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13.02.2007
 

Spielabsagen

Sachsen will Hooligans kaltstellen

Von Frieder Pfeiffer und Alasdair Thompson

Spielabsagen, um Hooligans zu stoppen: In der Sachsenliga und im Kreis Leipzig wird am Wochenende nicht gekickt. In Fanprojekte und Sozialarbeit will die Landesregierung aber nicht investieren - stattdessen fließen Millionen in Polizeieinsätze.

Hamburg/Leipzig - Nun ruht der Ball: Für das kommende Wochenende hat der sächsische Fußballverband alle Spiele in der Sachsenliga und im Kreis Leipzig abgesagt - rund 60 Partien. Damit folgte der SFV weitgehend der Empfehlung von DFB-Präsident Theo Zwanziger. SFV-Präsident Klaus Reichenbach drohte zudem dem 1. FC Lokomotive Leipzig mit dem Ausschluss aus der Bezirksliga: "Wir müssen uns überlegen, ob wir es uns auf Dauer erlauben können, so einen Verein in so einer Spielklasse zuzulassen."

Polizei-Einsatz bei Spiel in Zwickau: Kampf gegen Windmühlen
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DPA

Polizei-Einsatz bei Spiel in Zwickau: Kampf gegen Windmühlen

Trotz aller Spielabsagen und Ausschlussdrohungen geht die Arbeit des Leipziger Fanprojekts weiter. Eigentlich stehe es gut um das Projekt, sagt Udo Überschär. Sie hätten Räumlichkeiten, eine Halle sogar. Okay, dass Strom und Wasser gelegentlich ausfielen, sei ärgerlich, "doch woanders ist es doch noch viel schlimmer". Überschär ist die Personifizierung des Leipziger Fanprojekts, sein einziger Vertreter. Er kümmert sich um die Ultras in der sächsischen Stadt. Er will sich nicht beschweren, auch wenn es ziemlich viele Hooligans davon gibt, die sich auch noch gegenseitig bekriegen.

Überschär betreut die Fans des Oberligaclubs FC Sachsen Leipzig und des Bezirksligisten Lokomotive Leipzig. Ein Sozialarbeiter für zwei traditionell verfeindete Vereine, ein Mann für 190 Fußballanhänger, die das sächsische Innenministerium als gewalttätig einstuft; eine Stelle für knapp 600 Fans, die nach Charakterisierung des Innenministeriums der Anwendung von Gewalt zumindest zugeneigt sind. Die Leipziger Clubs sind Amateurmannschaften mit einer Fanstärke von Bundesligisten, 40 Prozent aller Problemfans im Freistaat Sachsen fallen unter die Obhut des ortsansässigen Fanprojektes – von Unterbeschäftigung ist Überschär so weit entfernt wie Lok Leipzig von der ersten Liga. Zum Vergleich: Das Hamburger Fanprojekt hat fünf feste Mitarbeiter.

Als vergangenes Wochenende Lokomotive-Ultras nach der Pokalpartie zwischen Leipzig und der zweiten Mannschaft von Erzgebirge Aue die Einsatzkräfte der Polizei angriffen, wurde der personelle Notstand der Leipziger Fanbetreuung wieder deutlich. 51 von 73 sächsischen Gewalttätern in der Saison 2005/2006 kamen laut der zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze der Polizei aus Leipzig. Dies zeigt, dass Überschärs Arbeit allein nicht ausreicht. Was nach langem Anlauf auch der Leipziger Stadtrat erkannt hat, als er Ende des vergangenen Jahres endlich eine zweite Stelle im Fanprojekt bewilligte. So plausibel die Erweiterung scheint, der Kampf in den politischen Gremien war lang.

Auch Christopher Zenker hat sich über den zähen Prozess der Bewilligung "sehr geärgert". Der SPD-Stadtrat will die Schuld im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nicht explizit der Landesregierung zuschreiben. Er sagt jedoch, dass das Land nicht bereit gewesen sei, seinen Teil zu zahlen, was einer Blockade ziemlich nahe kommt. Denn laut dem 1993 eingeführten "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit", welches die Fanprojekte unterstützen soll, hätte das Land für ein Drittel der Kosten aufkommen müssen. Dagegen wehrt sich der Freistaat Sachsen jedoch noch immer und verweist auf eine Jugendpauschale, die jede Kommune ausgezahlt bekomme. Elf Euro für jedes Kind und jeden Jugendlichen unter 21 Jahren. Geld, das auch ohne Fanprojekte niemals ausreicht, wie Elke Hermann, Abgeordnete der Grünen im sächsischen Landtag, findet. "Ohne die zusätzliche finanzielle Hilfe des DFB wären die jetzigen Projekte gar nicht möglich", so Herrmann zu SPIEGEL ONLINE.

