Von Christian Gödecke, Duisburg
Joachim Löw hatte sie gehört und auch Thomas Hitzlsperger war sich sicher: Ja, da waren Pfiffe gewesen. "Schade", sagte der Bundestrainer und schaute sehr ernst dabei, "das hat die Mannschaft nicht verdient". Hitzlsperger gab sich diplomatischer und äußerte sogar Verständnis. Aber immerhin seien es ja "nur wenige Menschen gewesen".
An Pfiffe konnte man sich im Zusammenhang mit der deutschen Nationalmannschaft lange nicht mehr erinnern, zuletzt gellten sie durchs Stadion, als sich das DFB-Team durch die WM-Vorbereitung quälte. Ein Jahr später schickten die Fans ihr Team wieder mit Buhrufen in die Kabinen, und es waren anders als in Hitzlspergers Wahrnehmung nicht wenige, sondern der Großteil der 31.000 Zuschauer in der MSV-Arena. Dabei ging es gar nicht darum, welche Spieler dort unten auf dem Platz standen, sondern welche nicht.
Roberto Hilbert anstatt Bernd Schneider, Piotr Trochowski für Bastian Schweinsteiger, Simon Rolfes für Michael Ballack und Jan Schlaudraff für Lukas Podolski - in Duisburg hatte man auch nach dem Spiel kein Verständnis für die Maßnahme von Löw, die überspielten WM-Stars zu schonen. Der Versuch des DFB, seine Anhänger nach den Diskussionen um die Aufstellung einer B-Elf mit kostenlosen Schals und Mützen zu besänftigen, scheiterte kläglich. Für Löws Experiment gilt das trotz der 0:1 (0:0)-Niederlage nicht ganz.
Man vergaß vor diesem Spiel, dass die Partie gegen die Dänen nicht nur eine Chance für diese Perspektivspieler bedeutete, sondern auch Druck. Es galt, einen Ruf zu verteidigen, der in zwei Jahren mühsam aufgebaut wurde. Eine hohe Niederlage gegen die Dänen konnte diesen beschädigen, selbst wenn sie durch eine B-Mannschaft zustande kam. Schon kurz vor Anpfiff waren deshalb wie zur Selbstvergewisserung gegenseitige Anfeuerungen zu beobachten, Simon Rolfes (null Länderspiele) klatschte Jan Schlaudraff (zwei Länderspiele) ab, während des Spiels feuerte Clemens Fritz (vier Länderspiele) Roberto Hilbert (null Länderspiele) an. So ging das nach jedem Ballverlust oder jeder halben Chance. "Nervosität" gab Hitzlsperger später als Grund dafür an. "Das war nicht einfach."
Als Rezept gegen die Aufregung habe der Bundestrainer vorgegeben, "mutig nach vorn zu spielen", sagte der Profi des VfB Stuttgart, mit 23 Länderspielen nach Kapitän Kuranyi (37) der erfahrenste Deutsche auf dem Platz. Doch das gelang erst ab der 20. Minute, vorher hatten die Dänen durch Verteidiger Daniel Agger (Kopfball) und Nicklas Bendtner mit einem Schuss aus 18 Metern schon in den ersten zwei Minuten gefährliche Chancen. Erst rettete Robert Enke, dann klärte Piotr Trochowski auf der Linie. Als in der zehnten Minute plötzlich auch noch fünf Rasensprenger begannen, die linke deutsche Angriffsseite zu befeuchten, schienen sich auch noch höhere Mächte gegen die Deutschen verschworen zu haben. Nass wurde aber nur Trochowski, aus den Lautsprechern schallte "ein bisschen Spaß muss sein".
Unübersehbar waren zu diesem Zeitpunkt schon die Abstimmungsprobleme in der DFB-Hintermannschaft. Die Dänen spielten ihre Steilpässe immer wieder in die Schnittstellen der Viererkette, in der Alexander Madlung und Manuel Friedrich schnell bewusst wurde, dass man eine genügende Abstimmung nicht durch acht Tage Training erreicht. Beide hatten in einem Pflichtspiel noch nie zusammen auf dem Platz gestanden, ebenso wenig wie Rolfes/Hitzlsperger im zentralen Mittelfeld oder Schlaudraff und Kuranyi vorn. Löw nahm das ebenso in Kauf wie die Tatsache, dass seine Serie von acht ungeschlagenen Spielen reißen könnte: "Man kann nicht die Nachwuchsförderung propagieren und dann enttäuscht sein, wenn man verliert."
