Der November 1973 war ein schwieriger Monat in Chile. Augusto Pinochet und das Militär hatten gegen Präsident Salvador Allende geputscht, Soldaten patrouillierten auf den Straßen. Genau 14 Tage danach stand für uns das Rückspiel der Qualifikation für die WM 1974 gegen die Sowjetunion an. Im Hinspiel in Moskau hatten wir ein Unentschieden geholt, 0:0, eine fantastische Ausgangsposition für das Rückspiel: Wir mussten einfach nur gewinnen und wussten, dass wir das schaffen können.
Ich selbst habe nie Zweifel daran gelassen, dass ich gegen jede Art der Diktatur war und immer noch bin, egal ob von rechts oder links. Zum damaligen Zeitpunkt hielten meine Mannschaftskollegen und ich aber nichts von der Vermischung von Fußball und Politik. Wir glaubten auch eher an eine Ausrede der Russen und dachten, sie hätten Angst, nach unserem guten Hinspielergebnis die Teilnahme an der WM zu verspielen. So war schnell klar, dass weder wir noch die Fifa einwilligen würden, den Austragungsort zu wechseln. Es blieb also bei der ursprünglichen Ansetzung am 21. November.
Doch was war das für eine bizarre Situation am nächsten Tag! Uns wurde klar, dass sich Politik und Fußball doch nicht so leicht voneinander trennen ließen. Das ganze Stadion war voll mit Soldaten, einige von ihnen eskortierten uns sogar ins Stadion und auf den Platz. Und dann standen wir auf dem Rasen: allein, ohne Gegner. Elf Chilenen in diesem riesigen Stadion. Wir kamen uns aber nicht nur auf dem Platz ziemlich alleine vor, auch die Ränge waren so gut wie leer. Das Estádio Nacional de Chile fasste damals an die 100.000 Zuschauer, an diesem Tag waren es höchstens 15.000, plus elf Männer auf dem Rasen. Dabei ging es doch um die WM-Qualifikation.
Statt richtiger Fans saßen nur geladene Gäste im Publikum, in dieser unruhigen Zeit war es den Menschen verboten, ins Stadion zu gehen. Die Stimmung war dementsprechend gespenstisch. Ich wäre am liebsten sofort wieder gegangen, doch der österreichische Schiedsrichter Erich Linemayr wies uns darauf hin, dass die Partie angepfiffen werden müsste, um die Qualifikation sicherzustellen. Wir stellten uns also auf und er pfiff das Spiel an. Wir gegen niemanden! Unsere drei Stürmer, Carlos Reinoso, Julio Crisosto und Kapitän Francisco "Chamaco" Valdés, schoben sich den Ball ein paar Mal hin und her, zum Schluss bekam Francisco das Leder und schob es zum 1:0 ein.
Das reichte bereits, wir waren qualifiziert. Das Publikum applaudierte höflich. Ich habe danach noch viele Tore miterlebt, aber dieses würde ich in jeder Hinsicht als "historisch" bezeichnen. Der Schiedsrichter musste die Partie nach dem Tor direkt abpfeifen, es war ja niemand da, der den Wiederanstoß hätte ausführen können. Es war wirklich das mit Abstand absurdeste Spiel, das ich je absolviert habe und wohl auch das kürzeste WM-Qualifikationsspiel der Fußballgeschichte.
Protokoll: Mariann Gibbon
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