintet, grätscht, und manchmal flankt er den Ball so, wie ihn nur große Fußballstars flanken. Das war im Sommer vor zwei Jahren. Der rechte Außenverteidiger ist 22 Jahre alt und für drei Millionen Euro vom TSV 1860 zu Bayern München gewechselt. 10.000 Zuschauer sehen sein Ablösespiel, das 200. Münchner Stadtderby.

"Ich war mal Bayern-Fan. So eine Phase legt sich aber wieder", sagte er einst als junger "Löwe" in die TV-Kameras. Viele Bayern-Fans haben die Aussage nicht vergessen. Felix Magath verkündet nach dem Spiel, der Görlitz werde in seiner Mannschaft eine gute Rolle spielen. Bis heute hat Görlitz das nicht getan. Dabei ließ sich alles gut an. Fachabitur, Berufung in in Jugendauswahlteams des DFB, er unterschreibt den ersten Profivertrag bei 1860. Dann der Wechsel zu den Bayern.

Anfang September 2004 folgt die Premiere in der Nationalmannschaft. Als einer der Hoffnungsträger unter Jürgen Klinsmann läuft Görlitz gegen Weltmeister Brasilien (1:1) auf den Rasen. Im zweiten Spiel gegen den Iran (2:0) macht der junge Mann mit den unauffällig gestylten Haaren seine Sache auf der rechten Abwehrseite richtig gut. Am 3. November 2004, im Champions-League-Spiel gegen Juventus Turin (0:1), wechselt ihn Magath zur Halbzeit ein.

"Nach 20 Minuten sprinte ich nach hinten, will eine Flanke abblocken und mache einen langen Schritt. Auf einmal macht es peng und es ist alles kaputt. Das spürst du sofort", erinnert sich Görlitz. Riss des vorderen Kreuzbands und Meniskusschaden im linken Knie. Görlitz denkt: Okay, fünf bis sechs Monate, dann geht's weiter. Zusammen mit dem Fitnesscoach der Bayern fliegt er zur ersten Operation nach Amerika. Die Experten, die sogar Sebastian Deisler wieder hinbekommen haben, setzen ein neues Band ein und nähen den Meniskus an zwei Stellen zusammen.

Bayern-Profi Görlitz: "Es ist alles kaputt"
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DDP

Bayern-Profi Görlitz: "Es ist alles kaputt"

Acht Wochen später begleitet ihn seine Freundin Marile nach Colorado. Diesmal schauen die Experten nur zur Kontrolle ins Knie. Alles gut. Die erste große Reha beginnt. Im Kraftraum der Bayern hört Andi Punkrock von Green Day und schaut auf die 50 mal 50 Zentimeter großen, farblosen Deckenplatten. Seine Muskeln wachsen schnell. Schon nach fünf Monaten stößt er wieder zur Mannschaft. Beim ersten gemeinsamen Training verdreht er sich sein Knie, wieder das linke; die Schmerzen ziehen durchs ganze Bein. Eine Naht im Meniskus ist nicht richtig zusammengewachsen.

Aber dafür muss man nicht nach Colorado. Görlitz kommt in Augsburg unters Messer. Danach Reha, Green Day, die farblose Decke. Er powert wie beim ersten Aufbautraining. Aber die Schmerzen kommen wieder. Auch die zweite Naht im Meniskus hat nicht gehalten. In Augsburg entfernen die Experten bei der vierten OP nun alle Fäden und einen Teil des Meniskus. Danach Reha. Im Kraftraum der Bayern starrt Görlitz auf die Deckenplatten. Es ist das Jahr vor der WM. Es soll doch noch alles gut werden.

Im Winter lädt er seine Familie und Freundin Marile zum Urlaub auf die Seychellen ein. Der erste gemeinsame Urlaub seit seiner Kindheit: "Das war eine tolle Zeit", sagt Görlitz. Danach will er unbedingt mit den Profis ins Trainingslager nach Dubai. Er schafft es. Er macht alle Übungen mit. Für einen gesunden Spieler gleicht ein Trainingslager unter Magath der Hölle. Görlitz' Knie reagiert auf die Hölle, es wird dick. Doch er beißt sich durch. Gedrängt hat ihn niemand. Heute gibt er zu, er hätte sich gewünscht, dass jemand sagt: Warte noch, es ist zu früh.

Zurück in München platzen seine Träume. Knorpelschaden. Drei Wochen passiert nichts. Er kann nicht trainieren, der Schmerz zieht durchs ganze Bein. In diesen Tagen ist Görlitz alles zu viel. Bayern-Ersatztorwart Michael Rensing, einer seiner besten Freunde, bemerkt, dass er sich verändert hat. Zusammen haben die beiden viele Bud-Spencer-Filme geguckt. Jetzt unternehmen sie wenig gemeinsam. Görlitz haut ab. Er will etwas für sein Knie machen. Fahrradfahren ist gut für den Knorpel. Zusammen mit einem anderen Freund fliegt er privat für eine Woche nach Mallorca.

Täglich quälen sich die beiden 70 Kilometer über die Insel. Wenn Görlitz morgens aufs Rad steigt, schmerzt das Bein. Wenn er abends ins Bett geht, tut alles weh. Es nützt nichts. Von seiner Familie hat keiner Zeit, deshalb begleitet ihn eine Assistentin von Bayern-Arzt Müller-Wohlfahrt nach Colorado. Die Experten öffnen sein linkes Knie zum fünften Mal. Sie glätten den Knorpel. Danach Reha: Powermusik von Green Day, sein Blick haftet lange an den farblosen Deckenplatten.

Im Sommer sieht Görlitz die WM-Spiele im Fernseher. Sein Muskel ist auch nach der letzten OP wieder schnell gewachsen. Irgendwann während der vergangenen zwei Jahre hat er sich ein Lehrbuch gekauft. Normalerweise liest er wenig. Er sagt, er hatte zu viel Energie, trotz des Reha-Marathons musste die irgendwo hin. "Da habe ich angefangen Gitarre zu spielen." Er lernt alleine, nur für sich. Nach der akustischen Gitarre kaufte er sich eine rote E-Gitarre. Später kam ein Schlagzeug dazu. Seit den Verletzungen spielt er fast jeden Tag. Ein Plakat von Status Quo hängt über den Instrumenten an der weißen Wand seines Hauses, in dem er mit Marile wohnt.

Manchmal spielen er und sein kleiner Bruder zusammen im Keller. Wenn Görlitz von seiner Musik erzählt, grient er immer ein bisschen. Mit den breiten Schneidezähnen und dem runden Gesicht sieht er dann so ähnlich aus wie der Junge auf der Kinderschokoladenpackung. Seit einigen Wochen trainiert Görlitz wieder mit der Mannschaft. Er sprintet, grätscht und flankt, als hätte er es immer getan. Beim Aufwärmen tunnelt er Mark van Bommel und ballt die Fäuste.

"Überragend, Görlitz, überragend", brüllt der Star der Bayern mit tiefer Stimme und holländischem Akzent. Damit er trainieren kann, muss er vor jedem Training und daheim Extraschichten schieben. Im Schlafzimmer liegt eine Matte, auf der Görlitz nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen sein Kniegelenk mobilisiert – um die normale Beweglichkeit herzustellen. Wenn man ihn fragt, was das Schlimmste in den vergangenen zwei Jahren war, kommt die Antwort des 24-Jährigen schnell: "Der Motorradunfall von meinem Freund und der Tod von Opa Werner."

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