Dabei sah es zwischenzeitlich gar nicht so schlecht aus, was die unerfahrene DFB-Elf (Durchschnittsalter: 24,4 Jahre) gegen "eine der besten Mannschaften Europas" (Hitzlsperger) ablieferte. Es war eben nur nicht das, was man von einem deutschen Team erwartet, das die Ansprüche ihrer Anhänger in punkto Spielkultur, Schnelligkeit und Technik so erhöht hat. Die Mannschaft habe "alles gegeben", sie sei in der ersten Hälfte "ganz gut organisiert" gewesen, so Löw, "und hat dann mit viel Kraft und Einsatz versucht, das Spiel noch zu drehen". Kraft und Einsatz ersetzten Spielfreude und Brillanz - exemplarisch dafür war die nicht jugendfreie Grätsche des Leverkuseners Rolfes gegen Dennis Rommedahl kurz vor der Pause.
Die "wichtigen Erkenntnisse", von denen Löw nach dem Spiel sprach, werden aber womöglich auch darin bestehen, dass jeder Einzelne auf dem Platz sich wenigstens redlich mühte, die Insignien des neuen deutschen Spiels zu beherzigen. So schlug Manuel Friedrich einen Ball in Bedrängnis nicht auf die Tribüne, sondern leitete gleich einen Angriff ein - auch wenn der Pass im Aus landete. Schlaudraff versuchte sich immer wieder an Doppelpässen mit Kuranyi und lauerte auf Steilpässe aus dem Mittelfeld - auch wenn er dabei zehn Mal ins Abseits lief. Und Marcell Jansen sprintete ein ums andere Mal zur Grundlinie und flankte - auch wenn diese oft Abnehmer fanden.
Die Dänen spielten cleverer, bestimmten den Spielrhythmus und mussten sich nur eine schlechte Chancenverwertung vorwerfen lassen. Kahlemann (45.) und Bendtner (70.) scheiterten an Enke, Jansen rettete vor Rommedahl (68.). Enke, wie Hilbert, Gonzalo Castro, Patrick Helmes, Stefan Kießling und Rolfes in seinem ersten Länderspiel, wurde zum besten Mann auf dem Platz - beim Gegentor durch Bendtner in der 81. Minute war er machtlos.
Wenn es Anfang Juni in Wales wieder um die EM-Qualifikation geht, wird Enke weiter dabei sein, auch wenn die Stammspieler zurückkehren. Gute Chancen dürfte auch ein Zweitligastürmer haben. Patrick Helmes (Köln) stand in Duisburg nur zwölf Minuten auf dem Platz, zeigte in dieser kurzen Zeit aber eine Torgefährlichkeit, die Löw später von "sehr guten Ansätzen" sprechen ließ. In der 80. und 84. Minute vergab er jedoch knapp, zwei Minuten vor dem Ende traf Helmes nur die Querlatte.
Die Pfiffe nach dem Spiel hätte aber wohl auch ein Tor des Stürmers nicht verhindert.
Deutschland - Dänemark 0:1 (0:0)
0:1 Bendtner (81.)
Deutschland: Enke (29 Jahre/1 Länderspiel) - Fritz ( 26/5), Madlung (24/2), Manuel Friedrich (27/7), Jansen (21/14) - Hilbert (22/1 - 58. Freier/27/19), Hitzlsperger (24/23), Rolfes (25/1 - 71. Castro/19/1), Trochowski (23/3) - Kuranyi (25/38 - 46. Kießling/23/1), Schlaudraff (23/3 - 78. Helmes/23/1)
Dänemark: Thomas Sörensen (30/62 - 46. Christiansen/28/7) - Priske (29/23), Gravgaard (28/14), Agger (22/13), Jacobsen (27/11) - Poulsen (27/47 - 46. Andreasen/23/2), Daniel Jensen (27/28 - 46. Würtz/23/6), Kahlenberg (24/14 - 46. Grønkjær/29/63) - Rommedahl (28/65 - 76. Busk Poulsen/22/1), Tomasson (30/88 - 56. Dennis Sörensen/25/3), Bendtner (19/6)
Schiedsrichter: Webb (England)
Zuschauer: 31.500 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Rolfes / -
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Die WM findet leider in China statt, da ist Anstoß um 14 Uhr. Wie soll man sich denn da eine Meinung bilden und diese hier ungefragt kundtun? :o) Obwohl, ich habe gestern auf Eurosport teilweise die Wiederholung England - [...] mehr...
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Vielleicht ist es genau diese Einstellung, die die Deutschen in vielen Dingen so stark macht. Man gibt sich halt nur selten zufrieden mit dem Erreichten. Ich finde das zwar auch nicht optimal, aber Selbstunterschätzung ist [...] mehr...
Vielleicht hört man auch eher die negativen Stimmen, auch wenn es viel weniger sind. In meinem Freundes,- Bekannten-, Verwandten- und Kollegenkreis sind alle Fußballinteressierten derzeit högschd zufrieden. Ich kann mich [...] mehr...
Hallo, möchte denn keiner der Administratoren einen Thread zur Frauenfußball-WM eröffnen? Immerhin sind wir ja Weltmeisterinnen und hoffen auf eine Titelverteidigung. mehr...
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