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11.01.2007
 

Netzer-Interview

"Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich nie lache"

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, wie Netzer mit Delling im Restaurant umgeht und warum er den Zornausbruch von Rudi Völler nicht verstanden hat.

SPIEGEL ONLINE: Erstaunlicherweise hat sich das in all den Jahren vor der Kamera nicht verändert. Und mit Delling sind Sie auch immer noch per Sie. Spielen Sie mittlerweile nicht doch eine Rolle im Fernsehen?

Netzer: Ich habe nicht für möglich gehalten, wie sehr die Menschen sich für das Verhältnis von Herrn Delling und mir interessieren. Wir beide haben mal in einem Restaurant zu Abend gegessen und sind dort von einem jungen Pärchen angesprochen worden. Die hatten unser Gespräch vom Nebentisch aus mitbekommen und waren ganz begeistert, weil wir uns tatsächlich gesiezt und uns genauso kontrovers unterhalten hatten, wie in der Fernsehkiste. Ich kann nur immer wieder sagen: Wir sind authentisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bisher fast allen Gefahren des Medienbetriebs entgangen. Keine Skandale, keine Kampagnen gegen Sie, alle mögen Netzer. Wie kommt das?

Netzer: Weil ich so bin, wie ich bin. Ich habe eine Familie gegründet und lebe seit 28 Jahren mit meiner Frau zusammen, ohne dass je die Gefahr von Skandalen oder Skandälchen bestanden hätte. Wir sind zufrieden und wir sind bescheiden geblieben. Heutzutage treffe ich immer mehr Übergeschnappte, die glauben Gott weiß was geleistet zu haben, obwohl das nicht der Fall ist. Das Showgeschäft mit seinen Pseudostars und Sternchen ist nicht meine Welt. Weil ich mich bewusst davon fernhalte, werde ich in aller Regel auch von den Medien seriös behandelt.

SPIEGEL ONLINE: Aber manchmal finden sie doch einen Makel. Nach dem Milliarden-Deal mit den Fernsehrechten an der Fußball-WM 2006 wurden Sie zum Fußball-Paten stilisiert.

Netzer: Die Logik der Medien ist einfach: Sie orientieren sich am größten Namen. Ich habe mich bei den anderen Investoren rückversichert, ob sie die Berichterstattung stört. Doch die waren ganz glücklich darüber, jemanden zu haben, auf den sich das Interesse richtet und der ihnen die Presse vom Hals hält. So habe ich die Geschichten laufen lassen. Ich wusste ja, dass sie nicht stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Unternommen haben Sie nichts dagegen?

Netzer: Nein. In meiner Zeit als HSV-Manager in den Achtzigern habe ich es noch mit Gegendarstellungen versucht – und festgestellt, dass es nichts bringt. Man wirbelt eine Geschichte nur noch mehr auf.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren Spieler und Trainer hart und bewahren Distanz. Was halten Sie von dem sonst so häufig anzutreffenden Kuschelverhältnis zwischen Medienleuten und Sportlern?

Netzer: Der Boulevardjournalismus hat zu allen Zeiten erstklassige Kontakte zu den Spielern oder ihrem Umfeld gehabt. Es ist normal, dass gute Beziehungen gesucht werden, Insidergeschichten wären sonst nicht möglich. Aber es muss auch Leute geben, die den Fußball realistisch betrachten. Dazu zähle ich mich. Ich traue mich, Dinge anzusprechen, um die sich andere diplomatisch herummogeln, aus Angst, oder weil sie bestimmte Interessen verfolgen. Das ist bei mir nie der Fall gewesen, obwohl meine Firma Vertragspartner des DFB ist. Meine Kollegen bei Infront mussten sich übrigens auch erst daran gewöhnen, dass ich die Nationalmannschaft derartig kritisiere.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie an den Wutausbruch des damaligen Teamchefs Rudi Völler über Ihre vernichtende Kritik nach dem 0:0 der Nationalmannschaft bei der EM-Qualifikation im September 2003 gegen Island denken – ist es nicht manchmal auch eine Bürde, der Scharfrichter des deutschen Fußballs zu sein?

Netzer: Nein. Und ich bin heute noch froh, dass wir diesen Ausbruch so souverän abgehandelt haben. Ich habe überhaupt nicht verstanden, worüber Rudi Völler sich damals beklagt hat. Alle Fakten haben gegen seine Äußerungen gesprochen. Unglaublich, was für eine große Sache daraus wurde. Als beim nächsten Spiel der Nationalmannschaft gegen Schottland Völler nach dem Spiel zu uns zum Gespräch kam, da war die Quote höher als beim Spiel selbst. Darüber amüsiert sich der Programmdirektor heute noch.

SPIEGEL ONLINE: Als Ehrenmann des deutschen Fußballs sind Sie mittlerweile eine Medienmarke und könnten nach dem Vorbild Franz Beckenbauers Werbung für viele Produkte machen. Sie werben aber lediglich für einen Finanzdienstleister. Haben Sie Angst um Ihr Image?

Netzer: Das ist das Eine. Außerdem empfände ich es meinem Werbepartner gegenüber als nicht seriös, für zehn Sachen gleichzeitig zu werben. Außerdem sollen meine Werbeauftritte glaubwürdig sein. Ich bin ein analytischer, seriöser Mensch, passe also zu einer Bank.

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten gern, ein unambitionierter Phlegmatiker zu sein, dem alles mehr oder weniger zugefallen ist. Wieso will Ihnen das keiner so recht glauben?

Netzer: Weil die Geschichte einfach zu gut ist. So wie mein Leben verlaufen ist, kann sich niemand vorstellen, dass es da keine Strategie gibt. Aber es gibt wirklich keine. Ich habe lediglich die Chancen, die sich boten, schneller erkannt und genutzt als andere. Hinzu kommt, dass ich eine gewisse Rätselhaftigkeit schon in frühen Jahren gepflegt habe, ich habe eine Mauer um mich herum errichtet. Mich interessieren die Menschen, die sich die Mühe machen, diese Mauer einzureißen. Die ergründen wollen, was sich dahinter verbirgt.

SPIEGEL ONLINE: Der Mauerbau hat zur Legendenbildung beigetragen.

Netzer: Die Medien haben einen Netzer-Mythos geschaffen, der manchmal übertrieben ist. Er gefällt mir durchaus, aber er hat mich nie verleiten können, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich bin authentisch, so wie ich mich öffentlich präsentiere. Es ist noch mehr vorhanden, als ich bereit bin zu offenbaren, aber im Großen und Ganzen bin ich einfach ich.


Interview: Sebastian Hofer

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