Von Dirk Brichzi
Hamburg - Fast 93 Minuten waren vorüber im Giuseppe-Meazza-Stadion, da hatten sich die Bayern-Oberen sicher schon ihren verbalen Schlachtplan zurechtgelegt. Schließlich hatte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge vorsorglich einen Tag vorher die Ansetzung des russischen Schiedsrichters Juri Baskakow kritisiert. Und dann pfiff der unerfahrene Unparteiische tatsächlich einen lächerlichen Elfmeter für Milan. Kaka verwandelte zum 2:1, die Bayern schnaubten vor Wut, doch dann kam Daniel van Buyten, der den Ball in letzter Sekunde am schlecht postierten Mailänder Torwart Dida zum 2:2 in eine winzige Lücke am kurzen Eck beförderte und dafür sorgte, dass nun wenigstens auch über das Spiel und nicht nur über den Schiedsrichter diskutiert wird. Das ist gut, denn so kommen vielleicht einige Dinge zur Sprache, die sonst in der Aufregung über einen falschen Pfiff glatt untergegangen wären - und die man in München nicht gern hören wird. Die wichtigsten Punkte: Milan wird die Champions League in dieser Saison eher nicht gewinnen - Bayern allerdings auch nicht. Während die Altherrentruppe aus Mailand über weite Strecken die Partie dominierte und gelegentlichen Spielwitz an den Tag legte, herrschte bei den Bayern Biederkeit vor. Bis die Bayern den Spieß umdrehten und so kaltblütig ein Unentschieden ergaunerten, wie man es sonst nur von italienischen Mannschaften kennt. Falls der Sturmtank van Buyten ein taktischer Winkelzug gewesen sein sollte, geht ein Glückwunsch an Ottmar Hitzfeld. Sah aber nicht danach aus.
Denn es reichte ein Blick auf die andere Partie des Abends, um zu sehen, was den Bayern derzeit fehlt: die Fähigkeit zu einer Überraschung, einem Paukenschlag, einem Husarenstreich. 3:0 gewann Liverpool in Eindhoven, was trotz der Favoritenrolle der Engländer in der Höhe doch nicht erwartet worden war. Schon im Achtelfinale gelang den "Reds" ein Coup beim 2:1 in Barcelona. Und wer will angesichts der mäßigen Leistungen in der Premier League bitte behaupten, dass es sich bei Liverpool um eine Übermannschaft handelt?
Ein Blick in die Statistik reicht, um zu sehen, woran es bei Bayern hapert: Der letzte Auswärtssieg in der K.o.-Runde der Champions League liegt genau sechs Jahre zurück - damals gewannen die Münchner am Ende den Titel. 1:0 hieß es im Halbfinale 2001 in Madrid, Giovane Elber war der Torschütze, Real deutlich überlegen, aber trotzdem schwebte damals immer das Gefühl mit: Das wird schon.
Beim Auftritt der Münchner in Mailand herrschte dagegen lange bange Ratlosigkeit: Ob das noch was wird? Und wenn, dann nur wegen Michael Rensing. Der Ersatz von Oliver Kahn erwischte einen Glanz-Abend im Tor, hielt mindestens einen Unhaltbaren und verhinderte einen höheren Rückstand. Bei beiden Gegentreffern war er dagegen machtlos.
Sicher war der Elfmeter für Milan ein schlechter Witz, aber man könnte ihn als ausgleichende Gerechtigkeit für eine fast identische Situation in der ersten Hälfte werten: Da traf Lucio deutlich die Beine von Kaka und nur ein bisschen den Ball, die Pfeife von Baskakow blieb stumm - dabei hätte es Strafstoß geben müssen. Auch beim wegen Abseits nicht gegebenen Treffer von Alberto Gilardino lag das Schiri-Gespann daneben. Die Diskussionen um den gegebenen Elfmeter sollten also schnell verstummen.
Stattdessen sollten die Bayern lieber ihrem langen Belgier mit Kniefällen huldigen. Daniel van Buyten machte beide Tore für sein Team. Van Buyten, in dieser Saison selten ein Bollwerk in der Bayern-Abwehr und auch in Mailand mit einigen Stellungsfehlern, war als Aushilfs-Stürmer zweimal zur Stelle. Schließlich lief vorher im Angriff wenig zusammen beim deutschen Meister: Roy Makaay wurde nur mit langen Bällen gefüttert und stand auf verlorenem Posten, Lukas Podolski lief viel, tauchte allerdings nur selten dort auf, wo er gebraucht worden wäre.
Immerhin: Selbst die Einwechslung von Filippo Inzaghi konnte die Münchner nicht schrecken. Dabei löst der Milan-Stürmer spätestens nach seinen beiden Treffern im Rückspiel der vergangenen Saison so etwas wie eine Angststarre in der kompletten Verteidigung inklusive Torwart aus. Vielleicht lag es auch daran, dass Rensing im Tor stand und nicht Kahn. In acht Tagen wird es wieder andersrum sein. Dann hütet Kahn das Bayern-Tor nach abgelaufener Sperre, und im Mittelfeld wird Mark van Bommel wieder die Fäden ziehen.
Kann sein, dass die Bayern dann wieder besser spielen. Durchaus möglich, dass sie am Ende sogar über Mailand triumphieren und ins Halbfinale einziehen. Milan ist jedoch auch nach dem 2:2 im Hinspiel nicht zu unterschätzen. Die Bayern sollten schon mal vorbauen und vorbeugend die Ansetzung des Schiedsrichters kritisieren. Es könnte sein, dass der Dusel im Rückspiel wieder auf Seiten der echten Italiener ist.
AC Mailand - Bayern München 2:2 (1:0)
1:0 Pirlo (40.)
1:1 van Buyten (78.)
2:1 Kaka (84.)
2:2 van Buyten (90+3.)
Mailand: Dida - Oddo, Nesta, Maldini - Jankulovski (86. Kaladze), Gattuso, Pirlo, Ambrosini, Seedorf (85. Gourcuff), Kaka - Gilardino (71. F. Inzaghi)
Bayern: Rensing - Sagnol (68. Lell), Lucio, van Buyten, Lahm - Salihamidzic, Ottl, Hargreaves, Schweinsteiger - Makaay (85. Santa Cruz), Podolski (68. Pizarro)
Schiedsrichter: Baskakov (Russland)
Zuschauer: 67.500 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Salihamidzic, van Buyten / Gilardino
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