Ein Kampf gegen Windmühlen

Dabei wäre der Aufwand für die Erweiterung der Fanprojekte für das Land mehr als erträglich. "Mit 165.000 Euro können neun Stellen geschaffen werden", so Herrmann. Neun Sozialarbeiter, die sich der präventiven Fanarbeit widmen könnten. Doch der Antrag der Sozialpolitikerin zur Aufstockung des Haushalts 2007/2008 um diesen Betrag wurde abgelehnt. Stattdessen gilt weiter die Taktik Schlagstock: Auf Anfrage Herrmanns teilte die Landesregierung mit, allein im Jahr 2006 4,7 Millionen Euro für Polizeieinsatzkräfte rund um die sächsischen Fußballstadien -unter anderem Dresden, Aue, Chemnitz, Zwickau, Leipzig - ausgegeben zu haben. Reaktion geht vor Prävention. Ein zum Scheitern verurteilter Kampf, wie die Geschehnisse des vergangenen Samstags zeigen.

Bei der Lösung der aktuellen Probleme greift das sächsische Innenministerium nun jedoch zu drastischen Maßnahmen. Demnach sollen zukünftig bei brisanten Spielen landesweit so genannte Sport-Staatsanwälte zum Einsatz kommen, die bei Bedarf an Ort und Stelle Haftbefehle beantragen können. Dies teilte Innenminister Albrecht Buttolo heute mit. Selbst Gesetzesänderungen schloss er nicht aus, Details nannte Buttolo aber nicht. "So kann und darf es nicht weitergehen", erklärte der Minister.

Matthias Gärtner, ehemaliger Landtags-Abgeordneter der PDS/Linke in Sachsen-Anhalt und Mitglied des Bündnisses aktiver Fußballfans (Baff), spricht vom "Kampf gegen Windmühlen", der nie vorbei sei, solange nicht vorbeugend in Fanprojekte investiert wird. "In Leipzig ist über Jahre nichts passiert", so Gärtner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Hooligan-Szene habe so wachsen können. "Die Ultras waren die einzigen, die nach der Pleite auch in der 11. Liga mit auf die Dorfplätze gefahren sind. Sie haben sich im Verein integriert", so Gärtner, "die können sie jetzt nicht einfach wieder rausschmeißen."

Auch bei den Ausschreitungen am Wochenende habe der Kern der 150 Lok-Ultras die anderen Anhänger angestachelt, sagt Gärtner. "Sie ziehen die Fäden und führen die restlichen Fans regelrecht in die Schlacht." In der nächsten Pokalrunde wäre es bei einem Sieg über Aue für Lokomotive gegen den Lokalrivalen FC Sachsen gegangen. Nach der Niederlage habe die Enttäuschung über das entgangene Leipziger Derby in der Gewalt Ausdruck gefunden. "Die haben sich gesagt: Wenn es schon nicht zu Schlägereien mit Sachsen-Anhängern kommt, dann eben jetzt", so Gärtner. Im "Kampf um Leipzig", wie die Feindschaft zwischen Sachsen und Lokomotive in der Szene genannt wird, helfe laut PDS-Politiker Gärtner nur das Warten auf eine "neue Fangeneration". Und auf neue Sozialarbeiter in den Fanprojekten.

Alleinkämpfer Überschär fühlt sich momentan "wie auf einer Feuerwehrstelle, ich lösche da, wo es am heftigsten brennt". Mit dem neuen Kollegen will er "mehr Hintergrund- und Öffentlichkeitsarbeit machen", sagt er. Und das, was er auch jetzt schon mache, "dann eben zu zweit". Eines sei aber klar: "Auch zwei Stellen sind viel zu wenig."

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insgesamt 398 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
03.12.2007 von P-Berg:

Ja. Alle. So, wie alle Politiker korrupt, alle Arbeitslosen einfach zu faul zum arbeiten (Liste beliebig erweitern) sind. Hat denn jemand behauptet, alle Fans wären friedliche Engel ? Nein. Also nicht bitte wieder mit den [...] mehr...

03.12.2007 von Rover:

Nein, Fußballfans sind nicht per se "böse", aber es gibt unter Leuten, die sich als solche ausgeben, eben auch Gewalttäter. Und deren Anteil ist bei einigen Clubs (HSV, einiges Ostclubs) sicher größer als bei anderen. mehr...

03.12.2007 von VisualTwo:

Sind Fußballfans etwa böse? Laut BILD und einschlägiger "Fußballfans" sind doch eher Pozilisten die Prügelknaben ;-) mehr...

03.12.2007 von P-Berg:

Tja, negative Schlagzeilen, hinterlassen so unschöne Flecken auf dem "Premium-Produkt" der DFL ... was nicht sein darf, ist auch nicht. Die bösen Schmuddelkinder im Osten sind dann eben der mediale Sündenbock. mehr...

03.12.2007 von Rover:

Wo ist überhaupt jegliche Berichterstattung? Auf SPON gibt es einen großen Bericht zu einem verletzten Poilzisten in Belgrad, aber zu Bremen finde ich nichts. Was ich da gesehen habe (und leider als friedlicher Fan vor dem Spiel [...] mehr...

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