Frage: Dedé, stimmt es, dass Sie als Kind gemeinsam mit Lincoln von Schalke 04 Eis verkaufen mussten, damit die Familien überleben konnten?
Dedé: Ja, das stimmt. Wir kommen aus den Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte, und Lincoln ist seit unserer Kindheit mein bester Freund. Wenn es mir nicht gutgeht, kommt er, um mir zu helfen. Wenn es ihm nicht gut geht, fahre ich zu ihm.
Frage: Wie haben Sie sich kennen gelernt?
Dedé: Als wir acht Jahre alt waren, haben wir ein gemeinsames Probetraining bei Atlético Mineiro gemacht. Wir waren beide richtig arm und hatten nicht das Geld, um die Tickets für die Fahrt zum Training zu zahlen. In Brasilien geben die Fußballclubs Kindern unter zehn normalerweise kein Geld. Aber bei mir, Lincoln und meinem Bruder Leandro haben sie eine Ausnahme gemacht. So kamen wir zusammen. Jetzt sind wir nicht nur Freunde, wir sind – so kann man das wirklich nennen – Brüder.
Frage: Kurios, dass Sie beide jetzt ausgerechnet bei den Klubs spielen, die die inbrünstigste Feindschaft des deutschen Fußballs pflegen.
Dedé: Ja, aber es wäre ein Traum, eines Tages mit Lincoln zusammenzuspielen. Derzeit sind wir auf dem Platz aber Gegner, und wenn ich ihn umhauen muss, dann haue ich ihn um.
Frage: Ist das besonders schwierig?
Dedé: Das muss man. Ich foule niemanden gern, aber wenn ich muss, mache ich das bei ihm genauso wie bei jedem anderen Spieler. Und er auch. Das ist auch schon passiert.
Frage: Danach tauschen Sie Trikots, und alles ist vergessen?
Dedé: Wir sind Freunde. Wir haben nie Streit gehabt, haben die gleiche Meinung über viele Dinge. Außerhalb des Platzes haben wir genügend anderes zu tun, da sprechen wir auch kaum über Borussia oder über Schalke.
Dedé: Doch, klar. Da mache ich dann einen kleinen Spaß mit ihm und sage: Mach dir keine Sorgen, es gibt viele Clubs, die dich gerne hätten. Du kannst gern zur Borussia kommen. Ein guter Mensch lernt in schlechten Zeiten besonders viel.
Frage: Zuvor war Lincoln in Kaiserslautern, niemand hielt ihn für einen großen Spieler, bis er in Ihre Nähe zog. Gibt es da einen Zusammenhang?
Dedé: Vielleicht hat das mit dem Kopf zu tun. Er hatte ja auch einmal ein Angebot von Bayern, aber hier sind wir immer zusammen. Bei mir zu Hause gibt es immer jemanden, mit dem man über ein anderes Thema sprechen kann, um den Kopf ein bisschen frei zu bekommen. Wenn es dir mal nicht gutgeht, kann dir immer einer helfen.
Frage: Ihr Haus hat einen legendären Ruf als "Samba-WG". So heißt sogar Ihre Internetseite. Gehen auch die anderen Brasilianer vom BVB und von Schalke bei Ihnen ein und aus?
Dedé: Ja. Wir sind alle gut befreundet. Ein normaler Brasilianer, der nach Deutschland kommt, sagt: Oh, mein Gott, was ist das hier? Ich habe am Anfang jeden Tag geweint, es war so schlimm, mein Leben war so teuer, keiner half mir. Ich musste fünfmal am Tag meine Mama anrufen und habe viele Fehler gemacht. Aber ich habe daraus gelernt, und als dann die anderen Brasilianer hierher kamen, konnte ich ihnen bestimmte Dinge erklären. Ewerthon zum Beispiel hat die ersten sechs Monate bei mir zu Hause gewohnt. Der hatte zwar ein Hotelzimmer, aber er schlief jeden Tag bei mir.
Frage: Und den Schalkern schenken Sie auch dieses Gefühl von Heimat?
Dedé: Auf jeden Fall. Das ist genial mit den Jungs. Rafinha ist ein cooler Typ, auch Kevin Kuranyi. Er hat zwar einen deutschen Pass, ist aber auch sehr lustig.
Dedé: Ja.
Frage: Interessant. Sie gelten dagegen als brasilianischer Preuße. Erklären Sie das doch einmal.
Dedé: Ich musste mit acht schon im Supermarkt arbeiten, Autos putzen, die Straße säubern, um Geld für die Familie zu verdienen. Das hat mich Disziplin gelehrt. In Deutschland habe ich viele andere Sachen gelernt. Deutschland war eine sehr große Schule für mich, hier bin ich zu einem richtigen Mann geworden.
Frage: Werfen Ihnen die Leute in der Heimat vor, viel zu ernst, zu ordentlich, zu deutsch zu sein?
Dedé: Nein, nein. Ich habe hier in Deutschland ein zweites Gesicht bekommen, so würde ich das nennen. Trotzdem bin ich immer ein lockerer Typ geblieben. Mein Haus ist voll, da wohnen immer fünf oder sechs Leute, Freunde und Verwandte, die ich aus Brasilien einlade. Wir spielen Karten, Tischtennis und haben viel Spaß. Nur wenn ich zur Arbeit gehe, dann muss ich den Spaß zur Seite legen.
Frage: Das ist Ihr zweites Gesicht, das deutsche?
Dedé: Ja, das kann man deutsches Gesicht nennen. Ich habe durchschaut, wie das hier läuft. Nicht alle, aber viele Deutsche arbeiten von sieben bis 18 Uhr, kommen nach Hause zurück, essen, sehen noch ein bisschen fern oder lesen. Und dann gehen sie um zehn ins Bett.
Frage: Dennoch ist Ihnen dieses für die meisten Brasilianer so unwirtliche Land mit seinen Eigenheiten ans Herz gewachsen?
Dedé: Auf jeden Fall. Dortmund ist meine Familie. Borussia ist wie eine Religion. Ich habe ein großartiges Verhältnis zu den Fans.
Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Interviews, warum Dedé einen deutschen Pass will, er keinen Berater hat und seine Möbel bei Ikea kauft.
Das Interview führten Daniel Theweleit und Peter Unfried.
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